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Reisetagebuch 9.5: Krank in Pakistan

Montag, 06.11.2017, Passu- Gilgit: 150 km

Heute treten wir lieber wieder den Rückweg an in Richtung tiefere Regionen. Es wird hier oben immer kälter und die Hotels haben weder Heizung noch heißes Wasser.

Am Attabad See legen wir einen längeren Stopp ein. 
Der See entstand durch einen Erdrutsch am Hunza-Fluss bei dem ganze Dörfer überschwemmt wurden. Wir genießen den herbstlichen Karakorum Highway nochmal in vollen Zügen, bestaunen erneut das schöne Hunzatal und die kleinen urigen Bergdörfer entlang des Weges. 

Zurück in Gilgit schlagen wir wieder unser Zelt im Innenhof des PTDC Hotel auf und spazieren etwas durch die Stadt.


In einem Straßenrestaurant wird uns neben dem typischen Reis und Dal auch Rindfleisch aufgetischt.
Es schmeckt richtig gut!

Dienstag, 07.11.2017, Gilgit- Chilas: 133 km

Unser Zelt ist schnell abgebaut und verstaut, wir starten also früh.

Wie auch schon auf der Hinfahrt lacht die Sonne und wir genießen die Strecke. Wir halten an dem Rastplatz, an dem Melli auf dem Hinweg ihren Handschuh verloren hatte. Und tatsächlich finden wir ihn nach kurzem Suchen hier wieder!

Kurz darauf erreichen wir wieder einen Checkpoint in der Nähe eines Nanga Parbat Viewpoints, ab dem wir eskortiert werden. Da die Eskorte allerdings noch auf sich warten lässt, essen wir hier noch eine Kleinigkeit zu Mittag.
Leider versteckt sich heute der Nange Parbat mit seinen 8.125m hohem Gipfel komplett in den Wolken. Deswegen gibt’s nur ein Foto vom Schild:

Wir werden bis zum Shangrila Hotel in Chilas eskortiert. Matze handelt den gleichen Zimmerpreis wie beim letzten Mal aus und wir dürfen in Begleitung eines Polizisten zum nächstgelegenen Kiosk gehen. Die Auswahl dort ist allerdings ganz schön mager, es gibt immerhin ein paar Kekse und Softdrinks für uns. Den restlichen Abend beobachten wir vom Hotelgarten aus die Umgebung, gerne hätten wir das Dorf dieses Mal zu Fuß etwas erkundet.Dieser Aufenthalt im Shangrila Hotel ist nicht annähernd so schön wie der Erste, denn wir vermissen unsere österreichischen Freunde!

Mittwoch, 08.11.2017 Chilas-Besham: 204 km

Ursprünglich wollten wir die gleiche Strecke wieder zurückfahren die wir gekommen sind: Über den Babusar-Pass mit seinen knapp 4.200 m Höhe nach Balakot. Die Strecke war wenig bis gar nicht befahren, der Pass ein richtiges Highlight und die Täler und Dörfer auf der Strecke idyllisch und grün. Doch von anderen Overlandern erfahren wir per Facebook, dass der Babusar-Pass am 04. November wegen Schneefall geschlossen wurde. So haben wir heute keine reine Fahrzeit von ca. 4 Stunden bis ins PTDC in Balakot vor uns, sondern eine doppelt so lange von 8 Stunden bis ins PTDC in Besham. Die Strecke nach Besham gehört allerdings noch zum Karakorum Highway und führt uns zu Beginn oberhalb grüner Täler durch schöne Landschaften.

Allerdings wird die Sicht immer schlechter, einige Streckenabschnitte befinden sich im Sprengungsgebiet und sind in einem miesen Zustand.
Wir essen in einem Restaurant am Straßenrand zu Mittag, uns wird frisch gebackenes Fladenbrot und Leber aufgetischt. Beides sehr lecker!Wie so oft in derartigen Restaurants in Pakistan, stehen auf den Tischen große Wasserbehälter und Trinkbecher, aus denen die Gäste trinken können. Normalerweise meiden wir solches Wasser und Becher. Matze will sich aber ,, abhärten“ und trinkt ab und an ein paar kleine Schlucke, so auch heute.
Wie so oft ziehen wir und das Motorrad die Aufmerksamkeit der Pakistanis auf uns.Als wir in Besham beim PTDC Hotel ankommen ist es schon spät, es war ein langer und anstrengender Fahrtag. Wir dürfen für umgerechnet 7 € im Garten zelten und nehmen das Angebot gerne an.

Donnerstag, 09.11.2017 Besham-Taxila: 248 km             

Schon vor der Dämmerung wacht Matze auf und muss zur Toilette. Es ist kein normaler Toilettenbesuch… Wieder zurück im Zelt trinkt er erstmal eine große Menge Wasser. Vielleichtt ist es ja nur eine kleine Magenverstimmung. Dock kurze Zeit später muss er und das Wasser wieder raus… Mittlerweile ist es hell und Melli fängt an zusammen zu packen. Nach einem typischen pakistanischen Frühstück mit scharfem Masala Omelette, Paratha und Chai brechen wir auf. Auch heute haben wir einen langen Weg von über 6 Stunden vor uns. Matze geht es mittelmäßig. Vor der Stadt Mansehra erhalten wir mal wieder eine Eskorte. Diese besteht aus zwei bewaffneten Polizisten vom „Antiterrorsquat“ auf einem kleinen Moped. Während wir gerade brav unserer Eskorte durch den dichten Verkehr folgen, rutschen wir plötzlich in einer steilen Kurve einfach weg! Wir drehen uns noch auf dem Motorrad sitzend um unsere eigene Achse und rutschen eine gefühlte Ewigkeit über den Asphalt. Sofort sind Pakistanis zur Stelle die sich um uns kümmern und uns helfen das Motorrad wieder aufzustellen. Matze geht es soweit gut. Melli ist auf ihren linken Ellenbogen aufgeschlagen, doch die Protektoren in Ihrer Jacke haben das Schlimmste abgefangen. Gregor scheint soweit auch in Ordnung zu sein!  Der linke Koffer ist verschrammt und vor allem der linke Sturzbügel hat was abbekommen. An dieser Stelle mal wieder ein großes Dankeschön an unseren Partner Wunderlich GmbH für die zur Verfügung gestellten

Sturzbügel und Ventildeckel- & Zylinderprotektoren

Auf der Straße war eine Ölspur, wir konnten absolut nichts tun in diesem Moment! Zum Glück ist uns und dem Motorrad aber nichts Schlimmeres passiert.

Nach wenigen weiteren Kilometern gibt die Eskorte uns wieder frei. Wir legen direkt eine Pause an einer Tankstelle ein, gönnen uns Ruhe, Snacks und kühle Getränke.

Doch Matze fühlt sich mies, er hat plötzlich Magenschmerzen und immer noch Durchfall. Unser Tagesziel Taxila ist weitere drei Stunden entfernt. Wir müssen uns noch durch viele Städte, durch Stau in Abbottabad und durch den generellen höllischen Mix aus Trucks, Autos, Mopeds und Tieren kämpfen, der hier herrscht und immer mehr wird. In Taxila angekommen ist Matze am Ende seiner Kräfte. Mangels Alternativen, checken wir im PTDC Motel ein, das hier wirklich schlecht ist. Denn es ist teuer, hat kein Internet, kein heißes Wasser, die Fenster im dreckigen Zimmer sind kaputt und rund um die Uhr dröhnt der Straßenlärm in unsere Ohren. Melli isst im Restaurant etwas Gemüse mit Reis zu Abend und bringt Matze den Rest. Doch er behält nichts bei sich. In der Nacht geht es ihm unheimlich schlecht. Wir sind uns sicher, dass er von dem Wasser im Straßenrestaurant einen schlimmen Infekt bekommen hat. Er hat heftigen Durchfall, zudem noch starke Gliederschmerzen. In unserer Reiseapotheke haben wir Kohletabletten und Durchfalltabletten, doch nichts scheint ihm diese Nacht zu helfen.

Freitag 10.11.2017 – Samstag 11.11.2107, Taxila: 0 km

Matze geht es nicht besser. Wir versuchen es weiter mit unseren Medikamenten, überlegen aber schon in ein Krankenhaus zu gehen wenn es nicht endlich besser wird! Wie es wohl in einem pakistanischem Krankenhaus zu gehen wird? Und wird er aufgrund der Dehydrierung vielleicht dort bleiben müssen? Was können wir sonst groß tun im Moment? Im Hotelrestaurant bestellt Melli  wieder Reis. So etwas wie Salzstangen gibt es hier in den kleinen Läden nicht. Es gibt bloß Süßkram und Chips. Selbst die Teeauswahl beschränkt sich auf Schwarztee. So kann sie im kleinen Laden in der Nähe bis auf Trinkwasser nicht wirklich etwas für Matze finden. An einem Obststand findet sie zumindest noch Bananen, doch weder Bananen noch Reis kann Matze bei sich behalten. Ohne Internet fühlen wir uns abgeschnitten von der Außenwelt. Matze kann kaum das Bett verlassen, außer wenn er ins Badezimmer muss. Melli geht höchstens bis zur nächstmöglichen Einkaufsmöglichkeit, alleine hier als Frau rumzurennen ist alles Andere als angenehm. Wenn Matze nachts nicht schlafen kann hat er schlimme Schmerzen und er fantasiert sogar schon von heimischen Essen. Die Hotelangestellten sind uns auch keine große Hilfe und so liegen unsere Nerven blank.

Sonntag, 12.11.2017 Taxila- Lahore: 308 km

Matze fühlt sich ein wenig besser und wir wollen nix wie raus aus diesem Motel und auch aus Pakistan!

Am frühen Morgen fahren wir Richtung Süden, vorbei an der Hauptstadt Islamabad. Da wir mit dem Motorrad nicht über den Highway dürfen, müssen wir uns wieder durch das grausame Verkehrschaos der unzähligen Städte und Siedlungen quälen. Nach über drei Stunden haben wir genug davon und wollen uns eine Übernachtungsmöglichkeit suchen, Matze ist noch sehr schwach. Laut Google ist das nächste Hotel noch 10 km entfernt, doch am markierten Ort angekommen sehen wir bloß ein paar Schuppen? Das nächste Hotel entpuppt sich als Restaurant. Im nächsten findet eine Hochzeit statt und daher ist kein Zimmer verfügbar, ein weiteres hat keinen sicheren Parkplatz für Gregor. Viele Kilometer später kommen wir an ein Luxushotel mit utopischen Preisen, die nächste Herberge hat kein warmes Wasser, kein Internet aber super dreckige Zimmer. Am Ende des Tages landen wir in Lahore. Nach über 12 Stunden Fahrt, Matze fühlt sich wie in einem Rausch. Abgesehen von zwei Bananen hat er nur Wasser zu sich genommen. Bevor wir zum uns bereits bekannten Panoramic View Hotel fahren, machen wir noch einen Abstecher zu unserem geliebtem Salt`nPepper Restaurant! Matze hat Hunger und Lust auf Essen, ein gutes Zeichen. Er kann aber dann doch bloß etwas Reis essen. Nach dieser Tortur heute es geht ihm wieder schlechter. Todmüde und erschöpft, aber auch erleichtert darüber es bis nach Lahore geschafft zu haben, gehen wir zu Bett.
Von hier aus sind es nur noch wenige Kilometer bis zur indischen Grenze. Olli und Remo haben uns eine bei Overlandern beliebte Unterkunft in Amritsar empfohlen, dort zieht es uns schnellstmöglich hin.

 

 

Reisetagebuch 9.4 Karakorum Highway

Montag, 30.10.2017, Lahore- Taxila: 309 km

Wir verlassen Lahore in aller Frühe um dem Verkehrschaos ein wenig zu entgehen. Am Stadtrand gibt es riesige, schicke Wohnsiedlungen mit Schranken und Sicherheitspersonal vornedran, ein paar Straßen weiter fahren wir entlang slumartiger Siedlungen. Hier herrschen krasse Gegensätze! Wir könnten unser Tagesziel eigentlich in ca. 4,5 Stunden erreichen, wenn wir über den M2 Highway fahren würden. Dummerweise ist dieser aber für Motorräder verboten und so quälen wir uns weiter über die N5. Hier reihen sich Dörfer und Städte dicht aneinander, der Verkehr ist unendlich nervig. Trucks, Autos, Motorräder, sämtliche Tierarten und Fußgänger strömen aus allen Seiten in sämtliche Richtungen. Und wir sind mittendrin in diesem Chaos, versuchen uns so gut wie möglich anzupassen und nicht gänzlich die Nerven zu verlieren. Irgendwie taucht plötzlich mitten auf der Straße ein riesen Ochse vor einem Karren auf, der bereits die Nerven verloren zu haben scheint und seinem Führer nicht gehorcht. Das Auto vor uns bemerkt dies zu spät, legt eine Vollbremsung hin und wir natürlich auch. Doch trotz des ABS und einem Versuch auszuweichen rammen wir das Rücklicht des Autos mit unserem Blinker. Dieser ist kaputt aber ansonsten ist uns nichts weiter passiert. Der Pakistani steigt aus dem Auto. Er begutachtet den Schaden an unserem Motorrad, begutachtet den Schaden an seinem Auto. Jeder hat einen defekten Blinker, Gleichstand also! Er winkt ab und fährt weiter.

Die Verkehrssituation ist so dicht, dass man gezwungen ist auch nahe aufzufahren ansonsten wird man ständig überholt und abgedrängt. Auch der Asphalt hier ist viel glatter als wir das von zu Hause aus kennen und gewohnt sind. Und bei einer Masse von ca. 500 kg auf zwei Rädern, kommt man dann bei einer Vollbremsung leider nicht so schnell zum Stehen.

Wir fahren bis zu einem ruhigeren Streckenabschnitt und gönnen uns eine Pause!

Unsere Route führt an den Ausläufern der Hauptstadt Islamabad vorbei und wir stehen im Stau. Nachdem wir über 10 Stunden unterwegs sind (ohne groß zu Pausieren), erreichen wir das PTDC Motel in Taxila am Nachmittag. PTDC steht für „Pakistan Tourist Development Corporation“, und es gibt im Land mehrere Hotels und Motels dieser Regierungsorganisation. Uns wurden diese Hotels von anderen Overlandern empfohlen, oft dürfte man für eine Nacht dort umsonst zelten oder man könnte zumindest Rabatte aushandeln. Die Hotels stammen alle aus den 80er oder 90er Jahren, dementsprechend alt ist auch die Ausstattung. Wir sind die einzigen Gäste. Unser Zimmer kostet uns 28 € und es ist alles andere als schön, eins der Fenster ist kaputt, heißes Wasser oder WiFi gibt es nicht. Wir haben aber keine Lust mehr das Zelt aufzubauen. Zudem ist es hier immer noch sehr versmogt und sehr laut am Hotel, ständig brausen Trucks vorbei.  Zu müde um noch einmal aufs Motorrad zu steigen lassen wir uns per Tuktuk zu einem Supermarkt fahren. Wobei Supermarkt ist nicht der richtige Ausdruck. Es ist nur winzige Laden mit geringer Auswahl. Bei einem „Bäcker“ kaufen wir uns ein paar landestypische Süßigkeiten. Sie werden meist aus Grieß hergestellt und mit Zucker, Honig, Butter sowie- je nach Geschmack mit Rosinen oder Mandeln, aber auch Möhren oder Hülsenfrüchten zu einer reichhaltigen, sehr süßen Masse vermengt. Wir haben welche in den Geschmacksrichtungen Mandel, Ingwer und Kokos erwischt. Die süßesten Sachen die wir jemals gegessen haben bisher!

Das Motel hat auch ein Restaurant und so bekommen wir heute Abend auch noch was anderes außer Süßkram in den Bauch! Aufgrund des Straßenlärms und den permanent vorbeiziehenden Jingle Trucks ist die Nacht allerdings wenig erholsam für uns.

 

Dienstag, 31.10.2017, Taxila- Balakot: 150 km

Für die heutige Strecke von 150 km brauchen wir mit Pausen insgesamt 6 Stunden! Wir müssen zum Beispiel durch die Stadt Abbottabad, wo dichter Verkehr herrscht und wir nur sehr langsam vorankommen. Irgendwie haben wir auch immer das Pech zu den Hauptverkehrszeiten in den Städten zu landen, oder es ist gerade Schulschluss und sämtliche kleine Busse, Tuktuks, Autos und Mopeds sind auf den Straßen um Kinder einzusammeln. Wir halten an einer Tankstelle, wollen uns kühle Getränke und ein paar Chips kaufen. Der Tankwart ist so hin und weg von uns und unserem Abenteuer, dass er uns glatt den Einkauf schenkt! Als wir die Stadt Mansehra hinter uns lassen wird die Landschaft grüner und die Strecke immer idyllischer. Noch sind wir nicht auf dem Karakorum Highway. Dieser soll erst im Norden richtig schön werden! Über die von uns gewählte Strecke erreichen wir von Lahore aus schneller den Norden. Und auf der Strecke liegt in Balakot ebenfalls ein PTDC Hotel. Uns wird zuerst ein Zimmerpreis von rund 36 € genannt, als wir fragen ob wir zelten dürfen bieten sie uns ein Zimmer für 15 € an. Wir freuen uns über den Rabatt und nehmen daher das Zimmer, welches dieses Mal geräumiger und sauberer ist. Wir bekommen auch heißes Wasser zum Duschen, es  wird für uns in einem Kessel mit Feuer erhitzt! Auch hier scheinen wir die einzigen Gäste zu sein. Im Restaurant essen wir bevor wir schlafen gehen noch zu Abend.

 

Mittwoch, 01.11.2017, Balakot- Chilas: 183 km

Wir lassen die größeren Städte und somit auch den chaotischen Verkehr heute hinter uns. Durch kleine pakistanische Dörfer geht es immer weiter in Richtung Norden. Die Straße verläuft oberhalb des Kunhar Flusses und führt uns durch wildromantische und grüne Täler. In vielen Kurven geht immer höher in die Berge, die Luft wird endlich besser und die schmalen Straßen sind in einem relativ gutem Zustand. Hier stehen viele Warnschilder mit Sprüchen wie „ road is hilly, don´t be silly“, „speed thrills but kills“ und „peep peep don`t sleep“! Im Grunde finden wir diese amüsant, aber die Strecke ist echt nicht ohne und wir können uns gut vorstellen, dass es hier des Öfteren zu schlimmen Unfällen kommt.

Mittags erreichen wir das wunderschöne Naran Tal, dieses liegt umrandet von Bergen des Himalayas auf 2400 m Höhe .Hier hat bereits der Herbst Einzug gehalten, das Blattwerk der Bäume ist bereits bunt eingefärbt. Wir stoppen am PTDC Naran, ein schöner Platz zum Übernachten doch zelten lassen will man uns hier nicht. Auch ist es uns eigentlich noch zu früh, wir könnten noch ein gutes Stück weiterfahren.

Dummerweise lässt man uns ab hier auch nicht mehr alleine weiterfahren, „sensitive Area“- wir bekommen mal wieder eine Eskorte. Die folgende Strecke ist landschaftlich ein Traum, es geht immer höher in die Berge,  die Temperaturen sinken und die Vegetation wird immer spärlicher. Dafür bieten sich uns tolle Bergpanoramen! Im Lulusar-Dudipatsar sehen wir Eisbäche am Wegesrand und fahren immer weiter hinauf. Darauf waren wir heute nicht wirklich vorbereitet, wir frieren! Auf dem höchsten Punkt angelangt halten wir an und entdecken eine Steintafel die den „Barbusar Top“ mit 4.173 m Höhe markiert! Hier hat es um diese Jahreszeit nicht mehr wie 5 Grad Celsius. Kein Wunder also das wir vor Kälte zittern! Von hier aus sieht man in der Ferne sogar den schneebedeckten Gipfel des Achttausender Nanga Parbat.

Wir haben somit gerade unseren ersten Hochgebirgspass befahren und gleichzeitig das erste Mal im Leben einen der Achttausender gesehen! Wir lassen es und trotz Eskorte nicht nehmen schnell ein Foto zu schießen.

Allerdings begleitet uns die Eskorte gar nicht mit hinunter. Die Abfahrt vom Babusar Top hat es dann auch wirklich in Sich! In unzähligen engen Kehren geht es steil bergab, wir fahren ganz vorsichtig und sind froh heil unten anzukommen. Dort ist auch direkt der nächste Checkpoint, wir müssen mal wieder unsere Pässe vorzeigen und sämtliche Daten eintragen. Wir befinden uns nach dem Überqueren des Babusar Top in der Region Giligit-Baltistan. Dies ist offiziell keine pakistanische Provinz, sondern ein pakistanisches Sonderterritorium unter Bundesverwaltung. Die nördlichste Region Pakistans für viele unbemerkt Teil des Kaschmir Konflikts. Die Menschen Gilgit- Baltistans fordern keine Abspaltung, sondern das Gegenteil. Sie wollen dass Pakistan sie endlich offiziell als Bürger des Landes anerkennt. Doch würden die Verantwortlichen Pakistans dies tun, würden sie auch Jammu Kaschmir als Teil Indiens anerkennen.

Nach weiteren 40 km stoßen wir endlich auf den Karakorum Highway und einen weiteren Checkpoint wo wir registriert werden.

Vom Checkpoint aus eskortiert man uns in die kleine Stadt Chilas, die auf uns eher wie ein Bergdorf wirkt: schlechte Straßen auf denen Trucks und Traktoren unterwegs sind, ärmliche Hütten und Häuser am Wegesrand, überall laufen Menschen rum, aber auch Ziegen und Kühe sind unterwegs.

Wir werden zum Shangrila Hotel gebracht, das Zimmer soll fast 40 € die Nacht kosten. Wir fragen ob wir zelten dürfen, der Hotelier diskutiert ewig mit einem der vielen anwesenden Polizisten. Dieser schüttelt den Kopf. Immerhin können wir aber den Zimmerpreis auf 20 € runterhandeln. Das Hotel liegt direkt am mächtigen Indus und hat einen hübschen Garten. Das Zimmer ist nicht schlecht jedoch ist das Mobiliar wie immer in die Jahre gekommen. Heißes Wasser und Internet gibt es keins für uns.

Auf dem Parkplatz steht ein Mitsubishi-Pickup mit Aufbau und österreichischem Kennzeichen! So kommt es, dass wir Remo und Olli kennenlernen. Die Beiden sind mit ihrem „Mr. Rolli“ bereits bis nach Indien und Nepal gefahren und jetzt wieder auf dem Rückweg nach Europa. Durch Belutschistan wollen sie nicht erneut, daher sind sie auf dem Weg in Richtung chinesischer Grenze im Norden. Nach China werden sie über Kirgisistan und Kasachstan ihre Rückreise fortsetzen. Wir verstehen uns auf Anhieb super. Da wir das Shangrila Hotel nicht verlassen dürfen, essen wir im Hotelrestaurant gemeinsam zu Abend und tauschen „Kriegsgeschichten“ aus. Wir möchten ebenfalls hoch in den Norden fahren, da wir gehört haben dass das Hunza Valley in Nordpakistan besonders sehenswert sein soll. Gerne würden wir auch hoch an die chinesische Grenze bis zum Khunjerab-Pass auf 4.700 m Höhe fahren. Doch es geht auf den Winter zu und die Temperaturen fallen in Bereiche, die für uns auf dem Motorrad mehr als unbequem sind! Wir werden uns einfach Tag für Tag ein Stück weit vortasten und zur Not umkehren wenn es zu kalt wird!

Nun haben wir ja auch ein Begleitfahrzeug 😉

 

Donnerstag, 02.11.2017, Chilas- Gilgit: 133 km

Der Tag könnte nicht besser beginnen: Als wir gegen 9 Uhr Gregor packen, laden uns Olli und Remo auf einen RICHTIGEN Kaffee ein, den sie gerade im Espressokocher frisch gekocht haben! Wir freuen uns unheimlich über diese Köstlichkeit, die wir schon so lange vermissen. Nachdem wir alle startklar sind verlassen wir das kleine Bergstädtchen Chilas hinter dem Eskortfahrzeug und hinter Mr. Rolli. Oft wurde uns erzählt wie wundervoll der Karakorum Highway sein soll: Er wäre eine perfekt asphaltierte Straße, die vorbei an schneebedeckten Gipfeln und Gletschern bis nach China führt. Doch von perfektem Asphalt merken wir gerade nichts, sondern wir holpern und poltern über lange Zeit über eine miese Strecke, während uns auch noch Trucks entgegen kommen oder wir hinter ihren stinkigen Abgasen festhängen. Wir überholen Olli und Remo und irgendwann auch das Eskortfahrzeug um besser fahren zu können. Links neben uns geht es steil bergab hinunter zum Indus, auf unserer rechten Seite befinden sich hohe Felswände. Nach ca. 50 km und 1 Stunde Fahrtzeit erreichen wir dann doch den vielgelobten, perfekten Asphalt. Hinter Jaglot passieren wir einen Checkpoint an dem wir mal wieder anhalten und Daten eintragen müssen. Die Strecke wird immer schöner, in der Ferne erscheinen schneebedeckte Gipfel und wir legen eine Pause ein. Als Olli und Remo vorbeikommen halten sie ebenfalls und versorgen uns mit Mangosaft und indischen Chips. Als wir fahren wollen halten zwei Pakistanis, sie unterhalten sich kurz mit uns und wollen Selfies machen. Wieder unterwegs fällt Melli auf, dass einer ihrer Motorradhandschuhe fehlt!? Wir kehren um, Melli sucht den Straßenrand ab und Matze den hinteren Teil unseres Rastplatzes, leider ohne Erfolg. Also fahren wir weiter, im Iran hatten wir ein Paar Stoffhandschuhe erstanden, diese werden nun herhalten müssen wenn es kälter wird. Wir passieren einen Punkt an dem sich die drei großen Gebirge Himalaya, Hindukusch und Karakorum treffen bevor wir am frühen Nachmittag die Stadt Gilgit erreichen. Unsere erste Anlaufstelle ist das dortige PTDC Hotel. Hier wir dürfen eine Nacht umsonst im Garten zelten und auch für Mr. Rolli gibt es einen sicheren Stellplatz. Wir schlendern ein wenig durch die Stadt, kaufen frisches Fladenbrot und kühle Getränke. Olli und Remo zaubern uns dazu einen leckeren Salat. Den Rest des Tages entspannen wir im Garten, die Sonne scheint und es ist herrlich warm. Doch als die Sonne hinter den hohen Bergen versinkt wird es dann richtig kühl. Im Hotelrestaurant essen wir Vegetable Biryani zu Abend und trinken noch ein paar Tassen Chai um uns aufzuwärmen.  In der Nacht hat es 8 Grad Celsius.

Freitag, 03.11.2017, Gilgit- Aliabad: 96 km

Schon früh am Morgen dringt die Sonne hinter den Berggipfeln hervor, trocknet unser nasses Zelt und macht uns Mut weiter nordwärts in die Berge fahren zu können. Also machen wir uns auf den Weg in das ca. 100 km entfernte Hunza Tal. Über eine schmale Hängebrücke fahren wir zuerst über den Fluss Gilgit, verlassen danach die Stadt und freuen uns über eine perfekt asphaltierte Straße. Diese führt uns durch kleine Dörfer und schroffe Berglandschaften. Die Täler sind herbstlich bunt eingefärbt und wir müssen mehrmals anhalten um zu Genießen:

Bereits am frühen Mittag erreichen wir dann das Hunza Tal. Bevor wir auch hier zum PTDC Motel fahren, geht es erst noch hoch zum „Eagles Nest View Point“. Die Fahrt dorthin ist eine kleine Herausforderung. Über eine schmale Straße geht es in vielen engen Kurven unheimlich steil bergauf. Und im Anschluss müssen wir auch noch einen kleinen Fußmarsch bewältigen, ganz schön anstrengend in unseren Motorradkombis bei dieser Höhe. Aber wir werden belohnt! Der Ausblick ist einfach traumhaft:

Zurück im PTDC Hotel erfahren wir, dass wir hier auch zelten könnten, allerdings wird es uns nachts schon viel zu kalt. Unsere Schlafsäcke konnten wir schon in Deutschland und dann später auch in Georgien bei ca 0 Grad Celsius testen. Bei dieser Temperatur ist es machbar aber schon weit außerhalb des Komfortbereichs. Zudem kostet uns das Hotel auch diesmal nur 20 € die Nacht. Tagsüber wenn die Sonne scheint ist es allerdings herrlich warm, also entscheiden wir uns dazu morgen noch ein Stück weiter nördlich nach Passu zu fahren. Wenn das Wetter so bleibt, können wir vielleicht von dort aus einen Tagesausflug bis zum Khunjerab Pass unternehmen!

Samstag, 04.11.2017, Aliabad- Passu: 47 km

Wir sind noch nicht richtig wach, da klopft es an unsere Tür. Traumatisiert von unseren bisherigen Erlebnissen befürchten wir es könnte schon wieder Polizei oder Geheimdienst oder sonst was in der Art sein. Aber stattdessen bringt uns ein Engel namens Olli eine Thermoskanne mit frischem Kaffee ans Bett. Matze ist nun verliebt 😉 Luxus pur!

Bevor wir heute unsere Fahrt über den Karakorum Highway fortsetzen, fahren wir noch einmal zum „Eagles Nest Viewpoint“. Wir kriegen einfach nicht genug von diesem Ausblick!

Bis nach Passu sind es nur knapp 50 km, trotzdem sind wir einige Zeit unterwegs. Die Straße ist perfekt und wir müssen mehrfach anhalten um Fotos zu machen weil es so unglaublich schön hier ist. In Hussaini halten Olli und Remo ebenfalls. Hier gibt es eine der längsten Hängebrücken Pakistans. Matze traut sich drauf, während Melli sich diesen Spaß lieber verkneift! Die Brücke ist nicht nur extrem hoch, sondern auch unheimlich wackelig. Es gibt bloß einzelne dünne Holzbalken als Tritte, die weit voneinander entfernt in der Luft hängen, darunter liegt der reißende Fluss.An einer kleinen Hütte am Straßenrand löffeln wir eine typische Suppe und trinken Chai. Kurz bevor wir unser Tagesziel erreichen passieren wir den Passu Gletscher. Die Straße führt ganz dicht an ihm vorbei, das haben wir so noch nirgends gesehen. In Passu gibt es bloß 3 Hotels, wir entscheiden uns für das Sarai Silk Route, da es auch jetzt am Nachmittag trotz der hohen Berge noch ein wenig Sonne abbekommt. Auch hier nehmen wir uns lieber ein Zimmer anstelle das Zelt aufzubauen. Denn hier wird es nachts schon unter 0 Grad. Das Zimmer hat einen schönen Bergblick, doch es gibt kein heißes Wasser und wie immer auch keine Heizung. Als dann die Sonne verschwindet wird es richtig kalt. Die Zeit bis zum Abendessen wollen wir mit Kartenspielen in unserem Zimmer überbrücken. Doch wir verquatschen uns mit Olli und Remo, die Karten bleiben unberührt und die Zeit vergeht auch so wie im Flug. Wir verstehen uns einfach super mit den Beiden und haben tierischen Spaß zusammen. Schade dass sich unsere Wege schon bald trennen werden.

Im Hotelrestaurant lernen wir abends den Besitzer kennen und erfahren einiges über das harte Leben hier in den Bergen. Wir freunden uns außerdem mit einem jungen Pakistani an, der super englisch spricht und uns viel über Pakistan erzählt. Er ist Fotograf und hier um bedrohte Tierarten vor die Linse zu bekommen. Eigentlich lebt er in Karachi, eine der gefährlichsten Städte der Welt. Als wir ins Bett gehen ist es schon spät. In langer Unterwäsche kriechen wir in unsere Schlafsäcke, legen noch zusätzliche 3 Decken darüber und hoffen so nicht zu frieren!

Sonntag, 05.11.2017, Passu- Khunjerab- Passu: 248km

Jetzt da wir schon so weit gekommen sind wollen wir es heute wagen und ohne Gepäck hoch bis zur chinesischen Grenze und wieder zurück fahren. Ein Weg hat ca. 122 km, daher starten wir früh am Morgen. Wir ziehen alles an was wir dabei haben, bzw. was noch irgendwie zusätzlich unter unsere Motorradkombis passt! Doch wir frieren trotzdem! Mellis Füße schmerzen vor Kälte und Matze ist heilfroh über die beheizbaren Griffe unserer BMW. Melli muss sich auf ihre Hände setzen damit sie ihr nicht abfrieren!

Wir passieren das letzte Dorf vor der Grenze, Sost. Hier stehen viele LKWs rum, es ist Sonntag und daher kommen sie heute nicht über die Grenze. Super für uns, so haben wir null Verkehr auf der  Strecke!

 

Irgendwann kommen wir zur Schranke des Khunjerab Nationalparks, hier müssen wir absteigen und eine Gebühr entrichten. Wenige Kilometer später erreichen wir endlich einen sonnigen Straßenabschnitt. Wir rasten und versuchen uns aufzuwärmen, hüpfen auf und ab und genießen die wärmenden Sonnenstrahlen.

Dank der Sonne wird die Fahrt nun vorerst angenehmer!

Durch enge Felsschluchten und vorbei an einem wilden Flusslauf windet sich der Karakorum Highway immer höher und höher durch die Berge. Schneebedeckte Gipfel glitzern in der Sonne. Wir kommen aus dem Staunen gar nicht mehr heraus.

Wir passieren den letzten pakistanischen Checkpoint Foto und von nun an geht die Straße in unzähligen engen Kehren den Khunjerab Pass hinauf. Gregor muss ganz schön kämpfen, wir spüren einen deutlichen Leistungsverlust in dieser Höhe.

Oben angekommen sichten wir unsere ersten Yaks und sind umgeben von weißen Bergen und Gletschern, die Szenerie ist unbeschreiblich schön.

Und wir mussten dafür nicht einmal eine anstrengende Trekkingtour unternehmen oder schwierige Offroadstrecken fahren. Eine perfekte Asphaltstraße hat uns hierher geführt! Kurz vor der chinesischen Grenze dürfen wir dann nicht mehr weiterfahren. Um in China mit dem eigenen Fahrzeug einreisen zu können, braucht man neben viel Papierkram auch einen Guide. Doch wir lassen es uns nicht nehmen abzusteigen und zu Fuß bis zur chinesischen Grenze zu gehen. Uns ist richtig schwindelig, Melli hat Kopfschmerzen, das Gehen fällt uns schwer: Wir sind höhenkrank! Kein Wunder, wir befinden uns hier auf 4.700 m Höhe. Der Khunjerab-Pass ist einer der höchsten befestigten Pässe der Welt. Es fühlt sich großartig an mit dem eigenen Motorrad hier hergefahren zu sein!Der höchstgelegenste ATM der Welt ist leider gerade außer Betrieb.Trotz strahlendem Sonnenschein und mehreren Kleidungsschichten ist uns eisig kalt. Um die Null Grad. Da kommt es uns gerade recht, dass es hier einen Teestand gibt. Der Chai schmeckt lecker und tut uns in dieser Situation richtig gut. Der Betreiber erzählt uns, dass er nur noch zwei oder drei Tage hier sein wird, es ist Schnee gemeldet und somit ist die diesjährige Saison für ihn beendet. Doch wer kommt überhaupt hierher zum Teetrinken? Neben LKW-Fahrern und ein paar wenigen Overlandern, kommen ab und an noch pakistanische Touristen. Auch heute ist eine kleine Gruppe Pakistanis zur Grenze gefahren um Selfies zu schießen. Schnell werden wir zur Hauptattraktion ihres Ausfluges und sie machen lieber Bilder mit uns und dem Motorrad, anstelle vor der chinesischen Grenze. Zum Dank laden sie uns auf den Tee ein.

Uns wird immer kälter und die Höhenkrankheit wird immer unangenehmer, also treten wir den Rückweg an. Bevor es wieder die engen Kurven hinuntergeht genießen wir noch ein wenig die atemberaubende Landschaft hier auf 4.700 m Höhe.

Während wir umgeben sind von den immer wieder aufragenden majestätischen Gipfeln der Siebentausender des Karakorum Gebirges, können wir es uns nicht verkneifen noch einige Fotostopps einzulegen.

Als wir durch die hohen Felsschluchten den Rückweg antreten beginnt die Sonne bereits zu sinken. Zurück in dem Grenzstädtchen Sost suchen wir Olli und Remo um uns endgültig von ihnen zu verabschieden. Hier müssen sie noch die restlichen Formalitäten erledigen, bevor sie sich morgen auf den Weg nach China machen können. Der Abschied fällt uns schwer, wir haben die Beiden sehr lieb gewonnen und hoffen auf ein Wiedersehen!

Auf unserem weiteren Rückweg herrscht bereits Abendstimmung. In den kleinen Bergdörfern begegnen wir Hirten die ihr Vieh zurücktreiben und es beginnt zu dämmern.

Wir lassen den Abend gemütlich auf der Terrasse unseres Hotels ausklingen und sind uns sicher: der Umweg hier hoch hat sich mehr als nur gelohnt. Der Norden Pakistans ist wunderschön. Gerne würden wir ihn wieder bereisen, im Frühjahr oder Sommer, mit Wanderschuhen und mehr Zeit im Gepäck!

Reisetagebuch 9.3: Freiheit in Lahore

Donnerstag, 26.10.2017, Sukkur- Rahim Yar Khan: 196 km

Kurz nach dem Aufstehen geht Melli an die Rezeption um bloß etwas Tee zu ordern. Sie ist weder richtig wach, noch annähernd bereit zum Aufbruch. Doch es warten dort bereits zwei Polizisten auf uns, die zum Losfahren drängen! Zuviel für Melli, der zehrende Stress der letzten Tage entlädt sich in diesem Moment in einem waschechten Nervenzusammenbruch. Es schießen Tränen in ihre Augen und sie beginnt heftig zu schluchzen. Rezeptionist und Polizisten blicken ratlos drein, ein Pakistani der ebenfalls in der Lobby steht will helfen. Im Gegensatz zu den Polizisten spricht er englisch. Er geht davon aus, dass Melli Angst hat und erklärt ihr, dass die Polizisten nur hier sind um sie zu beschützen. Auf keinen Fall soll sie den Schutz ablehnen, es wäre viel zu gefährlich! Die Polizisten sind richtig wütend, sie hätten keine Zeit und wir müssten jetzt sofort los. Ununterbrochen schimpfen sie auf pakistanisch daher und machen dadurch alles nur noch schlimmer für Melli. Soweit es geht, versucht sie das eigentliche Problem zu erklären: Am gestrigen Tag wurden wir nur gehetzt und mussten bis spät in die Nacht fahren. Bei den Eskortenwechseln mussten wir bei Temperaturen von über 35 Grad in der prallen Sonne warten. Wir hatten kaum etwas zu Trinken, es gab nichts zu Essen und keine einzige Möglichkeit mal auf die Toilette zu gehen. Der Pakistani beginnt zu verstehen, übersetzt all dies den Polizisten, schreibt seinen Namen und seine Telefonnummer auf einen Zettel und dazu den Namen der beiden Polizisten. Wann immer wir anhalten wollen, sollen wir es doch einfach den Polizisten mittteilen. Bei jedem Eskortenwechsel sollen wir uns die Namen der Polizisten notieren, auch die ihrer Vorgesetzten. Was das wohl bringen soll? Egal, er schafft es zumindest Melli etwas zu beruhigen. Der Rezeptionist fragt unterdessen ob wir denn frühstücken wollen, Melli soll sich etwas von der Karte aussuchen. Sie bestellt Toast und macht den Polizisten klar, dass wir auch erst mal packen müssen. Kurz darauf bekommen wir ein riesiges Frühstück mit allem Drum und Dran aufs Zimmer serviert. Das Beste daran: Es geht aufs Haus! Vielleicht sollte Melli öfters an Hotelrezeptionen ausrasten?;-) Wir frühstücken einigermaßen in Ruhe, machen uns fertig und beginnen unter den wachsamen Augen der Polizisten zu packen. Bald darauf sind wir startklar und fahren hinter den Polizisten her, die uns zu zweit auf einem kleinen Motorrad eskortieren. Über eine riesige Brücke geht es hier für uns zum ersten Mal über den mächtigen Indus. Die Stadt Sukkur wirkt bei Tageslicht chaotisch und in etwa so wie man sich Indien vorstellt. Die Straße ist eine staubige Buckelpiste und voll mit Mopeds, Eselkarren, Menschen, Radfahrern, Kindern, Bettlern, Kühen und Müll.Am Straßenrand spazieren ganze Herden von Wasserbüffeln entlang. Plötzlich halten wir an: das Moped der Polizisten hat einen Loch im Reifen und wird bei einem kleinem Shop am Straßenrand repariert. In der Wüste Belutschistans sahen wir keine Frauen und kaum Kinder, nur Männer in typischen pakistanischen Tuniken und Pluderhosen. Hier sehen wir zum ersten Mal auch Kinder und vereinzelt ein paar Frauen in bunten Gewändern. Melli lächelt mit ein paar pakistanischen Kindern um die Wette und hat endlich die Chance unterwegs mal ein paar Fotos zu machen.Auf der gegenüberliegenden Seite entdecken wir einen Kiosk und möchten Wasser kaufen, dazu wird Matze von einem der Polizisten begleitet. Nachdem wir das Wasser ausgetrunken haben hilft einer der Polizisten uns beim Entsorgen des Mülls: er wirft die leere Plastikflasche einfach auf den Boden. Wir können nur mit dem Kopf schütteln! Die Reparatur des Reifens kostet die Polizisten umgerechnet übrigens 25 Cent, sie bekommen 50 % Rabatt als Beamte!

Hinter der Stadt steht der erste Eskortenwechsel des heutigen Tages an und Mellis Nervenzusammenbruch zeigt Wirkung: Wir müssen nicht in der prallen Sonne warten, sondern in einem Polizeigebäude, man schaltet uns den Ventilator ein und zeigt uns wo die Toilette ist! Wir müssen allerdings auch wieder lange auf das nächste Fahrzeug warten und werden nervös. Die Stadt Multan zu der wir eskortiert werden sollen, liegt 452 km entfernt. Gestern haben wir aufgrund der Polizeieskorte für 398 km von Quetta nach Sukkur über 10 Stunden gebraucht! Für uns steht fest, dass wir solch einen Tag nicht wieder durchstehen können!

Manchmal schleichen die Eskorten mit 30 bis 50 Sachen über den Highway hinter den Trucks her,  einfach nur Nerv tötend für uns. Ohne die Polizei kämen wir viel schneller voran. Denn auch wenn der Highway stets vollgestopft mit Trucks und anderen  Fahrzeugen ist, wir kämen dran vorbei! Alle Versuche diese Polizisten zum schneller Fahren zu animieren scheitern leider! Andere Eskorten brausen dagegen mit ohrenbetäubender Sirene und so schnell wie es nur geht durch die Städte. So kommen wir relativ gut durchs das Wirrwarr von Trucks, Mopeds, Fußgängern und Tieren. Doch oft kommt es hierbei für uns dann auch zu brenzligen Situationen. Dadurch dass die Eskortfahrzeuge sehr hoch sind, bleibt die Sicht nach vorne versperrt. So ist ein vorausschauendes Fahren schlecht machbar. Daher kommt es öfter zu starken Bremsvorgängen die häufig nur sehr knapp vor dem Polizeifahrzeug enden.

Unser Sprit geht zur Neige und wir weisen die Polizisten beim nächsten Eskortenwechsel daraufhin, interessiert sie anscheinend überhaupt nicht! Sie düsen an jeder Tankstelle vorbei. Nachdem auch die darauf folgende Eskorte unseren Hinweis ignoriert, machen wir einfach an der nächsten Tankstelle halt und tanken. Da wir hinter der Eskorte fahren bekommt diese es nicht mit… An der Tankstelle sind alle super nett und freundlich zu uns. Doch die Polizei macht kehrt und kommt wütend zurück, verscheucht jeden in unserer Nähe und hetzt uns schnell weiter.

Heute hält dann auch eine der Eskorten zum Lunch an. Nur dummerweise an einem verlassenen Burgerladen, der alles andere als einladen ausschaut.  Also fahren wir lieber weiter. Da wir nicht möchten, dass sich das Drama von gestern wiederholt, versuchen wir von nun an die Polizisten dazu zu bringen uns zu einem Hotel zu eskortieren.  Die meisten Eskorten entgegnen uns bloß „Multan“, Dienst nach Vorschrift.  Aber Matze schafft es dann schließlich einem Polizisten klar zu machen, dass er heute nicht bis Multan fährt. Zu weit, zu anstrengend und dadurch auch zu gefährlich und außerdem keine Lust! Die Kommunikation mit den Eskorten hat sich mittlerweile nur noch aufs Nötigste beschränkt und ist zu dem nicht mehr auf Höflichkeit gestimmt. Wir nennen ihnen den Namen eines Hotels, welches wir online rausgesucht haben und die Polizisten beginnen zu telefonieren. Vielleicht mit dem Hotel? Sie sagen uns den Namen eines anderen Hotels von dem wir bereits wissen, dass es das Teuerste in der Umgebung ist. Wir sagen ihnen dass wir dort nicht übernachten werden und in das andere Hotel wollen. Sie scheinen es zu verstehen und wir fahren weiter. Wir werden der nächsten Eskorte übergeben. Sicherheitshalber sagen wir ihnen wieder den Namen des Hotels in dem wir übernachten wollen. Und wieder fragt uns der Polizist nach dem anderen Hotel!? Ratlos versuchen wir der neuen Eskorte das Problem mit dem Preis zu erklären. Zu guter Letzt bringen sie uns dann zu dem ultraschicken Hotel… Es wäre sicher und wir sollen doch bitte hier übernachten. Der Zimmerpreis von 80 USD die Nacht lässt uns jedoch auf dem Absatz der Motorradschuhe kehrtmachen. Jetzt geht die Streiterei mit den Polizisten los, sie verstehen nicht warum wir nicht hier bleiben wollen. Wir erklären, dass wir ein Hotel für 20 Dollar die Nacht rausgesucht haben und auch partout nicht mehr ausgeben werden! Laut Eskorte wäre dies das einzige sichere Hotel. Sie wissen anscheinend nicht mehr weiter mit uns und eskortieren uns nun zur Polizeistation. Dort müssen wir Gregor parken und absteigen. Man bringt uns zum ansässigen Polizeichef, dieser kontrolliert unsere Pässe, schaut argwöhnisch drein und telefoniert. Wir vermuten bereits, dass wir die Nacht hier verbringen dürfen. Doch nach einer Weile sollen wir wieder aufsatteln und werden zu einem Hotel gegenüber der Polizeistation gebracht. Dieses schaut nicht nach Luxusbunker aus! Alle Wertsachen sollen wir vom Motorrad entfernen, aber ansonsten wäre der Parkplatz sicher. Die Übernachtung soll 5.000 Rupie (45 USD) kosten, wir handeln es immerhin noch auf 4.000 Rupie (36 USD) runter. Das Zimmer ist sauber und geräumig, es gibt WiFi und heißes Wasser!Während Matze mit seiner Mama skyped, klopft ein älterer Pakistani an die Tür und drängt sich rein. Er spricht kaum englisch, trägt keine Uniform aber gibt uns zu verstehen dass er Polizist sei.  So ganz verstehen wir nicht was dieser Besuch soll. Er will Fotos von Matze und Melli, dann nur von Melli, dann Selfies mit Melli machen und unsere Handynummern (Geheimdienstfuzzy?). Matze kann sich etwas aus der Affäre ziehen, telefoniert einfach lauter und wendet sich etwas von ihm ab. Als er dann endlich weg ist,  sind wir froh, können mal etwas relaxen und in Ruhe nachhause telefonieren. Rausgehen dürfen wir nicht, aber wir können Essen und Getränke von einem Restaurant nebenan bestellen. Wir entscheiden uns für typisches pakistanisches Essen: DalGemüsecurry und dazu Naan-Brot!Es klopft und der „Fuzzy“ steht wieder an der Türschwelle. Er will mit uns raus gehen, uns die Gegend zeigen und mit uns etwas Essen gehen. Aus verschiedensten Gründen lehnen wir mehr oder weniger höflich ab.

In der Hoffnung nun endlich Ruhe zu finden und morgen ohne Eskorte fahren zu können gehen wir schlafen.

Es klopft, nicht mehr!

 

Freitag, 27.10.2017, Rahim Yar Khan-Multan: 289 km

Der heutige Tag verläuft ähnlich wie der Gestrige! Die Eskorten schleichen mit uns über den pakistanischen Highway, der Verkehr in den Städten raubt uns den letzten Nerv. Bei einem der Eskortenwechsel dann eine komische Frage von den Polizisten: „Wie schnell könnt ihr fahren?“ Wir sind verwundert, doch hoffen nun vielleicht schneller voran zu kommen: „So schnell ihr wollt!“ Sie scheinen nicht überzeugt zu sein und fragen noch mehrere Male wie schnell das Motorrad denn fahren könnte. Wir versichern ihnen, dass 180 km/h für uns in Ordnung gehen und warten gespannt was nun passiert. (Anmerkung: Mit Gepäck fahren wir für gewöhnlich höchstens 120 km/h!)

Nach einer Weile kommt eine Limousine an, sie hat anstelle eines Kennzeichens ein Waage Symbol. Demnach wird hier wohl jemand aus dem pakistanischen Justizapparat kutschiert. Man gibt uns zu verstehen, dass wir hinter der Limousine fahren sollen und schon geht’s los. Die Polizei fährt voran, nein, sie fährt nicht voran, sie braust mit einem Affenzahn und heulenden Sirenen durch den dichten Verkehr. Wir erleben die gefährlichsten Überholmanöver seit Beginn unserer Reise. Wir rauschen an Trucks, anderen Autos, Tieren und alles was sich sonst noch so auf den Straßen tummelt in Sekundenschnelle vorbei. Es ist wie in einem Actionfilm! Nur der Spaßfaktor bleibt bei der ganzen Aktion komplett auf der Strecke, denn wir rasen von einer haarsträubenden gefährlichen Situation in die Nächste!  Matze schafft es dran zu bleiben und nach ungefähr 30 km hat der Spuk zum Glück ein Ende. Wir gelangen in den Zuständigkeitsbereich eines anderen Polizeirevieres und Wechseln daher die Eskorte. Die Limousine setzt ihr Rennen ohne Motorrad im Nacken fort.

Wir hoffen heute endlich von den Polizeieskorten frei zu kommen,  doch auch in Multan angekommen werden wir mal wieder zu einem schicken Hotel eskortiert und von den Polizisten stolz durch die schöne Lobby an die Rezeption begleitet. Das günstigste Zimmer soll 6.000 Rupiah kosten. Wieder einmal weit über unserem Budget und wir sind es so leid! Daher greifen wir auf unsere erfolgreiche Taktik von gestern zurück und sagen, dass wir Maximal 3.000 Rupiah zahlen werden (Heute versuchen wir unser Glück also mit einem noch niedrigeren Preis). Die Polizisten verstehen unser Anliegen zuerst nicht, sie sprechen so gut wie kein Englisch. Wir erklären sowohl ihnen als auch dem Rezeptionist, dass wir nicht mehr als 3.000 Rupiah zahlen werden. Nun beginnen Polizei und Rezeption eine heftige Diskussion. Ein Polizist wird richtig wütend und äfft Melli nach. Matze fragt ihn dann ob er ein Problem hätte.  Er verneint… Sie diskutieren untereinander, mit dem Rezeptionisten, sie telefonieren…es fällt immer wieder das Wort „Embassy“. Wir fragen den Rezeptionisten ob wir bitte mal das WiFi Passwort kriegen könnten? Nein, kein W-Lan hier. Und nein, es gäbe auch kein günstigeres Zimmer. Uns egal, dann sollen die Polizisten uns doch bitte in ein Hotel mit angemessenen Zimmerpreisen bringen. Nein, das würde nicht gehen, dieses hier ist das Einzige das Ausländer aufnehmen kann! Wir könnten nur in diesem Hotel schlafen, da wir nur ein „NOC“ zum Reisen haben, und keins für Hotels. Nun wird ihre Argumentation also auch noch ziemlich lächerlich. Uns auch egal, wir haben ein Zelt, dann sollen sie uns halt irgendwo günstig zelten lassen, von uns aus gerne in der Polizeistation. Darauf wollen sie sich nicht einlassen. Sie sind total genervt und wir haben das Gefühl sie würden uns am Liebsten einfach alleine lassen, nur dummerweise scheinen sie das partout nicht zu dürfen. Wir haben mittlerweile auf den Sesseln in der Lobby Platz genommen, Polizei und Rezeption streiten nach über einer Stunde noch immer, es wird wieder telefoniert. In der Zwischenzeit ist wieder einer vom Geheimdienst vorbeigekommen um die gewohnten Fragen zu stellen. Alles wie gehabt. Matze fragt dann ob es möglich ist raus zu gehen und auf eigene Faust durch Multan zu laufen. Er schaut auf die Uhr und sagt, dass es nach 18:00 Uhr nicht möglich ist. Matze fragt ob es davor möglich gewesen wäre und er sagt ganz trocken: „Nein.“ Beide fangen an zu lachen und geben sich die Hand.

Einer der Polizisten meint dann irgendwann wir können jetzt einchecken. Wir sind kurz vorm Ausrasten, hat er es denn immer noch nicht verstanden? Doch der Rezeptionist reicht uns den Schlüssel: „Roomrate 3.000 Rupees Mister“. Geht doch…

Gregor stellen wir auf dem nahegelegen Hotelparkplatz ab, beim Gepäck holen weicht uns der Sicherheitsmann des Hotels bewaffnet mit einer Schrotflinte nicht von der Seite.  Man bringt uns zu unserem Zimmer, welches tatsächlich im sogenannten „Ausländer-Flügel“ liegt. Wie auch bei den anderen Hotels ist dieses Zimmer seinen ursprünglichen Preis nicht Wert. Nach einer Dusche wollen wir versuchen raus zum Abendessen zu gehen, doch wie erwartet: man lässt uns nicht. Wir essen daher im hoteleigenen Restaurant eine große Portion „Vegetable Biryani“ und Dal bevor wir schlafen gehen. Kaum hingelegt klingelt das Telefon auf unserem Nachttisch, es ist die Rezeption die wissen will wann wir morgen früh fahren werden. Wir entgegen 10 Uhr und versuchen zu schlafen. Nachdem wir schon längst eingeschlafen sind klingelt das Telefon erneut! Es wäre wieder Polizei für uns in der Lobby und wir sollen sofort kommen, na super! Wir ziehen uns wieder an, Melli sucht was mit langen Armen und ein Tuch für ihr Haar. Verschlafen schlendern wir zur Rezeption und hoffen schnell wieder zurück ins Bett zu kommen. Doch es begrüßen uns wiedermal zwei junge Herren des Inter-Services-„Intelligence“ (Militärnachrichtendienst des Streitkräfte Pakistans). Mit diesem durften wir bereits in Dalbandin Bekanntschaft schließen, daher sind wir auf das Schlimmste gefasst. Einer der Agenten beginnt mit den typischen Standardfragen á la Visumsantrag nach Namen, Geburtsdatum, Familienstand, Anschrift, Beruf, Telefonnummern und will alles auch fein säuberlich notieren. Sein Kollege  scheint total genervt von dem Quatsch zu sein, unterbricht ihn und kommt lieber gleich zur Sache. Wo wir hinwollen, was für eine Art Reise wir unternehmen, wie wir unsere Reise finanzieren, welche Route wir hier in Pakistan fahren wollen…. Wir antworten eher langsam und mit Bedacht, werden dadurch direkt dumm angemacht und herablassend behandelt. Ob wir sie denn nicht verstehen würden, ob wir denn kein Englisch sprechen könnten. Wir entgegnen ihnen, dass wir bereits geschlafen haben, noch nicht wieder richtig wach und müde sind. Sie werden wieder ein wenig freundlicher. Wir beantworten alles und stellen im Anschluss auch selbst viele Fragen. So viele Dinge ergeben einfach keinen Sinn für uns und wir würden so gerne verstehen was das alles soll! Manche Overlander dürfen sobald sie die Provinz Beluchistan verlassen haben alleine fahren, andere hier ab Multan, andere erst ab der Grenzstadt Lahore. Wir wollen wissen wann die Eskorten für uns enden werden. Denn wir spielen schon länger mit dem Gedanken auf den berühmten Karakorum Highway im Norden Pakistans zu verzichten, wenn das mit den Eskorten so weitergeht. Wir fragen, ob denn die Chance besteht irgendwann ohne Eskorten fahren zu können. Die Agenten antworten gleichzeitig und ohne zu zögern blitzschnell: Der eine mit einem Ja, der andere im selben Moment mit einem Nein! Wir müssen lachen, auch wenn uns eigentlich nicht zum Lachen zu Mute ist. Das ganze wird lächerlich und es macht keinen Sinn mehr. Der ungeduldige Agent scheint ebenfalls die Schnauze voll zu haben, während sein Kollege weiter auf uns einredet. Wir haben bereits viele Beamte gefragt, warum wir denn eskortiert werden. Jedes Mal lautete die Antwort: „Security Reason.“ Diese Frage stellen wir dann den Geheimdienstfuzzies auch noch. Der überkorrekte Agent entgegnet uns: „Because you are men and woman“, während der Ungeduldige ihn anweist die Klappe zu halten. Was sollen wir jetzt von all dem halten? Höflich verabschieden wir uns von den Geheimdienstagenten und sind froh nun endlich schlafen gehen zu können!

Unser ursprünglicher Plan war es den Karakorum Highway im Norden Pakistan zu bereisen. Dieser führt bis zur chinesischen Grenze und soll wunderschön sein. Aber wir haben so langsam keinen Bock mehr! Wenn wir wirklich bis nach Lahore eskortiert werden, überlegen wir ernsthaft von dort direkt nach Indien weiter zu fahren.

 

Samstag, 28.10.2017, Multan-Lahore: 370 km

Wir stehen früh auf, räumen schnell unsere Sachen aus dem Hotelzimmer zusammen und gehen in Begleitung des Sicherheitsmannes raus um das Motorrad fertig zu packen. Noch ist keine Polizei in Sicht. Da wir ausnahmsweise unsere Reisepässe schon wieder in der Tasche haben müssen wir nicht mehr an die Rezeption und auf die Polizei warten. Wir wollen schnell los fahren, in der Hoffnung ohne Eskorte weiter zu können, doch dann taucht sie in Windeseile auf. Also verlassen wir auch Multan hinter einem Eskortfahrzeug und das gleiche Spiel wie jeden Tag beginnt von Neuen. Nach manchmal längeren und manchmal kürzeren Strecken müssen wir an Checkpoints anhalten da die Eskorten wechseln. Mal geht das ruckzuck, mal dauert es elend lange. Dann halten wir Schwätzchen mit den Polizisten und posieren brav wenn sie Fotos oder Selfies mit uns wollen. Wir werden mit heulenden Sirenen durch die chaotischen Städte gehetzt und wenn wir mal wieder über den Highway schleichen versuchen wir mit Gesten die Polizistin zum schneller fahren zu animieren. Einmal klappt das und die Eskorte deutet uns an sie zu überholen und Gas zu geben. Das lässt sich Matze nicht zweimal sagen und wird düsen davon. Endlich kommen wir mal voran, können die lahmen Trucks überholen und haben unser geliebtes Freiheitsgefühl zurück. Doch zu früh gefreut, irgendwann will uns am Straßenrand wieder eine Polizeieskorte abfangen! Allerdings steht diese auf der anderen Seite des 3-spurigen Highways und dadurch können wir leider nicht richtig anhalten und fahren ohne zu zögern zügig weiter. Beim nächsten Mal stehen sie auf der richtigen Seite und fangen uns dann doch ab. Dieses Spiel geht noch eine Weile so weiter doch irgendwann schaffen wir es wirklich der Eskorte zu entkommen und wir werden auch nicht mehr abgefangen. Nachdem wir erstmal viele Kilometer „Sicherheitsabstand“ zwischen uns und der letzten Eskorten rausgefahren haben, gönnen wir uns die erste Pause in Pakistan am Straßenrand ohne Polizei.

Bis zu unserem heutigen Tagesziel Lahore sind es noch einige Stunden Fahrt. Die Zeit vergeht wie im Flug, denn wir können in unserem Tempo fahren und pausieren wann und wo wir wollen.

Bisher hatten die Polizisten immer jeden der uns zu nahe kam verscheucht. Jetzt genießen wir einen Tee an einem kleinen Straßenstand und werden sehr freundlich behandelt. Bei unserer nächsten Pause an einer Tankstellte bekommen wir von den Einheimischen Stühle gebracht, man lädt uns zum Tee ein. Alle sind sehr höflich zu uns, reichen auch immer Melli die Hand. Einige sprechen gutes Englisch und viele Pakistanis wirken fast schüchtern uns gegenüber. Bevor sie ein Foto oder Selfies machen, fragen sie stets höflich ob dies denn in Ordnung wäre.

Am Nachmittag erreichen wir Lahore, die Stadt versinkt im Smog, wirkt auf uns wie ein riesiger Moloch und der Verkehr ist abartig. Manche Straßen sind nicht asphaltiert, Tuktuks, Autos und Mopeds fahren kreuz- und quer durcheinander wie es ihnen gerade passt. Das Navi führt uns durch einige Seitenstraßen durch die wir uns zu Fuß eher nicht durchtrauen würden. In einer davon gibt es ausschließlich Fleischwaren, links und rechts hängen sämtliche Tierkörperteile und Innereien entlang der Straße aufgereiht. Unser angepeiltes Hotel können wir nicht finden, die Adresse scheint wohl falsch markiert zu sein. Hotelpreise sind online meist nicht angegeben, also machen wir uns auf spontane Hotelsuche. Wichtig ist uns ein sicherer Parkplatz und nach einigem Suchen finden wir ein riesiges Hotel mit Schranke und Sicherheitspersonal. Melli geht in die Lobby nach dem Preis fragen und fühlt sich in ihrer dreckigen Motorradkombi hier total deplatziert, denn wir sind in einem 5 Sterne Haus gelandet in dem selbst das günstigste Zimmer 140 € kostet. (Da gerade die Deutsche Bank hier tagt sind außerdem alle günstigen Zimmer ausgebucht und nur noch Executive Zimmer ab 260 € verfügbar.) Alle Hotels in dieser sicheren Gegend scheinen außerhalb unseres Overlander-Budget zu liegen und wir müssen weiter durch Lahore fahren, was gerade sehr an unseren Nerven zerrt. Im dritten Anlauf werden wir dann mit dem Panoramic View Hotel fündig. Es liegt in einer Seitenstraße der Mall Road, auf der es viele „Geschäfte“ gibt und abends reges Treiben herrscht. Für umgerechnet 36 € bekommen wir hier ein ordentliches Zimmer. Gregor dürfen wir in einer schmalen und düsteren Seitengasse direkt neben dem Hotel parken.Wir freunden uns gleich mal mit dem Sicherheitsmann des Hotels an, er versichert uns ein Auge auf Gregor zu haben. Der Housekeeper unseres Stockwerkes ist super nett, wir seien seine „Specialguests“. Er begleitet uns sogar zu einem Geldautomaten, bietet uns an ihn per Whatsapp zu kontaktieren wenn wir etwas brauchen und er wäre außerdem Masseur, falls Matze eine Fußmassage bräuchte?? Ähm, nein danke. Wir fragen stattdessen ob er uns denn ein Restaurant empfehlen könnte und landen so zum Abendessen im Salt`n Pepper. Dieses liegt einen kurzen Fußmarsch entfernt auf der Mall Road, auf der wir uns sicher fühlen und übertrifft unsere Erwartungen. Unser Kellner ist super nett, das Essen verdammt lecker. Das Salt´n Pepper ist eine Restaurantkette die auch Filialen in Islamabad, Karachi und sogar London hat. Das Ambiente wirkt für unsere Verhältnisse mittelmäßig, die Preise günstig. Um uns herum sitzen viele pakistanische Familien  die eher wohlhabend wirken. Auch hier gibt es bewaffnetes Sicherheitspersonal vor der Tür! Wir essen eine Kombination aus typischen pakistanischen Gerichten: pikantes Boneless Chicken Handy, Vegetabel Biryani, Raita und Kachumar Salat. Dazu gibt es leckeres Knoblauch-Nanbrot. Ein schönes Gefühl das Hotel verlassen zu dürfen, und ein noch schöneres Gefühl in ein Restaurant essen gehen zu können!

Nach dem ganzen Stress mit den Eskorten durch Südpakistan die letzten Tage können wir morgen nicht weiterfahren. Wir brauchen dringend eine Pause und überlegen uns in aller Ruhe die weitere Route! Auch wenn Lahore ein Drecksloch sein mag, wir haben hier immerhin ein anständiges Zimmer und dürfen uns endlich frei bewegen!

 

Sonntag, 29.10.2017, Lahore: 0 km

Wir schlafen heute erstmal aus und gehen dann zum Frühstückbuffet. Es gibt Toast mit Ananasmarmelade, ein scharfes Kartoffelgericht, Reis und Pfannkuchen. Als Getränk wird der für  Pakistan typische Chai serviert, leider viel zu süß! Kaffee gibt es schon seit dem Iran nicht mehr. Es gibt höchstens ekligen Instant-Nescafédreck, wir vermissen wirklich richtig guten Kaffee sehr.

Gegenüber von unserem Hotel befindet sich ein kleiner Teestand, hier wird der Chai noch traditionell zubereitet.Er schmeckt uns viel besser als im Hotel und der Preis von 25 Cent lässt sich auch verschmerzen. Da wir uns endlich frei bewegen können steht uns der Sinn nach ein wenig Sightseeing. Um uns den stressigen Verkehr zu ersparen, lassen wir uns mit einem Tuktuk durch die Stadt fahren. In der Nähe der Badschahi Mosche werden wir abgesetzt und suchen deren Eingang. Dabei kommen wir an der Food Street vorbei, die im Rotlichtbezirk neben der alten Stadtmauer eingerichtet wurde. Leider sind die Restaurants in den jahrhundertealten, restaurierten Häusern aber gerade geschlossen.  Wir schlendern weiter durch ein paar ruhige Straßen und wundern uns was hier alles so auf der Straße liegt?Irgendwann finden wir dann auch den Eingang zur Moschee, bevor wir reindürfen müssen wir noch unsere Schuhe abgeben und Melli ihre Haare bedecken.Die Moschee ist wirklich sehr schön, doch es dauert nicht lange und schon sind wir die Hauptattraktion! Während Matze aus dem Hintergrund das Treiben vor der Moschee beobachtet, schaut sich Melli ein wenig alleine um. Direkt ist sie von Pakistanis umringt, die Fotos und vor allem Selfies mit ihr machen wollen. Alle Fragen immer zuerst ganz höflich ob es denn in Ordnung sei. Wo wir herkommen wollen sie wissen, wie wir Pakistan finden, wo wir schon überall waren und noch hinwollen…Es werden immer mehr und es ist kein Ende in Sicht. Irgendwann wird es Melli dann zu viel und sie macht sich aus dem Staub. Auch Matze muss für Selfies mit den Mädels posieren. Jetzt wissen wir wie sich Hollywood-Stars fühlen 😉 In einem Seitengang machen wir noch ein paar Fotos, da kommt ein Pakistani auf uns zu: „Meine Frau möchte Sie gerne kennenlernen, ist dies okay für Sie“? „Klar, warum nicht!“ Wir reichen ihm und seiner voll verschleierten Frau die Hand. Sie redet nicht mit uns, wir wissen nicht ob sie das nicht darf oder sich nicht traut, so sprechen wir ein wenig mit ihrem Mann über ihr süßes Baby. Durch den angrenzenden Park, den wir leider aufgrund des Smogs nicht richtig genießen können, geht es zum Ausgang.Die Wachmänner am Ausgang möchten dann natürlich auch noch ein gemeinsames Bild!

Zurück am Hotel spazieren wir noch ein wenig durch die umliegenden Straßen. Die Gegend ist nicht ganz so schlimm und es gibt viele Geschäfte und Essenstände. 

Wir testen dann auch pakistanisches Street Food: Köstliches, scharfes Omelette mit leckerem Naanbrot (Preis 1 €).

Den Rest des Tages ruhen wir uns im Hotel aus und am Abend gehen wir wieder ins Salt`n Pepper essen.

Auch wenn Lahore eine sehr dreckige und chaotische Stadt ist, uns hat es hier irgendwie doch gefallen! Nun, da wir wieder „frei“ sind, haben wir uns dazu entschieden den viel gelobten Karakorum Highway in Nordpakistan zu bereisen. Schließlich werden wir wohl nie wieder mit dem eigenen Motorrad nach Pakistan fahren!  Jetzt heißt es 1000 km rauf und danach wieder runter, sofern es nicht bereits zu kalt für uns dort oben ist!

Reisetagebuch Kapitel 9.2: Blütenstern

Montag, 23.10.2017 Dalbandin-Quetta: 340 km

Auch heute klingelt früh unser Wecker und wir sind froh das schäbige Hotelzimmer verlassen zu können. Als wir das Motorrad packen bekommen wir unverhofft vom Hotelier Omelette und Tee serviert. Dieses ist entgegen aller Erwartungen geschmacklich eines der besten Omelettes das wir je gegessen haben. Ob es nur an der Erwartungshaltung liegt oder ob es wirklich so gut ist können wir nicht sagen. Kurz darauf setzen wir unsere Fahrt durch Belutschistan hinter einem Eskortfahrzeug der Levies fort. In Dalbandin teilen wir uns die Straße mit Eselskarren und Ziegen.

Leider haben wir uns die letzten zwei Tage nicht wirklich getraut Bilder zu machen. Gerade an Grenzübergängen oder an militärischen Einrichtungen sind Kameras verboten.  Heute filmen wir unterwegs einfach ab und zu mit unserer Sony-Actioncam und niemand beschwert sich.

Um uns herum herrscht die pure Armut, Menschen sitzen in verdreckten Kleidern vor ihren Hütten und Häusern. Händler verkaufen Lebensmittel und allerlei andere Dinge entlang der Straße, es ist ein seltsames Gefühl hier durchzufahren.

Wir sehen keine einzige Frau in diesem Ort und auch nicht in den folgenden Siedlungen…( „Pakistan is a free country“)

Die heutige Strecke führt uns über gute und schlechte Straßen, mitten durchs Nirgendwo,  vorbei an endlosen Wüsten, Sanddünen und sogar Kamelen.

Wieder stoppen wir an unzähligen Checkpoints, wieder wechseln mehrfach die Eskortfahrzeuge. Heute läuft allerdings alles etwas schneller, denn manche Eskorten reichen in fliegendem Wechsel ein Papier ins nächste Auto auf dem alle der gefragten Daten von uns draufstehen und schon können wir weiter fahren. Dennoch müssen wir ab und zu auf das nächste Eskortfahrzeug warten und auch wieder unzählige Male sämtliche unserer Daten in dicke Bücher eintragen! Normale Tankstellen gibt es hier keine, allerdings hin und wieder Zapfsäulen mit Handbetrieb an Fässern. An einer solchen wollen unsere Levies allerdings nicht anhalten, so bekommen wir Benzin aus einem Plastikkanister am Straßenrand verkauft. Am Nachmittag fahren wir zunehmend durch kleinere Siedlungen und die Landschaft besteht nicht mehr gänzlich aus Wüste. Vor den Lehmhäusern stehen oft Brunnenanlagen und es wird vereinzelt auch Getreide oder Gemüse angebaut.

Autos begegnen uns immer noch selten.Manchmal allerdings Traktoren, Eselskarren oder Fahrräder. Die Region Belutschistan ist reich an Bodenschätzen, die Bevölkerung  gehört allerdings zu den ärmsten Pakistans. Eine Infrastruktur ist kaum vorhanden, genauso wenig wie Stromzufuhr und sauberes Trinkwasser. 88 % der Belutschen leben unterhalb der Armutsgrenze. Mit der Zeit wird die Strecke immer bergiger und abwechslungsreicher, wir scheinen die Wüstenregion zu verlassen.

Der Verkehr nimmt zu, ab und an überholen wir mehrere stark bewaffnete Soldatentruppen. Einige Kilometer vor Quetta stoppen wir für länger an einem Militärposten. Während unsere Pässe kontrolliert werden und wir auf den Eskortenwechsel warten müssen, halten auch einige pakistanische Reisebusse. Die Passagiere sitzen nicht nur im Bus, sondern sogar auch auf dem Dach! Rein in die Stadt geht es für uns dann nicht mehr hinter den Levies, sondern ab jetzt übernimmt die Polizei. Der Verkehr in Quetta ist absolut chaotisch, und die Polizei will uns hier schnellstmöglich durchschleusen. Im fliegenden Wechsel ändern sich unterwegs die Eskortfahrzeuge, zunächst der übliche Pickup, dann ein komplett gepanzertes Fahrzeug und am Ende sind es nur zwei Polizisten auf einem Moped. Sowohl der Fahrer als auch der Sozius haben die AK47 umhängen und gekonnt schlängeln sie sich durch das Chaos. Wir können mit unserer breiten und schweren Maschine nur mit Mühe und Not folgen, quetschen uns vorbei an Tuktuks, Mopeds, allerlei Tieren und Trucks.

Ein kleines Motorrad fährt gegen einen unserer Koffer, aber nichts geht zu Bruch! Die Armut am Straßenrand erschlägt uns, die Straße selbst ist zwar asphaltiert aber daneben gibt es nur Staub und Dreck. Am Straßenrand werden auf Karren Gemüse und Fische verkauft. Metzger bieten frisch geschlachtete Tiere an, daneben Mülldeponien auf denen barfüßige Kinder spielen und Ziegen nach Essbarem suchen.

Als wir endlich im Bloom Star Hotel auf den Hof rollen ist es bereits Nachmittag. Die Zimmer sind mies und teuer (45 USD pro Nacht), aber eine wirkliche Alternative haben wir nicht. Das Hotel dürfen wir nicht verlassen, wir sind uns auch nicht sicher ob wir es denn überhaupt verlassen wollen! Die Sicherheitslage in Quetta ist äußerst prekär, die Statistiken über unzählige Bombenanschläge und Attentate verdeutlichen uns dies. Letzte Woche gab es einen Bombenanschlag auf einen Polizeitruck bei dem 7 Polizisten ums Leben kamen.

Gegen 19 Uhr bekommen wir von einem Angestellten total überteuertes Abendessen serviert. Er fragt uns im Flüsterton ob wir denn ein Bier wollen. In Pakistan wäre Alkohol für Nicht-Muslime gestattet, Matze kann nach der anstrengenden Passage ein Bier vertragen und wir sagen zu. Für schlappe 10 USD bekommen wir so unterm Tresen zwei Dosen pakistanisches Bier verkauft.

Leider schmeckt es genauso wie das Abendessen nicht wirklich lecker.

An der Rezeption taucht ein Typ auf, welcher genauestens unsere Reisepässe sichtet. Wahrscheinlich wieder so ein „Geheimdienstfuzzy“…

Wir verdrängen lieber die Gedanken über alle Attentate und Anschläge hier in Quetta und gehen in unsere Schlafsäcke schlafen.

Dienstag, 24.10.2017, Quetta Hotel Bloom Star

Ohne ein sogenanntes „Non objection Certificate“ (NOC) dürfen wir nicht weiter reisen. Daher organisieren uns die Hotelmitarbeiter eine Polizeieskorte, die uns zur ausstellenden Behörde fahren. Doch wir dürfen erst los nachdem wieder der „Fuzzy“ auftaucht, den man glatt für ein Taliban Oberhaupt halten könnte. Auf der Ladefläche eines Polizeiautos werden wir neben zwei bewaffneten Polizisten durch die Stadt gefahren. Auch auf dem Fußweg bis zum Gebäude werden wir begleitet.

Im Home Department Office von Quetta geht es dann wirklich zu wie bei Asterix und Obelix auf der Suche nach dem Passierschein 38a: Wir starten in Büro A, wo wir allerlei Papierkram ausfüllen. Über einen langen Flur und einige Stockwerke höher geht es dann zu Büro B, wo wir eine Weile warten müssen, während unsere Daten von Hand in irgendwelche Bücher eingetragen werden. Wir müssen in einen anderen Teil des Gebäudes im Büro C Platz nehmen. Der Beamte dort prüft irgendwas und ruft per Telefon einen Kollegen an, der uns im Anschluss mit einigen Unterlagen quer über mehrere Flure zu Büro D bringt. Dort werden die Unterlagen geprüft, wieder Bücher ausgefüllt und ab geht es zurück zu Büro C. Es passiert nicht wirklich was, doch dann werden wir zum Büro F gebracht. Hier scheinen wir beim Hauptabteilungsleiter gelandet zu sein. Dieser hält ein Schwätzchen mit uns, unterschreibt einen Zettel, bietet uns Tee an und schickt uns zurück zu Büro B. Mal wieder müssen wir eine Zeitlang warten. Am Schluss geht es zurück ins Büro A wo wir dann endlich unser NOC bekommen. Es ist ab Morgen gültig und eine Kopie dieses Dokuments geht an alle Polizeichefs Belutschistans, damit sie wissen dass wir kommen um uns eskortieren zu können. Auf dem Rückweg bitten wir die Polizisten dann noch an einem ATM zu stoppen, damit wir pakistanische Rupees abheben können. Auch die pakistanischen Banken sind immer von bewaffneten Sicherheitsleuten bewacht. Zurück im Hotel bleibt uns nicht viel zu tun, wir relaxen etwas im Innenhof und lassen uns wieder von dem schlechten Essen bringen. Am Abend klettern wir für ein winziges Freiheitsgefühl aufs Hoteldach während die Sonne über Quetta untergeht.

In Pakistan sind wir zum ersten Mal wirklich in einer anderen, unbekannten und befremdlichen Welt angekommen. Unsere ersten Tage hier waren unglaublich stressig, anstrengend, chaotisch und teilweise beängstigend! Wir hoffen und gehen auch davon aus, dass wir bald ohne Eskorten fahren können. Uns wurde von Home Department und Hotel zugesichert, dass wir außerhalb der Provinz Belutschistan frei fahren dürfen. Allerdings haben wir von anderen Overlandern dazu unterschiedliche Aussagen gehört! Gespannt auf den morgigen Tag gehen wir früh zu Bett.

 

 

Mittwoch, 25.20.2017, Quetta- Sukkur: 398 km

Immerhin ist bei unserem überteuerten Hotelzimmer ein kleines Frühstück inkludiert und so starten wir nicht mit leerem Magen in den Tag. Unsere Eskorte ist auch schon da, allerdings dürfen wir erst los als der ominöse Typ von gestern erneut auftaucht und sein Okay gibt. Nachdem die Hotelangestellten noch ein paar Fotos von uns gemacht haben können wir los.

Hinter einem Polizeiauto brausen wir durch das dreckige, chaotische und gefährliche Quetta. Wieder  geht es zunächst durch den engen Verkehr der Innenstadt bis wir die Vororte erreichen. Es ist unglaublich heiß heute! Bei den Eskortenwechseln werden wir oft gnadenlos gehetzt um schnellstmöglich weiter zu fahren! Oder wir müssen ewig am Straßenrand in unseren Motorradklamotten schwitzend in der Hitze warten bis eine neue Eskorte aufkreuzt und wir endlich weiter dürfen. Total genervt fragen wir dann die Polizisten wann es endlich weiter geht, denn wir würden gerne ankommen, und zwar heute noch! Wir haben für uns beide gerade mal 1,5 Liter Wasser dabei und es gibt nicht ein einziges Mal eine Möglichkeit zur Pipipause. Manchmal schleichen die Eskortfahrzeuge unglaublich langsam daher, wir könnten so viel schneller vorankommen ohne sie! Angeblich sollen wir ja außerhalb der Provinz Belutschistan ohne Eskorte fahren können. Doch auch als wir nach über 6 Stunden die Provinz Sindh erreichen, haben wir immer noch ein Eskortfahrzeug vor uns. Die Landschaft und auch die Menschen die wir sehen ändern sich hier im Vergleich zum Wüstenstaat Belutschistan schnell. Wir fahren entlang grüner Baumwollplantagen, in denen bunt gekleidete Frauen und Mädchen sitzend Baumwolle pflücken.

In Wasserlöchern kühlen sich Wasserbüffel ab, und der Verkehr nimmt zu. Neben den bunten pakistanischen Trucks und vereinzelt ein paar Mopeds teilen wir die Straße mit Eselskarren, Pferden, Ochsenkutschen, Autos und ab und an ein Kamel. Einmal zieht sogar eine Karawane an uns vorbei. Als es langsam beginnt zu dämmern und wir so langsam auch nicht mehr weiter können, versuchen wir auch das den folgenden Eskorten zu erklären. Sie nicken immer, und entgegen uns „Sukkur“. Dies ist eine noch über zwei Stunden entfernte Stadt! Bei jeder neuen Eskorte erklären wir dass wir nun endlich in ein Hotel wollen, doch es ist als reden wir gegen eine Wand. Jedes Mal werden wir bloß schnellstmöglich zum nächsten Checkpoint gebracht. Es ist mittlerweile schon dunkel, wir sind stinksauer und fix und fertig. Diese zwei Stunden sind die schlimmsten Stunden auf unserer bisherigen Reise und auch darüber hinaus. Mit den Kräften am Ende, Schmerzen am ganzen Körper und einem letzten Rest Konzentration quälen sich Matze, Melli und Gregor hinter der Eskorte durch die Dunkelheit. Kurz vor der Stadt dann die erlösende Frage des nächsten Polizisten: „Which Hotel?“ Hier in Pakistan gibt es keine Hotels bei den üblichen Portalen wie Booking.com oder Expedia zu finden. Über Google findet man vereinzelt mal eins, allerdings ohne Bewertungen und Preise. In der Navigationsapp „Mapsme“ die viele Overlander benutzen, wurden aber zu Glück auch einige Hotels mit Bewertung und Preis eingetragen. Im Voraus hatten wir uns bereits Hotels in der App markiert und so halten wir ihm eins davon unter die Nase. Bereits in Quetta und Dalbandin hatten wir keine Wahl, mussten in heruntergekommenen und gleichzeitig verdammt teuren Hotels schlafen. Der Polizist nickt, wir fahren durch sehr abgelegene Viertel der Stadt und sorgen uns schon ob wir eine gute Wahl getroffen haben. Doch das „Decent Lodge Guesthouse“ liegt dann in einer Seitenstraße der Hauptstraße, auf der es Geschäfte und Restaurants gibt. Und Gregor parken wir direkt vor der Rezeption. Die Polizisten begleiten uns hinein, weichen uns nicht von der Seite. Zuerst diskutieren sie ewig mit dem Rezeptionist, wir vermuten es geht darum ob wir hier bleiben können. Endlich können wir einchecken, der Hotelangestellte ist nicht gerade freundlich zu uns. Der versiffte Hotelflur und die offenen Türen zu Gemeinschaftsstehklos lassen und schlimmes erahnen. Doch unser Zimmer für umgerechnet 26 € die Nacht ist relativ sauber und hat ein eigenes Bad. Wir sind vollkommen ausgehungert, es gab für uns keine Möglichkeit unterwegs irgendetwas zu essen, also wollen wir raus. Doch die Polizisten sitzen noch vor der Rezeption und wollen uns nicht gehen lassen. Wir sind einfach nur noch fertig. Den ganzen Tag sind wir durch die Hitze gefahren, ohne viel zu trinken, ohne Pipipausen, ohne auch nur eine kurze Erholungspause, ohne zu Essen. Und dann auch noch durch die Dunkelheit und viel länger als wir eigentlich in der Lage waren zu fahren. Melli hat heftige Migräne und Anzeichen eines Hitzestiches. Nach endloser Diskussion mit Polizei und Rezeption dürfen wir dann doch in ein Fastfood-Restaurant auf der Hauptstraße gehen. Die Restaurants haben eigene Sicherheitsleute an den Türen, vielleicht dürfen wir deshalb hierher? Pizza und Burger sind dann auch eher die Kategorie der Hunger treibst rein! Wir können nicht viel essen und nehmen uns den Rest mit. Zurück im Hotel nervt uns wieder die Polizei, denn sie will unbedingt wissen wann wir morgen losfahren wollen. Wir haben keine Lust uns jetzt auf eine Uhrzeit für morgen festlegen zu müssen. Das Einzige was wir gerade wirklich wollen ist Schlafen!

Reisetagebuch Kapitel 9.1-Im Land der Ducktales

Samstag, 21.10.2017 Mirjaveh-Taftan: 14 km

Pünktlich um 7 Uhr kommt die iranische Militäreskorte uns auf das Hotelgelände abholen. Während der Fahrt sitzen mehrere bewaffneten Soldaten auf der Ladefläche des Pickups. Ein besonders Junger und Pummeliger spielt Luftgitarre mit seiner Kalaschnikow und trällert dazu ein Liedchen vor sich hin. Diese Eskorte bringt uns bis zum wenige Kilometer entferntem Militärcheckposten, an dem es gestern für uns nicht mehr weiter ging. Hier warten bereits Dutzende LKW und vollbeladene Transporter darauf die Grenze passieren zu dürfen. Bevor wir weiterfahren können, wandern unsere Reisepässe  noch durch die Hände mehrerer iranischer Soldaten. Mit einem flauen Gefühl im Magen erreichen wir den pakistanischen Grenzposten. Doch wir werden freundlich begrüßt, direkt bietet uns ein Pakistani seine Hilfe beim Ausfüllen der Papiere an und bringt uns ins richtige Büro.  Dort werden unsere Pässe kontrolliert, Fotos aufgenommen und nach einer Weile heißt es für Matze „Welcome to Pakistan“. Er verlässt das Gebäude und wechselt Geld, während Melli vom Grenzbeamten: „you are not allowed to enter Pakistan“ zu hören bekommt.  Was für ein Schock! Allerdings wollte er sich bloß einen Spaß erlauben und alle lachen sich kaputt.  Wir dürfen danach bei den pakistanischen Soldaten im Schatten sitzen und bekommen Wasser von ihnen. In große Bücher müssen wir sämtliche unserer Daten wie Passnummern usw. von Hand eintragen.  Als auch die Formalitäten für Gregor erledigt sind werden wir zur Grenzstation der Levies eskortiert. Die Levies sind eine paramilitäre Einheit, die jeden ausländischen Reisenden bei seiner Fahrt durch die Provinz Belutschistan eskortiert. Die Frage ist jetzt nur ob dies noch heute geschieht!

Als wir gestern Nachmittag zur Grenze kamen hatten wir darauf gehofft die Nacht bei den pakistanischen Levies verbringen zu können, um am Morgen rechtzeitig los zu kommen. Und heute Morgen waren wir um 7 Uhr an der iranischen Seite der Grenze, früher ist sie nicht geöffnet. Aufgrund der unterschiedlichen Zeitzonen ist dann in Pakistan bereits 8:30 Uhr! Wir erfahren dass bereits heute Morgen gegen 8 Uhr (pakistanischer Zeit) eine Eskorte gestartet ist und wir sollen abwarten. Ein freundlicher Levie will für uns abklären ob wir heute noch weiter können. In der Zwischenzeit kommen immer wieder pakistanische Beamte zu uns und machen Fotos von uns und unseren Pässen mit ihren Smartphones. Wir haben keine Ahnung was das soll! Melli fühlt sich hier mit Kopftuch wohler, doch wird vom Stationschef daraufhin gewiesen dass sie es abnehmen kann, denn „Pakistan is a free country“.

Gegen Mittag erfahren wir dann, dass wir erst morgen unsere Eskorte bekommen.  Alles Planen hat uns also wenig gebracht! Eine wichtige Lektion unserer Reise: Selten läuft alles wie geplant und wir haben gelernt uns mit den entsprechenden Situationen zu arrangieren. Was bleibt uns auch anderes übrig? Das schwer bewaffnete Paramilitär entscheidet wann es weitergeht, wir sind dankbar für ihren Schutz und wollen uns auch lieber nicht mit den Jungs anlegen 😉 Die Grenzstation der Levies dürfen wir aus Sicherheitsgründen nicht verlassen! Sie besteht aus einigen Büros  und weiteren schäbigen Räumen ohne richtiges Mobiliar, mehreren Gefängniszellen und hat einem Innenhof auf dem einige Fahrzeuge parken. Es gibt auch nur ein einziges „Stehklo“ mit einem Eimer zum Spülen.

Der Chef lässt uns in einem Büro ausruhen, denn mittags um diese Zeit geht er auch immer schlafen!

Wir verbringen den Tag mit Hörbuch hören und es kommen immer weitere Pakistanis für Fotos von uns und den Pässen, manche steckten sich auch lieber gleich eine Passkopie ein… Die Levies bringen uns sogar Essen vorbei: Mittags Fladenbrot und Dal (eine Art Linseneintopf) und abends bekommen wir sogar ein wenig Rindfleisch dazu! Es ist sehr simples aber gleichzeitig auch schmackhaftes Essen und wir sind dankbar für ihre Gastfreundschaft.

Am Abend ist der Innenhof plötzlich voll mit jungen Männern und platzt aus allen Nähten.  Vielleicht ist es eine ganze LKW-Ladung afghanischer Flüchtlinge? Melli ist die einzige Frau weit und breit und traut sich gar nicht raus! Einige Stunden später sind die Typen aber wieder verschwunden. Wir stellen den Wecker bevor wir schlafen gehen, denn morgen soll es früh losgehen.

Das flaue Gefühl im Magen bleibt…

 

 

Sonntag, 22.20.2017 Taftan-Dalbandin: 291 km                    

Der Wecker klingelt und ruckzuck sind wir startklar zum Aufbruch.  Für gewöhnlich braucht Melli morgens etwas länger, aber die bewaffnete Eskorte will sie lieber nicht warten lassen.  Die Levies bitten uns zum Frühstück in ihren Raum. Hier gibt es bloß einen winzigen Gasherd, ein paar Waffenkisten und einen alten Fernsehapparat. Wir nehmen neben den Pakistanis auf dem Boden Platz.

Es gibt Fladenbrot und Chai. Wir steuern noch etwas vom süßen, iranischen Halva bei. Der Chai schmeckt köstlich, er wird vom Dienstältestem aus Tee, Milch, Reis und Allerlei Gewürzen auf der Gasflamme zubereitet.  Nach dem Frühstück schauen alle in die Glotze, es wird durchgezappt und auf dem Bildschirm erscheint Bear Grylls. Alle freuen sich und scheinen ihn sehr zu mögen. Doch dann gibt es einen Szenenwechsel, Bear Grylls schüttelt einem Afroamerikaner die Hand. Als dieser von den Levies als Obama identifiziert wird schalten sie direkt um. Eine Sendung über Affen sagt ihnen dann doch mehr zu 😉 Für uns eine komische Situation, die Levies unterhalten sich nicht wirklich mit uns. Als wir untereinander reden vermeiden wir es Wörter wie Taliban oder Operation Enduring Freedom in den Mund zu nehmen. Für Taliban benutzen wir daher das Deckwort „Ducktales“. Schließlich hat sich unsere Bundeswehr jahrelang an dem amerikanischen Krieg „gegen den Terror“ beteiligt.  Schätzungen zu Folge wurden dadurch mehr als 176.000 Zivilisten in Afghanistan, Irak und hier in Pakistan getötet.

Die Medien haben uns in den Kopf gepflanzt dass jeder der aussieht wie ein Pakistani (Afghane etc.) ein Terrorist sein muss. Wir sind erst seit einem Tag im Land, aber wurden hier herzlichst aufgenommen. Menschen die weitaus ärmer sind als wir haben ihre Mahlzeiten mit uns geteilt! Und nun werden sie uns auf unserer Reise begleiten um uns zu beschützen.

Doch der alte Pickup der Levies will nicht anspringen. Matze hilft mit beim Anschieben. Nach zwei Fehlversuchen sagt er dem Fahrer er solle statt den ersten den zweiten Gang benutzen und schon springt er an. Kurz darauf verlassen wir die Grenzstation hinter dem alten Wagen. Unsere Eskorte besteht in diesem Moment aus Fahrer und Beifahrer, der mit einer Kalaschnikow bewaffnet ist. Die Straße durch Taftan ist in einem relativ guten Zustand, aber abseits der Straße gibt es nur Dreck, Sand und Armut. Bisher fanden wir alle Grenzstädte nicht sehr ansehnlich, aber Taftan ist ein besonders mieses Exemplar. Das Einzig schöne sind die bunten und liebevoll verzierten pakistanischen Trucks, die hier zu Hunderten rumstehen bzw. fahren.

Ungewohnt für uns: Das erste Mal Linksverkehr!

Nachdem wir Taftan hinter uns gelassen haben, geht es immer weiter über die N40, die einzige Straße. Sie führt von der iranischen Grenze bis zur Stadt Quetta. Um uns herum gibt es nur karge Wüstenlandschaft. Zu unserer Linken liegt die afghanische Grenze und am Straßenrand gibt es höchstens mal ein paar Lehmhäuschen, ganz selten kommt uns mal ein Auto entgegen. Wir müssen ständig an Checkpoints anhalten, unser Pässe vorzeigen und folgende Daten in Büchern eintragen: Name, Passnummer, Visanummer, Kennzeichen, Datum, Uhrzeit, Name des Vaters, woher wir kommen und wohin wir wollen. Sobald der letzte Buchstabe eingetragen ist heißt es „Go! Go! Go!“ und wir werden weitergehetzt. Immerhin bekommen wir an manchen Checkpoints  Wasserbecher angeboten. Das Wasser kommt aus großen Behältern und wir überlegen ob wir es trinken sollen. In dieser Situation wäre eine Durchfallerkrankung wohl das „Worst Case Szenario“, aber es ist brütend heiß und wir trinken zumindest ein wenig.  Ab und an wechseln auch die Eskortfahrzeuge und die Levies.  Auf manchen Streckenabschnitten gibt es nur Fahrer mit bewaffnetem Beifahrer, aber oft sitzen auch zusätzliche zwei bis drei Levies mit AK47 im Anschlag auf der Ladefläche. Nach 126 km und vielen Checkpoints erreichen wir eine erste Siedlung, Nok Kundi, welche nur aus Militärgebäuden zu bestehen scheint. Hier müssen wir sogar innerhalb von 800 Metern zweimal stoppen um alle unsere Daten in Büchern einzutragen! An einem folgendem Checkpoint mitten im Nirgendwo müssen wir einen längeren Stopp einlegen, denn es steht gerade kein Fahrzeug zur Verfügung. In einem winzigen Steinhäuschen direkt an der Straße nehmen wir mit den Levies auf dem Boden Platz, so sind wir wenigstens vor der Sonne geschützt. Wir werden zum Chai eingeladen und unterhalten uns so gut wie es geht mit dem Paramilitär. Stets werden wir nach dem Namen unseres Heimatlandes gefragt, ob wir verheiratet sind und Kinder haben.  Mit einem uralten Satellitentelefon wird mit unserem nächsten Eskortfahrzeug Kontakt aufgenommen. Melli nutzt die Chance und fragt nach einer Toilette, der Levie zeigt auf einen winzigen Hügel in der Wüste auf der gegenüberliegenden Straßenseite 😉

Gegen 15 Uhr erreichen wir den kleinen Ort Yakmach, wo wir anderthalb  Stunden warten müssen. Die Wartezeit verbringen wir mit den Pistazien aus dem Iran, knabbern und unterhalten uns mit den Levies. Einer berichtet uns stolz von seinen zwei Ehefrauen und 4 Kindern (2 Jungen und 2 Mädchen)! Nach weiteren 56 km erreichen wir dann die Kleinstadt Dalbandin und stoppen an einem der vielen heruntergekommenen Gebäude. Hier sollen wir endlich unser Nachtquartier beziehen, nachdem wir nun über 9 Stunden unterwegs sind. Über eine mit Müll zugeschüttete Treppe gelangen wir zu den Zimmern. Wir dürfen zwischen dem Standardzimmer  und der „VIP-Variante“ wählen. Das VIP-Zimmer ist bloß größer, aber genauso versifft und heruntergekommen.  Ein Polizist begleitet uns zu einem Kiosk direkt neben dem Hotel, wo wir uns mit ein paar Snacks eindecken damit wir wenigstens etwas zum Abendessen haben. Der „Hotelier“ betreibt anscheinend auch ein Restaurant, aber wir lehnen dankend ab.

Dummerweise sind in dem Brot auch noch Ameisen!

Damit wir nicht auf den versifften Matratzen schlafen müssen legen wir unsere Isomatte unter und benutzen unsere Schlafsäcke. Strom gibt es gerade keinen, somit auch kein Licht im fensterlosen Bad, zum Glück haben wir eine Lampe.

Melli ist gerade im Badezimmer als es an der Tür klopft. Ein Kerl in schäbigen Klamotten zeigt Matze auf seinem Smartphone Fotos von unseren Pässen, stellt sich als Polizist vor und spaziert ins Zimmer. Auf dem Bett sitzend stellt er Matze in feinstem Englisch allerlei Fragen über unsere Reisepläne und unseren Beziehungsstatus. Da Matze noch nicht genau die Route für Pakistan im Kopf hat sucht er in Mellis Smartphone nach den markierten Punkten im Navi. Während dessen meint der „Polizeibeamte“ dauernd dass Matze ihm das Smartphone geben solle, er wisse schon wie es funktioniert und wäre Ingenieur und solche Sachen. Matze versucht ihm zu verstehen zu geben, dass wenn er selbst nicht weiß wo die Route zu finden ist, wie er sie dann finden kann!?!?  Als Matze im Handy die geplante Route durch Pakistan gefunden hat gibt er das Handy dem gegenüber sitzenden „Beamten“. Während er am Nachschauen ist brabbelt er noch weitere Fragen vor sich hin und wirkt eher abwesend. Matze kommt es mehr und mehr seltsam vor. Als ihm dann noch einfällt das unsere Pässe unten an der Rezeption liegen, und ja eigentlich jeder ein Foto hätte machen können um sich als Polizist auszugeben, wird er misstrauisch. Er steht auf um zu schauen was der Typ tatsächlich macht und erwischt ihn beim Durchschauen von Mellis Bildern. Dieser schließt direkt das Programm und gibt Matze das Handy zurück so als wäre er fertig und nichts gewesen. Er will dann auch unbedingt Melli sehen. Matze setzt sich wieder gegenüber, legt das Handy neben sich und entsichert unauffällig das Pfefferspray, was die ganze Zeit neben ihm nicht sichtbar für den Kerl auf dem Boden steht. Er bittet ihn das Zimmer zu verlassen, da er nicht weiß ob Melli angezogen ist oder was auch immer. Doch dieser Witzbold dreht sich einfach um, hält sich nur die Hand vor die Augen und meint dass das schon ginge…. Erneut bittet Matze ihn nur kurz aus dem Zimmer zu gehen und der vermeintliche Polizist dreht sich wieder um und versichert dass es kein Problem sei… Nun wird Matze ernst und sein Adrenalinpegel steigt. Er bittet jetzt nicht mehr sondern fordert wenn er nicht das Zimmer verlässt kann er Melli auch nicht sehen. Das findet dieser kuriose Mensch gar nicht gut springt auf, sagt: „That´s not good“ und geht dann auf den Flur. Kaum ist Melli bekleidet aus dem Bad platzt der Kerl schon rein. Die Fragerei geht wieder von vorne los. Er will nun auch wissen was wir in Indien wollen, wie lange wir dort bleiben wollen, wie unsere dortige Route aussieht. Diese Fragen können wir nur schlecht beantworten,  da wir dies noch nicht geplant haben. Er erwähnt dann die Hauptstadt Neu-Dehli, ja da müssen wir wohl hin um das nächste Visum zu beantragen. Melli erklärt dass sie gerne das Taj Mahal sehen würde. Ob wir nicht wissen dass Indien der Feind Pakistans sei? Ja wissen wir, aber ist ja nicht unser Problem! Wir kommen uns  vor wie bei einem Verhör des Nachrichtendienstes. Er wechselt das Thema, will nun wissen wie wir unsere Reise finanzieren, wieviel Geld wir generell besitzen und ob wir alles Geld was wir benötigen mit uns führen. Wir behaupten dass wir monatlich eine kleine Summe auf unsere Kreditkarte gebucht bekommen.  Matze will nun den Ausweis sehen der uns versichern kann das er tatsächlich Polizist ist.  Seinen Ausweis hätte er unten und die Situation wird immer unangenehmer für uns! Matze ist nicht mehr bereit weitere dämliche und sich immer wiederholende Fragen zu beantworten und unterbricht ihn ständig. Wir wollen erst weiter reden wenn er sich ausweisen kann! Er bemerkt unsere Actioncam im Raum, dreht sie weg. Matze versichert ihm dass sie aus ist und legt sie zur Seite. Da Matze immer aufgebrachter und auch frecher wird versucht dieser Mensch die Situation zu entschärfen. Er versichert uns seinen Ausweis nach dem Gespräch zu holen und uns direkt zu zeigen. Er verstehe, dass wir uns versichern möchten dass er ein Beamter ist, und wir sollen uns etwas beruhigen. Nach weiteren, gezielten Fragen erklären wir ihm, dass wir von anderen Motorradfahrern den Karakorum Highway im Norden des Landes empfohlen bekommen haben, und daher gerne diese Gegend bereisen möchten.  Irgendwann scheint er alle Informationen die er braucht zu haben und verabschiedet sich höflich. Matze zieht sich die Schuhe an und will ihn nach unten begleiten um den erwähnten Ausweis sichten zu können. Doch das geht nicht, wir dürfen das Hotel nicht verlassen und so warten wir bis er wieder kommt um uns seinen Ausweis zu zeigen. Matze bekommt ganz kurz einen Militärausweis unter die Nase gehalten…. Jetzt wird uns einiges klar. Der pakistanische Geheimdienst „Inter-Services Intelligence“ (kurz ISI) ist dem Militär unterstellt! Wer die Anfangszene von Inglourious Basterds kennt, weiß wie sich Matze heute gefühlt hat!

Völlig erschöpft und gleichzeitig auch völlig aufgewühlt sitzen wir in unserem versifftem Zimmer. Auch die Tatsache, dass für uns ein Polizist die ganze Nacht vor dem Hotel wacht beruhigt uns wenig! Schließlich sieht dadurch ja JEDER (z.B. auch die Ducktales), dass gerade Touristen in der Stadt sind! Doch ehrlich gesagt gehen wir davon aus, dass diese eh schon längst über uns Bescheid wissen.

Reisetagebuch Kapitel 8.3: Sonne, Sand und Sterne

Sonntag, 15.10.2017 Yazd- Shenoshaden Desert Camp: 120 km

Auf unserer heutigen Fahrt von Yazd bis in nach Bafg geht es durch karge Landschaft. Die Sonne brennt und es ist so gut wie unmöglich ein schattiges Plätzchen zum Rasten zu finden. Gegen Mittag gibt es einen Grund zum Stoppen und Jubeln, denn wir haben gerade die 10.000 km Marke geknackt! Unfassbar wie viele Kilometer wir bereits hinter uns haben und wie weit wir mittlerweile von zuhause entfernt sind. Wir fahren an unzähligen „Achtung Kamel“ Schildern vorbei, sehen allerdings kein einziges. Hinter Bafq entdecken wir außerdem ein Schild mit der Aufschrift „Desert Camp“. Das klingt interessant für uns und wir versuchen unser Glück. Das Camp können wir gerade so erreichen, dann wird die Piste zu sandig für uns. Von hier aus sehen wir auch schon die ersten Sanddünen. Im Camp spricht niemand englisch und wir erklären mit Händen und Füßen dass wir hier schlafen wollen. Gregor dürfen wir im Inneren parken und in einem Lehmhaus bekommenwir Matratzen auf den Boden gelegt.

Einen Preis kann uns niemand sagen, aber wir gehen davon aus, dass es nicht sehr teuer sein wird. Nachdem die Sonne gesunken und die Hitze etwas abgeschwächt ist, starten wir Barfuß unsere Erkundungstour durch die Dünen. Stellenweise ist es ganz schön anstrengend die Sanddünen zu erklimmen, aber es macht uns gleichzeitig auch unheimlichen Spaß! Der Sand unter unseren Füßen ist weich und warm, und auf jeder bestiegenen Düne bieten sich uns neue herrliche Ausblicke über die Wüste. Auch der Sonnenuntergang ist wunderschön.

Zurück im Camp bekommen wir Feuertee.

Es gibt hier weder Duschen noch ein Restaurant. So haben wir nichts mehr weiter zu tun als Abendessen zu kochen und den unglaublichen Sternenhimmel zu genießen. Wir sehen die Milchstraße und sogar einige Sternschnuppen, wunderschön!

Montag, 16.10.2017 Shenoshaden Desert Camp- In der Nähe von Kerman: 270 km

Am Morgen kommt der Manager des Camps vorbei, er will 50 US-Dollar von uns haben. Wir lachen und sind nicht gewillt diese zu zahlen, schließlich haben wir bloß auf dem Boden geschlafen, weder heißes Wasser noch Dusche gehabt, und auch unser Essen selber kochen müssen. Schlussendlich ist er dann mit den von uns vorgeschlagenen 15 Dollar einverstanden und wir fahren weiter. Im angrenzenden Nationalpark befahren wir eine Offroad-Piste und staunen über die schöne Natur die uns hier umgibt! Bisher sind wir hier im Iran immer über sehr gute Highways und Hauptstraßen gefahren.  Aber heute fahren wir über kleinere Nebenstraßen in Richtung Kerman. Irgendwann endet der Asphalt und wird zu einer ca. 80 km langen Schotterpiste!

Wir stoppen in einem kleinen Dorf um ein paar Sachen einzukaufen. Als der Ladenbesitzer versteht, dass wir den ganzen Weg von Deutschland bis in den Iran gefahren sind, schenkt er uns einen großen Sack voll frischer Pistazien. Es dauert keine 5 Minuten, und schon hat sich ein großer Menschenauflauf um uns und das Motorrad gebildet. Alle wollen Fotos und Selfies mit uns machen und immer mehr Dorfbewohner kommen auf ihren kleinen Motorrädern an. Als dann auch noch ein Bus anhält, suchen wir schnell das Weite.

Am Nachmittag sind wir zurück auf dem Highway und finden keinen geeigneten Zeltplatz. Wir fahren bis hinter die Stadt Kerman und werden als die Sonne bereits untergeht endlich fündig. Schnell schlagen wir unser Zelt zwischen den Büschen auf, mittlerweile sind wir geübt im Aufbau und es steht innerhalb weniger Minuten!

Dienstag, 17.10.2017 In der Nähe von Kerman – In der Nähe von Bam: 300 km

Heute Morgen frühstücken wir gemütlich Obst und kochen Kaffee bevor wir mit Packen beginnen. Auch wenn wir mittlerweile im Zelt Aufbauen schnell sind, morgens brauchen wir relativ lange bis alles fertig ist.  Es dauert seine Zeit bis alles in den Koffern und Taschen verstaut und das Motorrad beladen ist.

Bevor wir über den Highway in Richtung Zahedan düsen, schauen wir uns noch die Festung von Rayen an. Im Gegensatz zu der bekannteren Zitadelle von Bam wurde diese nicht durch Erdbeben zerstört. Vor rund 1600 Jahren wurde die Zitadelle größtenteils aus Lehm erbaut und war der militärische Vorposten der antiken Handelsmetropole.

In der Gegend rund um die Stadt Bam fahren wir kilometerweit an Dattelplantagen vorbei. Hier werden die Datteln angebaut, die wir so oft und gerne naschen!

Doch in einer solchen Plantage lässt es sich schlecht Zelten, daher suchen wir heute wieder lange nach einer Campingmöglichkeit. Durch die unwirkliche Landschaft am Wüstenrand fahren wir querfeldein bis hinter einen Hügel, und schlagen in der Dämmerung dort unser Zelt auf.

Als wir schlafen gehen wollen, hält uns allerdings ein Hund wach. Zuerst hören wir ihn nur von weitem bellen, doch er kommt immer näher und näher und bellt ununterbrochen. Schlägt er vielleicht bei einem Plantagenbesitzer Alarm? Uns ist mulmig zumute, doch nach einer gefühlten Ewigkeit ist er ruhig und sucht das Weite. Trotzdem finden wir in dieser Nacht nur wenig Schlaf.

Mittwoch, 18.10.2017 In der Nähe von Bam – Zahedan: 300 km

Gegen 4 Uhr morgens werden wir wach, denn es tobt ein Sturm mit sehr starken Böen, der uns fast das Zelt um die Ohren weht. Matze traut sich raus um die Heringe zu kontrollieren und landet in einen ausgewachsenen Sandsturm! Wir harren ca. 2 Stunden aus und hoffen, dass sich der Wind vielleicht wieder legt und unser Zelt durchhält. Doch laut Wetterapp wird der Sturm im Laufe des Vormittages noch zunehmen. Die Böen sind bis 35 km/h gemeldet. Unsere Wasservorräte neigen sich dem Ende zu, und es dringen Unmengen von Sand durch die Lüftungsschlitze ins Zelt hinein. Den Sturm aussitzen ist also keine wirkliche Option, wir müssen hier weg! Draußen rast hellbrauner Sand wie eine Wand auf uns zu, damit wir überhaupt etwas sehen und unser Zelt abbauen können, müssen wir unsere Helme mit geschlossenen Visieren tragen! Trotz des starken Windes schaffen wir es in kürzester Zeit alles irgendwie zusammenzupacken und zu verstauen.  Wir wissen allerdings jetzt schon dass alles, aber wirklich alles, voll mit Sand ist! Er dringt überall ein, nicht nur ins Gepäck sondern auch in unsere Motorradkleidung, in Ohren, Nase und Mund. Den Weg zur Straße zurück zu finden ist unter diesen Umständen auch eine Herausforderung. Melli läuft ein paar Meter vor und Matze versucht so gut es geht über die mittlerweile sehr sandige Oberfläche die sicherste Linie zu Fahren. Auf der Straße angekommen hören die Probleme nicht auf, der Wind ist so heftig dass es uns während der Fahrt stark zur Seite drückt. Beim Anhalten kippen wir fast um und selbst mit geschlossenem Visier haben wir so viel Sand in den Augen, dass wir nicht richtig sehen können. Wir halten an um die Schwimmbrille aus Mellis Koffer zu kramen, zerstören beim Schließen irgendwie das Kofferschloss und dann hält uns auch noch die Polizei an. Sie will uns nicht weiterfahren lassen, deutet uns an ihnen zu folgen und dreht dann allerdings mitten auf dem Highway um, in gegen der Fahrtrichtung!?!. Das ist uns gerade viel zu blöd und zu gefährlich! Wir fahren weiter. Dank der Schwimmbrille kann Matze die Augen aufhalten und so zumindest ein bisschen was sehen. Wir kämpfen uns in Schräglage für viele Kilometer durch den Sandsturm, fragen uns ob wir nicht besser anhalten sollten und kontrollieren ständig die Benzinanzeige, denn eine Tankstelle ist weit und breit nicht zu sehen und das Benzin reicht nicht mehr für die 150 km bis zur nächsten Stadt.

Nach über 100 km hat der Spuk ein Ende und wir lassen den Sandsturm hinter uns. Um uns herum gibt es jedoch nur noch karge Wüstenlandschaft, keine Dörfer und auch keine Tankstellen.

Wir sind mittlerweile in der Provinz Sistan und Beluchistan angekommen. Diese grenzt an Afghanistan und Pakistan und wird als  „gefährliches Pflaster“ bezeichnet. Unser Couchsurfinghost hat uns bereits davon abgeraten hierher zu fahren. Die Belutschen verdienen ihr Geld in der Region durch das Schmuggeln von Drogen, Kleidung und Rohstoffen aus Afghanistan und Pakistan. Neben afghanischen Flüchtlingen sollen auch bewaffnete Taliban-Krieger hier unterwegs sein… Nicht gerade die beste Gegend um mit leerem Tank am Straßenrand zu stehen!

Kilometer um Kilometer rechnen wir mit dem Schlimmsten, bis wie bei einer Fata Morgana plötzlich das rettende Tankstellenschild vor uns auftaucht. Erleichtert rollen wir in Richtung der vermeintlichen Tankstelle, doch weit und breit ist hier keine einzige Zapfsäule zu sehen!? Beim Wenden bleibt Matze mit dem Lenker an unserer neuen Tanktasche hängen, da wir morgens beim Packen einfach alles irgendwo reingestopft haben. Wir kippen und… fallen auf ein parkendes Auto! Mist, der Kotflügel ist demoliert und sofort sind wir von Iranern umringt. Ein besonders unsympathischer Kerl gibt uns per Zeichensprache zu verstehen, dass er sofort Geld von uns sehen will! Wir haben absolut keine Lust auf Streit mit diesen Typen, rechnen mit dem Schlimmsten und sehen uns schon auf einem iranischen Polizeirevier sitzen. Um die Situation schnellstmöglich zu deeskalieren zücken wir schnell den Geldbeutel. Iranische Rial haben wir kaum noch und US-Dollar sind im Iran sehr beliebt. Also halten wir dem aufgebrachten Autobesitzer 100 US-Dollar unter die Nase, mit denen er zunächst aber gar nichts anzufangen weiß. Ein Anderer rechnet mit seinem Handy den Gegenwert in Rial aus und es wird still. Ist es ihm viel zu wenig? Nein, er ist einverstanden! Höchstwahrscheinlich hat er gerade ein gutes Geschäft gemacht, aber uns ist das egal, wir sind froh keinen Ärger mit diesen Typen zu haben!

Doch unser Tank ist immer noch leer! Melli entdeckt einen kleinen Kiosk und fragt nach Benzin. Nach einigem Hin- und Her bekommen wir einige Liter aus einem Kanister zum Schwarzmarktpreis in den Tank gekippt. Endlich können wir hier weg!

Mit etwas gemischten Gefühlen fahren wir weiter bis nach Zahedan, die letzte größere Stadt vor der pakistanischen Grenze. Als hätten wir heute nicht schon genug durchgemacht, müssen wir jetzt auch noch lange nach einem bezahlbaren und anständigen Hotel mit sicherem Parkplatz suchen. Doch irgendwann steht Gregor in einem abgesperrten Hof und wir liegen todmüde in einigermaßen sauberen Betten!

Donnerstag, 19.10.2017 Zahedan: 0 km

Zahedan ist die erste iranische Stadt in der wir uns unwohl fühlen. Es ist dreckig, Tiere und Menschen wühlen im Müll, wir gehen sogar an einem Mann vorbei der Crack oder ähnliches auf der Straße aus seiner Glaspfeife raucht. In keiner iranischen Stadt haben wir bisher derartiges gesehen oder uns unsicher gefühlt!

Wir entscheiden uns dennoch dazu noch eine weitere Nacht hier in Zahedan zu bleiben. Nicht um uns die Stadt anzusehen sondern um die Spuren des Sandsturmes zu beseitigen. Matze versucht Mellis Kofferschloss zu reparieren, Gregor bekommt eine Wäsche und neues Öl.

Außerdem versuchen wir uns auf die kommende Etappe in Pakistan durch die Provinz Belutchistan vorzubereiten. Diese grenzt an Afghanistan und hat immer wieder Schlagzeilen durch Entführungsfälle gemacht. Vom sogenannten Belutchistankonflikt bekommt man in unseren Medien allerdings eher wenig mit: Er exisitiert bereits seit der Entstehung Pakistans. Immer wieder kommt es zu Aufständen, Anschlägen und kriegerischen Auseinandersetzungen, mit denen die Belutschenstämme ihren eigenen Staat und die Unabhängigkeit von Pakistan erkämpfen wollen.

Wir wissen bereits dass wir bis in die Stadt Quetta eskortiert werden und recherchieren darüber wie dies genau laufen soll: Im Iran ist am Donnerstag und Freitag Wochenende, in Pakistan am Samstag und Sonntag. Haben die Grenzen auch am jeweiligen Wochenende geöffnet? Man soll es vermeiden freitags oder samstags in Quetta anzukommen, denn hier muss man am Folgetag der Ankunft bei einer Behörde ein Dokument beantragen. Ohne dieses Dokument kann man nicht weiterfahren! Kommt man am falschen Tag an, sitzt man im berüchtigten Quetta fest, denn freitagsnachmittags bis sonntags hat die Behörde geschlossen. Bis man Quetta erreicht ist man normalerweise zwei Tage unterwegs, manchmal auch nur einen. Die Eskorten von der Grenzstation in Taftan nach Quetta starten in der Regel täglich und zwar ganz früh morgens. Kommt man zu spät an, muss man eine Nacht an der Grenzstation  verbringen. Dort wären wir vielleicht sogar sicherer als in einem Hotel in der Nähe der Grenze? Falls es dort überhaupt so etwas gibt?

Wir halten es für sinnvoll vertrauenswürdigen Kontakten in Deutschland über unsere kommende Reiseroute zu informieren. Aber unseren Familien wollen wir damit keine Angst machen. Beim Auswärtigen Amt können sich Deutsche die zum Beispiel auf eigene Faust in gefährliche Länder oder entlegene Gebiete reisen, in eine Krisenvorsogeliste eintragen lassen. Und wir teilen zwei Freunden unser geplante Route und den geschätzten Zeitplan mit. Im Fall der Fälle könnten sie Alarm schlagen!

Abends gehen wir noch in ein Restaurant neben unserem Hotel und essen leckeres für den Iran typisches Chicken Kebab mit Reis.

Freitag, 20.10.2017 Zahedan-Mirjaveh: 118 km

Morgens arbeiten wir noch an Reiseberichten und checken erst gegen Mittag aus dem Hotel aus. Auf dem Weg weiter in Richtung pakistanischer Grenze passieren wir mehrere iranische Militärcheckpoints. Jedes Mal müssen wir unsere Reisepässe vorzeigen und Fragen nach dem woher und wohin beantworten. Je dichter wir an die Grenze kommen, umso größer wird das Militäraufgebot. Zu unserer linken Seite stehen alle paar Meter bewaffnete Wachtürme und Schilder mit Totenköpfen drauf. Am letzten Checkpoint vorm Grenzübergang müssen wir ewig warten, um dann zu erfahren, dass wir heute nicht mehr weiter fahren dürfen. Wir können entweder wieder über 100 km zurück bis ins Hotel nach Zahedan fahren, oder hier in der nahgelegenen Grenzstadt Mirjaveh ein Hotel beziehen und morgen ganz früh über die Grenze. Wir entscheiden uns für Letzteres und werden von der iranischen Polizei zum einzigen Hotel in der Gegend eskortiert. Gregor dürfen wir in der Lobby parken, ansonsten ist das Hotel ziemlich mies. Im April wurden hier in Mirjaveh 10 iranische Grenzsoldaten von sunnitischen Militanten umgebracht.

Wir verbringen den restlichen Abend also lieber im miesen Hotel und versüßen uns diesen mit einem letzten persischen Granatapfel.

Reisetagebuch Kapitel 8.2: Isfahan und Yazd

Sonntag, 08.10.2107 Kashan- Isfahan: 215km

Wir verlassen heute Kashan in Richtung der Stadt Isfahan. Auf dem Weg machen wir noch einen Stopp in dem historischen Dorf Abyaneh. Die Strecke dorthin ist richtig schön, sie führt vorbei an schroffen Felsen und grünen Tälern. Alleine dafür hat sich der Umweg schon gelohnt! Abyaneh erkundet Melli erstmal zu Fuß, denn die Durchfahrt ist für Fahrzeuge verboten. Das Dorf besteht aus roten Lehmhäusern und ist durchzogen von kleinen Bachläufen. Die Einheimischen meinen schließlich es wäre okay wenn wir mit dem Motorrad durchfahren. Kurz zweifeln wir noch ob das passt, aber wir wollen es versuchen und quetschen uns langsam durch die engen Gassen. Stellenweise ist es so schmal, dass wir nur mit Mühe und Not gerade so durchpassen! Da haben wir Glück gehabt, denn eine Wendemöglichkeit hätte es auch nicht gegeben. Als wir auf der anderen Seite aus dem Dorf wieder rauskommen sind wir happy.
Am frühen Nachmittag kommen wir in Isfahan an und suchen einen Park in dem wir campen können, leider ohne Erfolg. Die Hotels in der Stadt sind entweder ausgebucht oder super teuer, und so landen wir in einem Hostel. Immerhin haben wir ein Dreierzimmer für uns alleine, doch sowohl das Zimmer als auch das restliche Hostel sind leider ganz schön mies, wohl fühlen wir uns hier nicht.  Zum Glück haben wir für die nächsten Tage eine Einladung einer iranischen Familie über Couchsurfing bekommen und müssen nur eine Nacht hier verbringen!

Montag, 09.10.2017 Isfahan- Shahinshar: 35 km

Da unsere iranische Gastfamilie erst gegen Nachmittag Zeit hat und wir nicht länger im Hostel bleiben wollen, machen wir uns heute Morgen auf in die Innenstadt. Seit Kashan suchen wir eine persische Satteltasche, welche viele Iraner hinten auf ihrem Fahrrad oder dem „Motorrad“ für Gepäck nutzen.  Solch eine würde sich gut über Gregors Tank machen! Auf dem Bazar des Imam-Platzes werden wir fündig und müssen unseren „Teppich“ demnächst nur noch irgendwie an Gregor anpassen.  Die restliche Wartezeit über machen wir es uns in einem kleinen Café gemütlich.
Nun machen wir uns auf zu unserer Gastfamilie, die außerhalb von Isfahan in der Stadt Shahinshar wohnt. Es ist das erste Mal, dass wir uns auf das „Abenteuer Couchsurfing“ einlassen und auch das erste Mal, dass wir solch einen engen Kontakt zu einer iranischen Familie bekommen. Wir sind dementsprechend angespannt als der Hausherr uns hinein bittet. Umgekehrt sind auch wir für unsere Gastgeber die ersten Gäste und auch die ersten Deutschen die sie kennen lernen. Gregor darf in der Garage parken, die gleichzeitig auch Hausflur und Zugang zur Gästetoilette ist.
Wir nehmen gemeinsam mit unserem Gastgeber im großen Wohnzimmer auf der Couch Platz und kurz darauf trifft auch unsere Gastgeberin mit der Tochter ein. Die 6-jährige spricht laut ihren Eltern bereits englisch, traut sich aber nicht zu uns ins Wohnzimmer zu kommen. Selbst als Melli ihr Gummibärchen schenken will, weicht sie ängstlich zurück. Wir lassen ihr Zeit, bekommen Tee und Obst serviert und führen eine nette Unterhaltung. Irgendwann beginnt die Mutter zu kochen. Matze möchte gerne helfen und das Gericht lernen, doch die Küche ist für ihn als Mann tabu! Für uns ebenfalls ungewohnt: Zum Essen wechseln wir von der Couch auf den Boden. Auf einer ausgebreiteten Plastikdecke genießen wir dann leckeres Gourme Sabzi und feinen Reis mit Kartoffelboden. Dazu gibt es Salat, frische Kräuter, Chilis und zum Trinken Dugh (eine leicht salzige Buttermilch, bei uns als Ayran bekannt ist. Wird kalt getrunken, ist erfrischend und enthält viel Eiweiß. In unserem Fall streute man auch ein paar Blättchen getrocknete Nana Minze hinein.)

Später am Abend spielen Melli und die Tochter dann doch zusammen, während Matze bezüglich der BMW und Deutschland ausgefragt wird. Die beiden Iraner denken darüber nach aus auszuwandern und sind daher sehr an unserer Heimat und Europa interessiert. Im Kinderzimmer der Tochter bekommen wir zum Schlafen Decken und Matratzen zur Verfügung gestellt um spät nachts zu Bett zu gehen. Wir sind richtig erschöpf! Aus Angst etwas falsch zu machen sind wir den ganzen Tag über sehr angespannt. Auch die Unterhaltungen auf Englisch über Themen wie die deutsche Wirtschaft, Politik und Religion sind sehr anstrengend für uns! Daher sind wir froh zumindest zum Schlafen einen eigenen Raum zu haben.

Dienstag, 10.10. 2017 Shahinshar: 0 km
Als wir aufstehen ist die Tochter schon in der Schule und unsere Gastgeber warten mit dem Frühstück. Auch Gefrühstückt wird auf dem Boden, es gibt sehr leckeres Fladenbrot, iranischen Käse, Walnüsse und das süße „Halva“. Kaffee gibt es keinen, dafür wie immer Tee!
Unsere Couchsurfinghosts möchten uns Isfahan zeigen, und fahren uns mit ihrem Auto durch den dichten Verkehr in die Innenstadt. Eine der wichtigsten Sehenswürdigkeiten von Isfahan ist der Naqsch-e-Dschahan Platz, einer der größten Plätze der Welt und erbaut im 16. Jahrhundert .
Wir bestaunen dort die Scheich-Lotfollah-Moschee, das Eingangstor zur Meidan-e-Eman-Mosche und besichtigen den Ali Qapu-Palast. Für den Eintritt zum Palast müssen wir als Ausländer allerdings den siebenfachen Preis zahlen! Aus dem obersten Stockwerk des Palastes erblicken wir blaue Kuppeln, emaillierte Türme und schlanke Minarette soweit das Auge reicht. Der riesige Naqsch-e-Dschahan-Platz ist mit seinen Moscheen, dem Königspalast und dem Bazar, ein beindruckendes und sehenswertes UNESCO-Weltkulturerbe und ein gutes Beispiel für die iranische Baukunst.
Auf dem Rückweg von unserer Sightseeingtour holen wir noch die Tochter von der Schule ab und nachmittags ruhen wir uns alle etwas aus. Am Abend bekommen wir noch Shahinshar, den Wohnort unsere Gastgeber gezeigt. Wir schlendern über den Nachtmarkt, auf dem es neben viel Krimskram auch viele Essenstände gibt, die z.B. leckere Falaffelbällchen und Sandwiches anbieten. Wir vergnügen uns zudem mit köstlichen, frisch gegrillten Maiskolben. Auch an diesem Abend sitzen wir noch sehr lange zusammen und reden. Wir erfahren unglaublich viel über das Leben und die Menschen im Iran. Ohne Couchsurfing hätten wir niemals solche intensiven Einblicke in die uns so fremde Kultur erhalten!

Mittwoch, 11.10.2017 Shahinshar-irgendwo südöstlich von Näin: 250 km
Für uns heißt es heute Abschied nehmen, denn wir wollen weiter, raus in die Natur. Nach dem Frühstück kommen die Eltern unserer Gastgeberin zu Besuch.
Wir bedanken uns herzlich für die Gastfreundschaft, es werden noch viele Fotos und Selfies von uns und dem Motorrad gemacht und danach verabschieden wir uns von unseren neuen iranischen Freunden.
Wir fahren über die Wüstenstraße zwischen Kashan und Yazd weiter in Richtung Osten. Nachdem wir die Stadt Naeen passiert haben, beginnt es langsam zu dämmern und wir suchen uns einen Platz zum Zelten. Den ganzen Tag fahren wir an super Campingmöglichkeiten vorbei, und jetzt wo wir eine suchen …findet sich wie immer nichts mehr! Entweder steht doch ein Häuschen in der Nähe oder das Gelände ist viel zu unwegsam. Irgendwann finden wir dann endlich gänzlich unbebautes und flaches Gelände, und fahren für einige Kilometer querfeldein durch die wüstenähnliche Landschaft.
Bis unser Zelt steht ist es schon dunkel, wir genießen die Stille und gehen müde schlafen.

Donnerstag, 12.10.2017 südöstliches von Näin- Yazd: 105 km

Da wir gestern auf der Suche nach einem Campingspot weiter gefahren sind als geplant, kommen wir heute schon früh in unserem nächsten Ziel, der Wüstenstadt Yazd an. Wir finden ein hübsches Guesthouse in den engen und verwinkelten Gassen, die uns etwas an Kashan erinnern. Das Beste an unserem Guesthouse ist die schattige Dachterrasse.
Yazd gefällt uns von Anfang an super, eine richtige Oase in der Wüste! In den Gässchen finden wir viele nette Cafes und Restaurants. Neben leckeren Säften und Shakes haben diese oft auch Dachterrassen mit einer tollen Aussicht über die Dächer der Stadt zu bieten.
Zum Abendessen gehen wir wie so oft in ein traditionelles Restaurant. Wir probieren Kamelfleisch, welches einen eher gewöhnungsbedürftigen Geschmack hat und köstliches Khoresht e Fesenjun.
Bevor wir schlafen gehen, genießen wir noch einmal den wunderschönen Ausblick über die beleuchteten Minarette, Moscheen und Windtürme. In Wüstenstädten dienen diese als natürliche Klimaanlage: Die Schlitze der Türme fangen den leisesten Windhauch ein. Im Inneren wird die Luft durch Schächte geleitet und beim Abkühlen sinkt sie dann in die darunter liegenden Räume.

Freitag- Samstag 13+14.10.2017 Yazd: 0 km
Da es uns in Yazd so gut gefällt, entscheiden wir uns länger hier zu bleiben und verbringen typische „Pausentage“ auf Langzeitreise: Wir schlafen aus, genießen ein gemütliches Frühstück, waschen unsere Wäsche, sichern und sortieren Bilder… Auch unsere Motorradkombis haben sich mittlerweile eine Wäsche verdient. Und die für Gregor neu angeschaffte Satteltasche muss noch ein wenig modifiziert werden, damit sie über den Tank passt.
Tagsüber ist es hier auch viel zu heiß, um draußen etwas zu unternehmen! Also bummeln wir abends ein wenig durch die engen Gassen der Altstadt und vorbei an der Freitagsmoschee, deren Portalbau vollständig mit Fliesenmosaik verziert ist. Durch die wunderschöne persische Architektur und die Aussicht über die Dächer der Wüstenstadt fühlen wir uns wie in einem orientalischem Märchen.

Wir schauen uns den Amir Chaqmaq Komplex an, eine Vier-Iwan-Moschee, von der nur noch die Fronten erhalten sind. Die sich davor befindlichen Wasserfontänen werden abends in wechselnden Farben beleuchtet. Viele Iraner tummeln sich hier, wir beobachten, lassen uns treiben und schlendern über den Bazar. Vor einem Hotel entdecken wir eine Honda Africa Twin! So lernen wir ein deutsches Paar kennen, das auf dem Weg nach Kirgisistan ist, und verbringen einen netten Abend zusammen.

Reisetagebuch Kapitel 8.1 Iran:

Samstag, 30.09.2017 Agarak-Tabriz:  270 km

Früh stehen wir auf und machen uns startklar für den Grenzübergang in den Iran. Während Melli gerade überlegt wie sich das obligatorische Kopftuch mit dem Helm tragen lässt, rollt ein Panzer nach dem Anderen vorüber. Hier in Agarak grenzen Armenien, Iran und Aserbaidschan aneinander und es gibt zudem noch russisches Militär!

Wir sind aufgeregt, nicht nur wegen dem Grenzübergang sondern auch weil wir gespannt auf den Iran sind. Persien, für uns der Inbegriff des Orients!

Auf der armenischen Seite müssen wir eine gefühlte Ewigkeit warten. Der Grenzbeamte im ersten Grenzhäuschen ist dermaßen begeistert von unseren deutschen Reisepässen, dass er sich jedes winzige Detail mehrmals mit der Lupe anschauen muss. Am nächsten Schlagbaum wird unser Pass ein zweites Mal kontrolliert und wir dürfen passieren. An der iranischen Grenze angelangt müssen wir erstmal absteigen und in der „Passenger Hall“  unsere Reisepässe stempeln lassen. Dies geschieht nicht ohne „Welcome to Iran“ vom Grenzbeamten! Im Anschluss dürfen wir hineinfahren bis zur nächsten Schranke. Dort wird zum ersten Mal unser Carnet de Passage verlangt und wir müssen wieder eine Weile warten, bis auch diese Formalität erledigt ist. Es folgt eine letzte Passkontrolle und wir haben es endlich geschafft! Direkt hinter der Grenze wechselt Matze US-Dollar in iranische Rial und wir sind Millionäre!

Die folgende Strecke ist wunderschön,  führt vorbei an Bergen und entlang eines ruhigen Flusses. Wir erreichen die Stadt Jolfa und brauchen dringend etwas zu essen und zu trinken. Doch im Iran ist heute „Tassoua“, ein wichtiger Feiertag und alles scheint geschlossen! Wir finden zum Glück einen kleinen Shop bei dem wir uns mit Getränken, Chips und köstlichen iranischen Walnussküchlein eindecken können. Ein Iraner spricht Matze an, wo wir herkommen, wo wir hinwollen und ob wir ihn und seine Familie zu ihrem Feiertagsausflug begleiten wollen. Melli würdigt er keines Blickes. Wir lehnen dankend ab. Gerade als wir losfahren wollen kommt seine verschleierte Frau auf Melli zu, deutet ihr an die Hände zu öffnen und gibt ihr so viele frische Erdnüsse wie sie nur tragen. Uns wird bewusst dass wir uns nun in einem Kulturkreis befinden, der schon sehr unterschiedlich zu allem uns bekannten ist.

Unser Tagesziel, die Stadt Tabriz erreichen wir am Nachmittag.  Da unser Navi nicht funktioniert, irren wir Stunden durch die riesige Stadt, um den uns empfohlenen Park zu finden.  Endlich angekommen werden wir von unseren iranischen Fahrradfreunden begrüßt.  Im Park, der mitten in der Stadt liegt, darf man umsonst kampieren und es gibt herrlich weichen grünen Rasen, Toiletten und Duschen. Morgen sollen wegen einem weiteren Feiertag auch alle Geschäfte in der Stadt geschlossen sein, also gehen wir noch einkaufen. Große Supermärkte gibt es hier keine, dafür aber kleine Geschäfte wo wir alles Nötige finden können. Müde von dem anstrengenden Tag und den vielen neuen Eindrücken gehen wir früh schlafen.

 

Sonntag, 01.10.2017 Tabriz: 0 km

Heute ist der Nationalfeiertag  Aschura: Der zehnte Tag des Trauermonats Muharram ist im Hidschri-Kalender der Arschura Tag. Die Schiiten gedenken an den Enkel des Propheten, Imam Hussain, der als Märtyrer verehrt wird. Es gibt öffentliche Trauer- und Bußrituale die heute mit den Aschura-Prozessionen enden.

Wir ruhen uns heute erstmal mal ausgiebig aus. Melli erstellt eine Excel-Tabelle über unsere bisherigen Ausgaben und Matze checkt u.a. Öl und Luftdruck an Gregor. Abends laufen wir etwas durch die Stadt und erleben ein wenig die Feierlichkeiten.

Montag, 02.10.2017 Tabriz

Die Geschäfte sind heute wieder geöffnet, und wir stürzen uns ins Getümmel der iranischen Großstadt um eine Simkarte und Öl für Gregor zu kaufen. Die Simkarte  ist schnell besorgt, doch das Öl stellt sich als kompliziertere Sache heraus. Nach einer Weile scheinen wir im „Baumarktviertel“ der Stadt angekommen zu sein. Denn auf eine Straße mit lauter Sanitärgeschäften folgt eine Straße mit ausschließlich Lampenshops, dann eine weitere mit Werkzeugläden und endlich finden wir das Viertel mit unzähligen KfZ-Zubehör Geschäften. Wir fragen uns durch, ein Iraner der nur Farsi spricht bietet seine Hilfe an und führt uns durch das Viertel. Laden für Laden klappert er mit uns gemeinsam ab, bis wir schließlich in einer Straße landen die nur aus Motoröl-Shops zu bestehen scheint. Wir suchen 10w50 das es hier aber einfach nirgends zu geben scheint und kaufen am Ende 20w50. Auf dem Rückweg genießen wir noch frischen Granatapfelsaft und Orangen- Karottensaft,  beides köstlich und herrlich erfrischend. Wir kommen auch an einer Bäckerei vorbei und kaufen frisches Fladenbrot. Da wir warmem Brot nicht wiederstehen können probieren wir direkt und Matze beißt auf einen Stein? Wir schauen uns daraufhin die Bäckerei genauer an: Das Fladenbrot wird in einem Holzfeuerofen gebacken, der mit kleinen Steinchen ausgelegt ist. Diese geben dem Brot ein löchriges Muster und sie werden nach dem Kauf auf einem Gitter abgerieben.

 

Dienstag, 03.10.2017 Tabriz-irgendwo in der Nähe von Makh: 275 km

Wir verlassen heute unseren grünen Stadtpark in Tabriz und fahren weiter in Richtung Südosten. Sowohl in der Stadt als auch auf der gesamten Strecke wird über uns gehupt, uns gewunken und uns „Welcome to Iran“ zugerufen! Unterwegs machen wir noch einen kurzen Abstecher in die kleine Felsenstadt Kandovan.

An einem Rastplatz sind wir schnell umringt von Iranern die mit uns reden möchten, und wir bekommen Äpfel, Nektarinen und frische Walnüsse geschenkt. Die Landschaft hier im nördlichen Iran ist wirklich schön und die Straßen sind super.  An einer Art Rasthof möchten wir etwas essen, die Karte ist allerdings komplett auf Farsi. Wir bestellen einfach zweimal irgendwas und bekommen… gegrillte Hähnchenspieße (Chicken Kebab) mit Reis serviert; schmeckt lecker! Uns fröstelt es ganz schön auf der Fahrt, und bei einer weiteren Pause sehen wir bereits dunkle Wolken aufziehen. Es wird kalt hier im nördlichen Iran. 

Während wir mit 100 km/h über die Autobahn brettern,  fahren zwei Iraner im Auto permanent neben uns her und bieten uns Tee aus ihrer Thermoskanne an 😉 In der Dämmerung machen wir abseits der Straße einen Feldweg ausfindig, der zu einigen Bäumen und einem kleinen Bächlein führt, hier schlagen wir unser Zelt für die Nacht auf. Der idyllische Ort entpuppt sich in der Nacht als Schauplatz eines Horrorszenarios für Camper: Es donnert ohrenbetäubend laut, ein Gewitter ist direkt über uns, bei jedem Blitz ist es taghell im Zelt und es schüttet wie aus Eimern.  Wir erleben das Gegenteil einer erholsamen Nacht!

 

Mittwoch, 04.10.2017 In der Nähe von Makh- Zandschan: 150 km

Als wäre die Gewitternacht nicht schon schlimm genug gewesen, fängt es morgens nachdem wir das Zelt abgebaut haben auch noch an zu Hageln! Im Vorfeld dachten wir beim Iran an Wüsten und Dattelpalmen, weniger an Kälte und Hagelstürme! Unter unserer Plane harren wir aus bis es etwas besser wird und dann wollen wir uns schnell aufmachen, weiter in Richtung  Süden.

Matze fährt erstmal ohne Melli los, denn das Gelände scheint uns nach dem Regen nicht mehr so gut befahrbar. Er kommt nicht weit und kippt um! Sein Fuß steckt unterm Koffer fest und wir müssen erstmal die beiden Koffer und das ganze restliche Gepäck abbauen um ihn rauszubekommen, und Gregor wieder aufstellen zu können. Doch auf dem Weg runter vom Acker in Richtung Feldweg ohne Gepäck, der nächste Umfaller! Das Ganze auch noch am Hang und wir kriegen die Maschine nur mit Mühe und Not überhaupt wieder hoch. Und jetzt steckt Gregor richtig fest. Bei jedem Versuch weiter zu fahren gräbt er sich nur noch tiefer in den Acker, Melli drückt und schiebt von Hinten, wir sind komplett mit Erde verdreckt und kommen kein Stück weg. Wir versuchen in allen erdenklichen Varianten vorwärts zu kommen….irgendwann blockiert das Vorderrad komplett. Es ist eiskalt, nass und wir frieren. Wir legen Gregor wieder hin und versuchen ihn irgendwie auf den Feldweg zu ziehen, der etwas oberhalb gelegen ist. Blöde Idee, wir kriegen ihn nicht mal in die Nähe des Weges. Nicht verwunderlich, Gregor wiegt ja auch über 240 kg. In solch einer Situation zerreißen sogar Nerven wie Drahtseil und wir sind einfach nur fix und fertig und wissen nicht mehr weiter! Melli erkennt den Grund für das blockierte Vorderrad: Der Fender ist komplett zugestopft  mit Erde und Schlamm, also schraubt Matze ihn teilweise ab, damit wir mit Schraubenzieher und Co. irgendwie den Dreck rauspuhlen können. Danach hat Matze eine Idee: Wir legen unsere Baumarktplane vor den Vorderreifen und Matze schafft es drauf zu fahren, Melli legt die Picknickdecke vor den Vorderreifen und es klappt, die Plane rutscht nicht durch und Matze kann bis auf die Picknickdecke fahren. Mit dieser Taktik schaffen wir uns Stückchen für Stückchen voran. Nach über einer halben Stunde erreichen wir endlich den nur 20 Meter entfernten Feldweg! Mit den Nerven total am Ende und frierend müssen wir nun auch noch unser ganzes Gepäck vom Zeltplatz zum Motorrad schleppen. Im Nachhinein bereuen wir es keine Fotos von der Aktion zu haben. Aber in diesem Moment der puren Verzweiflung, Gregor im Acker steckend, schlammbedeckt im Regen stehend und ausnahmsweise nicht gerade ein harmonisches Paar abgebend, dachten wir nicht daran die Kamera zu zücken.

In der Hoffnung auf einen ähnlichen guten Zeltplatz wie in Tabriz, machen wir uns nix wie weg von dem „Scheißacker“, dem „Scheißwetter“, der „Scheißstimmung“ und der „Scheißkälte“; ab in die nächste größere Stadt Zandschan. Nach ca. 100 km erreichen wir endlich den ersehnten Sonnenschein und tanken erstmal Wärme, Energie und Benzin an einer Raststätte.

Laut Navi gibt es einen Park mit Campingmöglichkeit, und da bereits Iraner dort zu campen scheinen, schlagen auch wir unser Zelt auf. Es kommen unzählige Jugendlich mit ihren kleinen Motorrädern vorbei und wir machen wie schon so oft im Iran hunderte Selfies mit ihnen. Motorräder über 200 ccm sind hier verboten und dadurch ist Gregor immer ein richtiges Highlight für die Iraner, es gibt oft einen richtigen Rummel um uns, daran haben wir uns schon gewöhnt.  Doch dieses Mal sind die Jugendlich unglaublich interessiert, auch an allen Bauteilen, an dem Kardanantrieb und sie fassen auch alles an, das kennen wir bisher so nicht. Ganz geheuer ist uns die Situation auch nicht. Gegen Abend werden die Toiletten abgesperrt und die Iraner bauen ihr Zelt wieder ab? Wir sind allerdings viel zu müde um heute noch weiter zu ziehen, bauen unsere Koffer und die Gepäckrolle von Gregor ab, nehmen sie mit unser Zelt und legen uns schlafen. Kurz darauf bekommen wir Besuch am Zelt: Ein iranischer Polizist auf einem kleinen Motorrad.  Mithilfe eines miesen Übersetzungsprogramm auf seinem Handy (Google Services sind genauso wie Facebook im Iran gesperrt) erklärt er uns, dass er besorgt ist um unsere Sicherheit und vor allem die Sicherheit unseres Motorrades. Er geht davon aus, dass Jugendliche sobald wir schlafen alles abschrauben würden was sie können. Wir sind eigentlich viel zu müde, und fahren normalerweis auch nicht im Dunkeln. Auch haben wir nicht so große Bedenken…  Aber der Polizist lässt einfach nicht locker und da wir heute sowieso eher ein ungutes Gefühl haben, bauen wir alles wieder ab und packen in Rekordzeit  zusammen. Wir sollen in der Nähe eines Hotels zelten, welches wir auch relativ problemlos finden. Allerdings irren wir eine Weile hin und her bis wir einen möglichen Zeltplatz finden.  In einem Freizeitpark mit Riesenrad und See schlagen wir unser Zelt auf einer Wiese im Eingangsbereich auf, in Sichtweite eines Wachmanns. Per Hand und Fuß erklären wir ihm dass er ein Auge aufs Motorrad haben soll, bauen zum zweiten Mal für heute unser Zelt auf und können endlich beruhigt schlafen.

 

Donnerstag, 05.10.2017 Zandschan-Zwischen Zandschan und Kaschan: 400 km

Wir entscheiden uns gegen einen Besuch in der iranischen Hauptstadt Teheran. Die Luftverschmutzung soll hoch sein, und wir empfinden große Städte als stressig mit unserer Maschine. Generell ist der Verkehr in iranischen Großstädten sehr nervenaufreibend für uns und nicht immer ganz ungefährlich. Als nächstes Ziel peilen wir daher die kleinere Stadt Kaschan, südlich von Teheran an. Auf unserem Weg dorthin kommen wir in Soltanyeh vorbei, bekannt für das Öldscheitü-Mausoleum. Dieses wurde im Jahr 1312 fertiggestellt und besitzt eine riesige Rundkuppel die mit türkisenen Kacheln verkleidet ist.

Bis nach Kaschan ist es uns heute zu weit. Über eine Offroad-Piste, einige Kilometer abseits des Highways, finden wir am späten Nachmittag einen super Platz zum Zelten. Wir genießen die schöne, wüstenähnliche Natur und die Ruhe.

 

Freitag, 06.10.2017 Zwischen Zandschan und Kaschan – Kaschan: 80 km

Nach einer angenehmen Fahrt erreichen wir Kashan am Nachmittag. Wir befinden uns hier am Rande der zentraliranischen Wüste und endlich wieder in warmen Gefilden. Wie sich nun herausstellt befindet sich das im Voraus rausgesuchte Hotel mitten in dem engen Gassengewirr der Altstadt. Die Häuser bestehen aus Lehm und wir fühlen uns wie in einem orientalischem Märchen.

Wir wagen uns mit dem Motorrad hinein und werden belohnt: Das „Sana Historical House“ ist ein traditionelles Gebäude mit ruhigem Innenhof, Feigenbaum und hübschem Zimmer. Gregor dürfen wir in einer Garage in der Nähe parken. Die Nacht kostet uns hier 35 €, für iranische Hotels nicht teuer!

Abends gehen wir in das Abbasie Tea House & Traditional Restaurant  und kosten Dizi und Khoresht-e Bademjan.  Beides schmeckt uns sehr gut! Auf dem Rückweg schlendern wir ein wenig durch die verwinkelten Gässchen und sehen uns die hübsche und ruhige Aqa-Bozorg-Moschee an.

Für uns war es eine gute Entscheidung nach Kashan zu fahren, uns gefällt die gemütliche kleine Altstadt sehr und wir fühlen uns hier wohler als im großen Tabriz.

 

 

Samstag, 07.10.2017 Kashan: 0 km

Der Tag beginnt mit einem Frühstück aus Fladenbrot, Gemüse, hartgekochtem Ei, köstlichen Datteln und Tee, welches uns im traditionellen Innenhof serviert wird. Im Anschluss erkunden wir den Bazar von Kashan. Es gibt hier neben viel Ramsch auch einige Schätze zu entdecken und der Besuch lohnt sich vor allem wegen der wunderschönen Architektur der Markthallen. Zufällig entdecken wir ein  Teehaus, das sich in einem ehemaligen Badehaus versteckt und genießen hier einen Tee.

Wir besichtigen außerdem das Sultan-Amir-Ahmad-Badehaus,  ein historisches Badehaus (Hamam) aus dem 16. Jahrhundert t. Im Inneren ist es mit Fliesenarbeiten, Stuck, Ziegelwerk und Malereien verziert. Das begehbare Dach besteht aus vielen Kuppeln mit Konvexlinsen die der Lichtversorgung im Inneren dienen.

Da uns die Atmosphäre des Bazars sehr gefällt, suchen wir ihn am Abend noch einmal auf. Matze entdeckt eine winzige Treppe die in ein kleines, höhlenartiges  Café hinunter führt. Dort probieren wir die köstlichste Limonade mit traditioneller Garnitur:

Es gibt nur zwei Gerichte auf der Karte, von Farsi ins Englische übersetzt als  „Omelette“ und „Eggplant“. Ohne zu wissen was uns erwartet, bestellen wir einfach mal beides und werden nicht enttäuscht. Vielmehr sind wir begeistert von der Einfachheit des Essens, das in Kombination mit unglaublich gutem Geschmack daher kommt!

Reisetagebuch Kapitel 7: Armenien – 2 GS bei 3 Gs

Samstag, 23.09.2017 Tiflis- Aserbaidschan 210 km

Endlich ist Gregor startklar! Wir verabschieden uns von Dima, unserem Mechaniker bei Bikeland und drehen noch eine Abschiedsrunde durch Tiflis. Danach geht es Richtung Süden, unser nächstes Ziel ist Armenien. Hinter Sadakhlo passieren wir ohne Probleme die georgische Grenze, auf armenischer Seite wird’s allerdings zum ersten Mal etwas komplizierter. Hier müssen wir Gregor parken und ins Zollgebäude gehen. Dort erhalten wir unsere Einreisestempel und auch ein spezielles Einreisedokument fürs Motorrad.  Vorbei die Zeiten in denen wir ohne viel Papierkram und ohne abzusteigen über die Grenze fahren können! Und kaum verlassen wir den Grenzposten, rennen uns zwei Jungs vors Motorrad und brüllen uns an: „Hello Mister, insurance, insurance  please come with me!“ Matze nickt einem der Beiden zu, und so sprintet dieser neben uns her und deute uns an zu einer Ansammlung von Häuschen zu fahren. Hier gibt es die grenztypischen Sachen wie Wechselstuben, Simkarten und eben Versicherungen.  Für 10 Tage sollen wir zuerst 30€  zahlen, dann nur noch 20 €. Wir lehnen danken ab, denn Versicherungspolicen mit verhandelbaren Preisen und die ganze Situation ist uns nicht geheuer.   Wir sind uns auch nicht sicher ob wir die Grenzpolice abschließen müssen oder ob sie freiwillig ist und so fahren wir weiter.

Armenien begeistert uns auf Anhieb, wir passieren wunderschöne Landschaften und ausschließlich kleine Dörfer, alles ist sehr ländlich, ruhig und friedlich! Am späten Nachmittag beginnen wir Ausschau nach einer Campingmöglichkeit zu halten, verlassen die Hauptstraße und landen bei verlassenen Ruinen in verbrannter Umgebung. Zu unserer Linken entdecken wir Stacheldraht und schon kommen uns zwei Soldaten mit Hunden entgegen! Wir sollen bitte umkehren. Das lassen wir uns nicht zweimal sagen und suchen schnell das Weite. Als wir dann endlich eine gute Campingmöglichkeit gefunden haben wird es schon dunkel. Zu Beginn unserer Reise hätte uns solch eine Situation weitaus mehr gestresst, mittlerweile können wir damit schon lockerer umgehen! Nachts im Zelt entdecken wir dann bei der Routenplanung für den folgenden Tag: Wir zelten gerade in Aserbaidschan 😉  In der Ferne hören wir ein Heulen, für uns klingt  es nach Wölfen oder Schakalen, welch seltsames gute Nacht Lied!

 

Sonntag, 24.09.2017 Aserbaidschan- Goght: 208 km

Bereits früh am Morgen bauen wir unser Zelt ab, futtern ein paar Kekse und fahren weiter. Der Weg führt uns vorbei am Sewansee, der größte See des Kaukasus und mit einer Höhe von 1.900 m einer der größten Hochgebirgsseen der Welt. Die dort geplante Mittagspause lassen wir allerdings ausfallen, es ist uns einfach zu kalt.  Das armenische Hochland bietet uns immer wieder fantastische Ausblicke, immerhin eine kleine Entschädigung für die schlechten Straßen! Nachmittags erreichen wir unser Ziel, das Bed&Breakfast 3Gs, welches von einem niederländischen Paar betrieben wird. Neben Stellplätzen für Fahrzeuge gibt es hier auch einen Zeltplatz, einen Pool mit Ausblick auf den Khosrov-Nationalpark , eine hübsche Gemeinschaftsküche, luxuriöse Waschräume und einen gemütlichen Chillout-Bereich. Auf dem Parkplatz steht bereits eine BMW R1150 GS, woraus wir schließen das wir hier auf Freunde treffen 😉 Die beiden Letten, Rolands und Kitija  kennen wir bereits von ihrer Facebook-Seite Motoaround . Wir freuen uns sehr über das persönliche Treffen und verstehen uns prima! Zum Abendessen fahren wir gemeinsam ins nahe gelegene Geghard, das Essen haut uns nicht vom Hocker, aber die Aussicht ist wunderschön!

 

Montag, 25.09.2017 – Mittwoch, 27.09.2017 Goght, Camping 3Gs: 20 km

Hier in Sandras und Martys Overlander-Paradies verbringen wir noch einige Tage um uns auszuruhen und zu erholen.Jeden Morgen kaufen wir in der Nähe frische Eier zum Frühstück. Wir waschen Wäsche, schreiben Berichte, sortieren Bilder, schlafen aus und relaxen am Pool! Zusammen mit Rolands und Kitija besichtigen wir den nahe gelegenen Tempel von Garni.


Leider hat man nicht immer Glück wenn fremde ein Bild machen…

Wir schauen uns ausserdem die  „Simphony of the Stones“ an, dies sind beeindruckende Basaltfelsen, deren Besuch sich im Gegensatz zum Tempel, unserer Meinung nach mehr lohnt.

Abends kocht Matze in der Gemeinschaftsküche immer köstliche Gerichte, die wir mit den anderen Gästen zusammen genießen. Ein besonderes Highlight: Geheiratete. Wir unterhalten uns über das Reisen und erfahren von Sandra und ihrem Mann Marty auch viel über das Leben hier in Armenien.  Dazu genießen wir auch das ein oder andere Gläschen armenischen Wein.

 

Wie wir mittlerweile wissen, droht uns eine Geldstrafe seitens der Polizei, wenn sie uns ohne Versicherung erwischt.  Und so fährt uns Sandra, die Besitzerin des Bed & Breakfast 3 Gs mit ihrem Jeep in die 30 km entfernte Stadt Jerewan, die Hauptstadt Armeniens.  Dort möchten wir die Versicherung, sowie eine Simkarte fürs Handy und US-Dollar für den Iran besorgen. Diese bekommen wir allerdings weder am Bankautomaten noch auf der Bank: In einem großen Supermarkt ist eine Geldwechselstube mit offener Tür und einer Menge Cash, wo wir unsere armenische Drahm problemlos eintauschen können. Ohne Sandras Hilfe wären wir sicherlich stundenlang durch Jerewan geirrt, und alles hätte viel länger gedauert! Im Gegensatz zu uns spricht sie armenisch und kennt sich gut aus in der Stadt.

Unser Tipp: Direkt an der Grenze wird uns die 10 Tages-Versicherung für 30€ (zwei Fahrer) und 20€ (ein Fahrer) angeboten. In einem offiziellem Versicherungsbüro in Jerewan zahlen wir nur 3,50€! Auf unserem Weg von der Grenze bis nach Jerewan passieren wir unter Herzklopfen viele Polizeikontrollen, werden aber zum Glück nie rausgewunken.

 

 

Donnerstag, 28.09.2017 Goght- irgendwo hinter Vorotan Pass: 215 km

Die Nächte hier in Goght werden zunehmend kälter!  Wir befinden uns auf ca. 1.650m Höhe und es geht gegen Ende der Saison, also ziehen wir heute weiter! Wieder geht es Richtung Süden, denn unser nächstes Ziel ist der Iran! Bei schönem Wetter cruisen wir gemütlich durch wunderschöne, hügelige Landschaft, bis es immer höher in die Berge geht. In den vor uns liegenden Bergkämmen sehen wir riesige Wolkenfelder, die wie ein weißer Schleier langsam aber stetig voran ziehen und alles auf ihrem Weg „verschlucken“.  Dort müssen wir nun durch! In dem Moment als wir hineinfahren sehen wir kaum noch die Hand vor unseren Augen, es ist nass und bitterkalt.  Plötzlich tauchen wie aus dem Nichts zu unseren beiden Seiten riesige, gespenstige Betonstelen auf. Melli läuft ein kalter Schauer über den Rücken, sie wartet nur darauf  dass plötzlich die Nazgûl oder der Schneekönig persönlich samt seiner Armee der Toten dazwischen erscheinen. Die Betonstelen stammen aus der Sowjetzeit und markieren den höchsten Punkt des Vorotan-Passes auf 2.344m. Durch ein Schild erfahren wir, dass wir uns gerade auf der armenischen Seidenstraße befinden, doch für das obligatorische Erinnerungsfoto ist die Sicht einfach zu schlecht! Frierend und hoffend, dass wir es heute wieder aus dieser Suppe raus schaffen fahren wir weiter. Nach ungefähr 40 km schaffen wir es zwar nicht raus aus dem Nebel, jedoch finden wir in der Nähe von Sissian eine Campingmöglichkeit  die zumindest unterhalb der dichten Nebelschwaden liegt.  So sind wir zumindest nicht mehr der alles durchdringenden Nässe ausgesetzt, frieren nachts aber dennoch ein wenig.

 

Freitag, 29.09.2017 irgendwo hinter Vorotan Pass- Agarak: 180 km

Nach der kalten Nacht brechen wir früh morgens auf. Wir befinden uns immer noch im alles verschluckenden Nebel, sehen kaum weiter als ein paar Meter, zudem ist es sehr dunkel, kalt und nass. Immer wieder müssen wir stoppen da direkt vor uns auf der Straße plötzlich große Kuhherden spazieren, die von reitenden Hirten begleitet werden. Unser Weg führt uns vorbei an dem Kloster Tatew, welches eines der schönsten Sehenswürdigkeiten Armeniens sein soll. Vor allem seine Lage und die Landschaft drum herum sollen beeindruckend sein.  Doch aufgrund des dichten Nebels bleibt uns der Ausblick darauf verwehrt. Die asphaltierte Straße endet und wir können nur erahnen wie es hier aussehen könnte, während wir uns in steilen und engen Serpentinen über eine Offroad-Piste höher in die Berge kämpfen.  Über 40 km geht es bei dichtem Nebel durch Berge, Wälder und kleine armenische Dörfer. Manchmal gibt es kurze Abschnitte mit schlechtem Asphalt,  und mehrmals windet sich die Piste in engen Kehren über matschige Passagen in die Höhe. Auf einer Schotterstrecke verlieren wir sogar unser Windschild, finden es aber zum Glück wieder! Völlig durchgefroren erreichen wir am frühen Nachmittag die Stadt Kapan. Im schicken Restaurant “Elegant“ wärmen wir uns bei Cappuccino, Suppe und Steak auf und kommen wieder zu Kräften. Wir entscheiden uns dazu noch 80 km weiter zu fahren bis nach Agarak, direkt an der iranischen Grenze.  Denn dort können wir im Hostel Samuel günstig im privaten Doppelzimmer mit eigener Dusche übernachten, genau das was wir jetzt brauchen! Auf dem Weg dorthin sehen wir in der Ferne die ersten iranischen Berge, und diese liegen zu unserer Freude in der Sonne. Wir treffen auf einen deutschen Fahrradreisenden und kurzer Zeit später halten auch zwei iranische Fahrradreisende, die uns mit leckeren Pflaumen versorgen. Mit einem strahlenden Lächeln zeigen sie in Richtung der sonnigen, iranischen Berge und wir hören bereits hier in Armenien das erste Mal ein herzliches: „Welcome to Iran!“

Im Hostel angekommen lädt uns der Betreiber Samuel auf einen Tee ein.  Zu unserer Überraschung endet die Einladung auf einen Tee jedoch mit einem großen Abendessen im Kreise seiner ganzen Familie.  Die beiden Kinder lernen englisch in der Schule und mit Samuel unterhalten wir uns viel über Armenien und sein neu gebautes Hostel. Wir werden vom Opa mit frisch geernteten Granatäpfeln und von der Oma mit eingelegten Feigen verwöhnt. Dieser Abend ist wirklich der perfekte Abschluss für unsere Reise durch Armenien. Gerne würden wir dieses schöne Land irgendwann erneut bereisen!

Reisetagebuch Kapitel 6: Georgien- Caucasus im Kaukasus

Freitag, 15.09.2017 Of- Tsikhisdziri: 171 km

Erst gegen Mittag verlassen wir unser schickes Hotelzimmer und fahren entlang der Schwarzmeerküste in Richtung Georgien. Hinter der Stadt Hopa stauen sich bereits kilometerweise die LKW bis zur georgischen Grenzen. Wie immer sind wir am Grenzübergang etwas aufgeregt doch es verläuft alles problemlos. Wir lernen hier einen jungen Ungaren kennen, der mit einer Art Liegerrad durch den Balkan über die Türkei bis nach Georgien reist! Durch den Austausch von Reisegeschichten können wir uns so die Wartezeit versüßen. Auf der georgischen Seite angekommen wechseln wir unsere letzte türkische Lira in georgische Lari und machen uns auf in Richtung Norden. Unsere erste Begegnung mit einem Einheimischen (nach den Grenzbeamten) haben wir wie so oft mit einem Tankwart. Dieser plappert uns fröhlich in seiner Landessprache zu, wir verstehen leider kein Wort aber lachen freundlich zurück. Auch mit der lokalen Tierwelt kommen wir von nun an ständig in Kontakt: Kühe am Straßenrand, Kühe die auf der Straße stehen, sie überqueren oder sogar auf der Autobahnmitte weiden. Unsere weitere Route führt uns entlang der Küstenstraße, vorbei an der Hafenstadt Batumi. Wir sehen von weitem die futuristische Skyline an der Standpromenade, doch lassen die große Stadt lieber links liegen und fahren durch die Randbezirke. Unsere Augen sind an den Anblick der heruntergekommen, sowjetischen Mehrfamilienhochhäuser nicht gewohnt, man sieht hier deutlich die Zeichen des Zerfalls der Sowjetunion vor rund 16 Jahren. Zwischen den riesigen Wohnblocks sind volle Wäscheleinen gespannt, die Menschen sitzen am Straßenrand und wirken sehr fröhlich und freundlich auf uns. Alles ist neu für uns, die georgische Schrift, der Verkehr und die gesamte Umgebung, es prasseln zu viele unterschiedliche Reize auf uns ein, wir fühlen uns überfordert! Nachdem wir das Einzugsgebiet von Batumi verlassen haben, fällt uns auf wie unglaublich grün die Umgebung hier an der georgischen Schwarzmeerküste ist, es wachsen Palmen und Bananenstauden.

Am Nachmittag finden wir eine Campingmöglichkeit bei einem Restaurant direkt am Meer. Hier treffen wir auf einen Russen, der ebenfalls auf seiner GS angereist ist 😉 Nach dem Versuch einer Konversation mit uns, die letztendlich an der Sprachbarriere  scheitert, torkelt er in sein Zelt.

Zum Abendessen probieren wir „Soko Kecze“, in einem Tontöpfchen gegarte und mit georgischem Sulguni-Käse überbackene Pilze. Und „Madame Bovary“, Kalbsrücken mit Kartoffeln, ebenfalls in einem Tontöpfchen gegart, mit Tomaten und Schmand verfeinert und mit Sulguni überbacken. Beides schmeckt uns richtig gut und während die Sonne im Schwarzen Meer versinkt endet unser erster Tag in Georgien.

Samstag, 16.09.2017 Tsikhisdziri- Mestia: 244 km

Heute geht’s ins Kaukasusgebirge! Wir fahren bis zur Stadt Poti und verlassen dann die Schwarzmeerküste in Richtung Norden. Durch kleine Dörfer, in denen Kühe, Hühner und auch Schweine an den Straßen rumlaufen, fahren wir über teilweise sehr holprigen Straßen. In der Stadt Sugdidi müssen wir tanken. Dummerweise meint der Tankwart er müsste Gregor und Matze nach dem Volltanken zusätzlich noch mit 2 Litern Benzin abduschen! Total relaxt meint er wir sollen uns doch mit etwas Wasser abspülen, während Matze in einer riesigen Benzinpfütze steht. Unsere Essensvorräte inklusive frischem Fladenbrot sind hinüber, immerhin hat der Tankwart die 2 Liter von unserer Rechnung abgezogen. Aber von nun an haben wir Benzingeruch in den Nasen. Wir fahren weiter entlang des Flusses Enguri, der im großen Kaukasus entspringt. Unser Ziel ist der Ort Mestia, gelegen in der Region Oberswanetien, die vor allem für ihre historischen Bergdörfer bekannt ist. Je höher wir kommen, umso schöner wird die Landschaft.

Wir halten bei einem lokalen Bienenzüchter der mit seinen Bienenboxen entlang des Flusses steht, probieren sämtliche Sorten seines Honigs und kaufen den Leckersten (Lavendel). Es geht vorbei an mehreren kleinen Wasserfällen und am frühen Nachmittag sehen wir bereits die ersten schneebedeckten Gipfel des Kaukasusgebirges. Angekommen in Mestia gönnen wir uns für die erste Nacht hier oben ein Zimmer in einem hübschen Guesthouse.

 

Sonntag, 17.09.2017 Mestia:  ca. 30 km

Vom Guesthouse wechseln wir heute auf einen Campingplatz in der Nähe, wo wir auf ein deutsches Paar treffen. Petra und Dieter haben mit ihrem Wohnmobil schon viele Länder bereist, wir verstehen uns prima und tauschen Reiseerlebnisse aus. Auf einer kleinen Ausfahrt ohne Gepäck erkunden wir am Nachmittag die Umgebung. Hierbei geht’s für uns das erste Mal durchs Wasser! Zuerst sind wir etwas verunsichert, steigen ab… schauen uns erst mal alles in Ruhe an… Hilft ja aber alles nix, wenn wir weiter wollen müssen wir es versuchen! Mit nassen Stiefeln und einem Grinsen im Gesicht kommen wir auf der anderen Seite an. Am liebsten würde Matze gleich nochmal durch 😉 Wir finden sogar noch eine weitere Wasserdurchfahrt abseits der Straße und kommen so bei dem heutigen Ausflug voll auf unsere Kosten! Zurück in Mestia gehen wir essen und probieren „Chashushuli“, georgischen Rindereintopf mit Tomaten und Kräutern, „Qababi“ und gegrilltes Schweinefleisch.  

Da dies das erste Land ist in dem wir Schweine in der Natur sehen, trauen wir uns auch das Fleisch zu essen. Der Geschmack ist nicht ansatzweise zu vergleichen mit dem , welches uns in Deutschland angeboten wird! Es schmeckt nach dem was es ist! Auch lassen wir uns einige Gläschen des jungen georgischen Weißweins schmecken. Vom Geschmack her geht er leicht in die Richtung Federweiser, aber in lecker! In der Nacht sinkt das Thermometer hier runter bis auf 7 Grad. Zum Glück halten uns unsere Daunenschlafsäcke schön warm.

 

Montag, 18.09.2017 Mestia-Ushguli-Mestia: 90 km

Offroad-Time! Ohne Gepäck wagen wir uns heute noch höher in die Berge, in das Dorf Ushguli auf 2.200 m, welches eines der höchsten, dauerhaft bewohnten Dörfer in Europa ist. Die ersten 15 km sind noch asphaltiert, doch danach bricht die Straße abrupt ab. Es folgt 4 km Baustelle, und wir müssen auf von LKW festgefahrenen Grund ausweichen.  Über Steine und Geröll erreichen wir ein kleines Dorf, hier besteht die Piste fast nur noch aus Schlamm. Wir schaffen es zum Glück heil durch und gönnen uns eine Rast an einem Flusslauf, wo wir Freundschaft mit einigen Kühen schließen.

Der Weg führt uns immer weiter hinauf in die wunderschöne Berglandschaft. Diese können wir allerdings nur teilweise genießen, denn die Piste ist gespickt mit riesigen Schlammlöchern. Einige davon ziehen sich über 10 bis 20 Meter hinweg, berghoch und oftmals durch Kurven! Mehrmals sehen wir uns schon im Schlamm liegen, doch unser treuer Gregor richtet sich immer in letzter Sekunde wieder auf! Auf den letzten Kilometern geht es noch einmal über Stock und Stein steil hinauf. Nach über zwei Stunden „Fahrt“ erreichen wir dann endlich Ushguli, Matze ist fix und fertig.

Mit Gedanken an den Rückweg im Kopf fällt es ihm schwer das Panorama zu genießen. Von hier aus haben wir einen wundervollen Blick auf den Berg Schara, der mit 5.200 m der höchste Berg Georgiens im Kaukasus ist.

Apropos Kaukasus:  Unser Zelt namens Caucasus haben wir heute mit im Gepäck und platzieren es vor dem Gipfel des Scharas. Wir haben es von der Firma Coleman zur Verfügung gestellt bekommen. Vielen Dank an dieser Stelle!

Gerade als wir das Zelt fertig abgebaut und verstaut haben, rast ein Polizei Auto auf den Hügel. Hier dachte wohl jemand, dass wir hier übernachten wollen 😉

Wir treten den Rückweg an und werden von 2 Jungs stilecht auf Pferden verabschiedet. Auch hier wird uns alles abverlangt, wir kämpfen uns wieder durch die Schlammlöcher und denken jedes Mal das Schlimmste hinter uns zu haben.  Doch weit gefehlt, es folgen immer wieder noch schlimmere Abschnitte an die wir uns gar nicht mehr erinnern können. Im Baustellenabschnitt ist die festgefahrene Straße mittlerweile durch Geröll überschüttet worden, hier kommen wir nur mit Mühe und Not durch. Zurück auf der asphaltierten Straße wartet Melli nur darauf, dass Matze den Teer küsst 😉  Heute sind wir besonders stolz, stolz auf unser Motorrad und überrascht darüber was Gregor alles abkann! Das Vertrauensverhältnis zwischen Matze und Gregor ist wieder einmal gewachsen. Unser kleiner Dreckspatz nach der Tour: 

Jetzt aber schnell ab unter die Dusche!

Für umgerechnet 2 € wird Gregor wieder Saubergespühlt.

Zur Belohnung gönnen wir uns wieder georgische Köstlichkeiten mit kühlem Bier und erfrischender Limonade.  Es gibt zum Beispiel „Nigsiani Badrijani“ und eine Käseplatte mit georgischem Bergkäse sowie geräuchertem und ungeräuchertem Sulguni.

 

Dienstag, 19.09.2017 Mestia- irgendwo im Wald bei Kutaissi 217 km

Per Email hat Melli seit Längerem Kontakt zu der Motorradwerkstatt Bikeland in Tiflis, in der Hoffnung dass wir dort vielleicht unsere Kupplung erneuern können. Angeblich ist das passende Teil auf Lager. Wir ersuchen Rat bei Michi und Arno, unsere Ansprechpartner bei Wunderlich. Diese leiten die Eckdaten direkt an einen ihrer Spezialisten Thomas weiter. Er antwortet uns prompt und nach der Überprüfung der Fahrgestellnummer gibt er uns das OK! Vielen Dank an dieser Stelle für die schnelle und kompetente Hilfe! Voller Zuversicht machen wir uns daher heute auf den Weg in Richtung der georgischen Hauptstadt. Von Mestia geht es die schöne Strecke durch die Berge und entlang des Enguri Flusses bis nach Kutaissi. Doch bis nach Tiflis schaffen wir es nicht an einem Tag, und so schlagen wir am späten Nachmittag unser Zelt auf einer Wiese neben einen kleinen Bachlauf auf. Wir sind uns nicht sicher, ob unser Zeltplatz wirklich abgeschieden genug von den kleinen Dörfern in der Nähe ist und haben dadurch einen unruhgien Schlaf.

Mittwoch, 20.09.2017 irgendwo im Wald bei Kutaissi – Tiflis: 230 km

In der Frühe werden wir durch Schüsse geweckt. Wird in der Nähe gejagt? Werden auf diese Weise in den Dörfer ungebetene, tierische Gäste vertrieben? Oder schießen sie hier auch wieder auf Dosen? Wir wissen es nicht und packen lieber schnell zusammen. Doch durch die Nähe zum Bachlauf sind Zelt und Motorrad total nass geworden und auch wir haben Besuch: auf und unter unserem Zelt sitzen kleine Frösche! Vorbei am Bordschomi Nationalpark und der Stadt Goris fahren wir durch die grünen Landschaften Georgiens bis wir am späten Nachmittag Tiflis erreichen. Wir können die Werkstatt nicht auf Anhieb finden, doch zu unserem Glück taucht vor uns ein Motorradfahrer auf, der weiß wo wir hinwollen und geleitet uns zur Werkstatt. Im Hof stehen die unterschiedlichsten Motorräder rum, in mehreren Garagen wird geschraubt und wir fühlen uns hier gleich wohl. Der Besitzer, Dima hat eine BMW 1100 RT, die er über alles liebt und die (bis auf wenige Unterschiede), baugleich zu unserer Maschine ist. Er hat die benötigten Teile da und macht uns ein gutes Angebot für Kupplung und Öl- und Filterwechsel, in 2 Tagen soll Gregor fertig sein. Sebastian, der mit seiner Freundin von Singapur unterwegs nach Deutschland ist, steht ebenfalls gerade mit seiner defekten Triumph Tiger bei Bikeland. Wir folgen den Beiden bereits länger auf Facebook (Makaka on the run Link) und freuen uns über das zufällige Treffen! In der Nähe des Bikeshops suchen wir uns ein kleines Appartement mit Küchenzeile und schleppen sämtliche Sachen, die wir nicht in der Werkstatt lassen wollen, zu Fuß dorthin. Schon beginnen wir Gregor zu vermissen 😉 Nach einer heißen Dusche und Abendessen mit frischem georgischem Gemüse fallen wir müde ins weiche Bett.

 

Donnerstag, 21.09.2017 Tiflis: 0 km

Da Gregor ja in der Werkstatt ist, machen wir uns mit Bus und Metro auf in die etwa 8 km entfernte Innenstadt. Jede Busfahrt kostet 0,50 georgische Lari, die wir brav am Automaten im Bus einwerfen. Allerdings reicht es anscheinend auch erst dann zu bezahlen wenn der Kontrolleur einsteigt. Wenn er nach dem Fahrschein fragt einfach die 17 cent geben. Vielleicht kann das jemand mal in Deutschland ausprobieren? 😉 Gerade nach einer Stunde Anfahrt angekommen, erhalten wir eine Nachricht aus der Werkstatt: „Kupplung passt nicht,  bitte vorbeikommen“. Also fahren wir direkt wieder 30 Minuten zurück und erfahren was genau los ist: Die Kupplungsscheibe ist eigentlich für eine 1150 GS und passt von der Aufnahmeschraube her nicht an unser Moped. Der Witz ist, das das komplette Teil Baugleich ist. Nach der Frage warum BMW dies tut, bekommen wir die Gegenfrage warum BMW alle paar Jahre den Kardanantrieb von einer Seite auf die andere wechselt… Die Jungs wissen allerdings einen Ausweg: Der Kupplungsbelag wird an unsere alte Kupplungsscheibe montiert und so haben wir wieder einen neuen Belag auf unserer alten Kupplungsscheibe! Allerdings dauert es dann doch einen weiteren Tag und ein weiteres Problem wird gefunden: Der Kupplungszug muss auch noch gemacht werden, da sich bereits vier Stahlseile getrennt haben. Am Abend sind wir mit unseren neuen Freunden Sebastian und Yuliya von Makaka on the Run, in der Innenstadt verabredet. Da wir heute schon über zwei Stunden in Bussen gesessen haben, bestellen wir uns dieses Mal ein Taxi. Im Restaurant genießen wir Kebab, Salate und eine georgische Spezialität, Adjaruli Khachapuri. Ein köstliches mit Käse, Butter und Ei gefülltes Brot, wobei das Ei meisten oben drauf zu sehen ist. Nach dem Essen geht’s weiter in eine Rooftop Bar mit herrlicher Aussicht auf die beleuchtete Trinity Kathedrale und das Narikala Fort. Neben georgische Weißwein probieren wir auch den traditionellen georgischen Tresterbrand namens Chacha. Wir ziehen weiter durch die belebte Altstadt von Tiflis, viele Bars und Kneipen haben heute Livebands, es herrscht überall eine ausgelassene Stimmung, die Menschen trinken und feiern und wir sind mittendrin! Unsere letzte Station ist ein Irish Pub, dort verbringen wir bei Karaoke und Bier einen lustigen Abend mit unseren neuen Freunden, bevor wir uns gegen 3 Uhr müde auf den Heimweg machen.

Freitag, 22.09.2017 Tiflis: 0km

Heute kommt mal wieder alles anders als geplant. Wir schlafen zunächst aus, und wollen uns danach endlich mal Tiflis bei Tageslicht anschauen. Vorher gehen wir an der Werkstatt vorbei, um nach dem Rechten zu sehen. Dort treffen wir auf Mike, einen Motorradreisenden aus Kolumbien, der schon seit 3 Jahren unterwegs ist und noch weitere 3 Jahre vor sich hat!

Melli, Matze, Dima, Mike!

Wir haben uns unendlich viel zu erzählen und im Nu vergehen Stunden! Die Begegnung mit Mike gibt uns so viel mehr als eine Sightseeing Tour durch die Stadt. Er hat wirklich unsere Herzen berührt und wir sind froh den Tag mit ihm verbracht zu haben! Es sind solche Menschen, die unsere Reise interessant und einzigartig machen.

Am Abend schlendern wir dann zumindest noch ein wenig durchs romantisch beleuchtete Tiflis, vorbei an kleinen Läden wo es die georgische Spezialität Tschurtschela gibt. Dazu zieht man Walnüsse oder Haselnüsse auf eine Schnur und überzieht sie mit angedicktem Traubensaft. Wir spazieren durch kleine Gassen hoch bis zur Narikala Festung und zur Statue Kartlis Deda, die die Stadt Tiflis symbolisiert und im Volksmund „Mutter Georgiens“ genannt wird. In ihrer linken Hand hält diese eine Schale Wein für die Freunde und ein Schwert gegen die Feinde in der rechten.

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