Montag, 30.10.2017, Lahore- Taxila: 309 km

Wir verlassen Lahore in aller Frühe um dem Verkehrschaos ein wenig zu entgehen. Am Stadtrand gibt es riesige, schicke Wohnsiedlungen mit Schranken und Sicherheitspersonal vornedran, ein paar Straßen weiter fahren wir entlang slumartiger Siedlungen. Hier herrschen krasse Gegensätze! Wir könnten unser Tagesziel eigentlich in ca. 4,5 Stunden erreichen, wenn wir über den M2 Highway fahren würden. Dummerweise ist dieser aber für Motorräder verboten und so quälen wir uns weiter über die N5. Hier reihen sich Dörfer und Städte dicht aneinander, der Verkehr ist unendlich nervig. Trucks, Autos, Motorräder, sämtliche Tierarten und Fußgänger strömen aus allen Seiten in sämtliche Richtungen. Und wir sind mittendrin in diesem Chaos, versuchen uns so gut wie möglich anzupassen und nicht gänzlich die Nerven zu verlieren. Irgendwie taucht plötzlich mitten auf der Straße ein riesen Ochse vor einem Karren auf, der bereits die Nerven verloren zu haben scheint und seinem Führer nicht gehorcht. Das Auto vor uns bemerkt dies zu spät, legt eine Vollbremsung hin und wir natürlich auch. Doch trotz des ABS und einem Versuch auszuweichen rammen wir das Rücklicht des Autos mit unserem Blinker. Dieser ist kaputt aber ansonsten ist uns nichts weiter passiert. Der Pakistani steigt aus dem Auto. Er begutachtet den Schaden an unserem Motorrad, begutachtet den Schaden an seinem Auto. Jeder hat einen defekten Blinker, Gleichstand also! Er winkt ab und fährt weiter.

Die Verkehrssituation ist so dicht, dass man gezwungen ist auch nahe aufzufahren ansonsten wird man ständig überholt und abgedrängt. Auch der Asphalt hier ist viel glatter als wir das von zu Hause aus kennen und gewohnt sind. Und bei einer Masse von ca. 500 kg auf zwei Rädern, kommt man dann bei einer Vollbremsung leider nicht so schnell zum Stehen.

Wir fahren bis zu einem ruhigeren Streckenabschnitt und gönnen uns eine Pause!

Unsere Route führt an den Ausläufern der Hauptstadt Islamabad vorbei und wir stehen im Stau. Nachdem wir über 10 Stunden unterwegs sind (ohne groß zu Pausieren), erreichen wir das PTDC Motel in Taxila am Nachmittag. PTDC steht für „Pakistan Tourist Development Corporation“, und es gibt im Land mehrere Hotels und Motels dieser Regierungsorganisation. Uns wurden diese Hotels von anderen Overlandern empfohlen, oft dürfte man für eine Nacht dort umsonst zelten oder man könnte zumindest Rabatte aushandeln. Die Hotels stammen alle aus den 80er oder 90er Jahren, dementsprechend alt ist auch die Ausstattung. Wir sind die einzigen Gäste. Unser Zimmer kostet uns 28 € und es ist alles andere als schön, eins der Fenster ist kaputt, heißes Wasser oder WiFi gibt es nicht. Wir haben aber keine Lust mehr das Zelt aufzubauen. Zudem ist es hier immer noch sehr versmogt und sehr laut am Hotel, ständig brausen Trucks vorbei.  Zu müde um noch einmal aufs Motorrad zu steigen lassen wir uns per Tuktuk zu einem Supermarkt fahren. Wobei Supermarkt ist nicht der richtige Ausdruck. Es ist nur winzige Laden mit geringer Auswahl. Bei einem „Bäcker“ kaufen wir uns ein paar landestypische Süßigkeiten. Sie werden meist aus Grieß hergestellt und mit Zucker, Honig, Butter sowie- je nach Geschmack mit Rosinen oder Mandeln, aber auch Möhren oder Hülsenfrüchten zu einer reichhaltigen, sehr süßen Masse vermengt. Wir haben welche in den Geschmacksrichtungen Mandel, Ingwer und Kokos erwischt. Die süßesten Sachen die wir jemals gegessen haben bisher!

Das Motel hat auch ein Restaurant und so bekommen wir heute Abend auch noch was anderes außer Süßkram in den Bauch! Aufgrund des Straßenlärms und den permanent vorbeiziehenden Jingle Trucks ist die Nacht allerdings wenig erholsam für uns.

 

Dienstag, 31.10.2017, Taxila- Balakot: 150 km

Für die heutige Strecke von 150 km brauchen wir mit Pausen insgesamt 6 Stunden! Wir müssen zum Beispiel durch die Stadt Abbottabad, wo dichter Verkehr herrscht und wir nur sehr langsam vorankommen. Irgendwie haben wir auch immer das Pech zu den Hauptverkehrszeiten in den Städten zu landen, oder es ist gerade Schulschluss und sämtliche kleine Busse, Tuktuks, Autos und Mopeds sind auf den Straßen um Kinder einzusammeln. Wir halten an einer Tankstelle, wollen uns kühle Getränke und ein paar Chips kaufen. Der Tankwart ist so hin und weg von uns und unserem Abenteuer, dass er uns glatt den Einkauf schenkt! Als wir die Stadt Mansehra hinter uns lassen wird die Landschaft grüner und die Strecke immer idyllischer. Noch sind wir nicht auf dem Karakorum Highway. Dieser soll erst im Norden richtig schön werden! Über die von uns gewählte Strecke erreichen wir von Lahore aus schneller den Norden. Und auf der Strecke liegt in Balakot ebenfalls ein PTDC Hotel. Uns wird zuerst ein Zimmerpreis von rund 36 € genannt, als wir fragen ob wir zelten dürfen bieten sie uns ein Zimmer für 15 € an. Wir freuen uns über den Rabatt und nehmen daher das Zimmer, welches dieses Mal geräumiger und sauberer ist. Wir bekommen auch heißes Wasser zum Duschen, es  wird für uns in einem Kessel mit Feuer erhitzt! Auch hier scheinen wir die einzigen Gäste zu sein. Im Restaurant essen wir bevor wir schlafen gehen noch zu Abend.

 

Mittwoch, 01.11.2017, Balakot- Chilas: 183 km

Wir lassen die größeren Städte und somit auch den chaotischen Verkehr heute hinter uns. Durch kleine pakistanische Dörfer geht es immer weiter in Richtung Norden. Die Straße verläuft oberhalb des Kunhar Flusses und führt uns durch wildromantische und grüne Täler. In vielen Kurven geht immer höher in die Berge, die Luft wird endlich besser und die schmalen Straßen sind in einem relativ gutem Zustand. Hier stehen viele Warnschilder mit Sprüchen wie „ road is hilly, don´t be silly“, „speed thrills but kills“ und „peep peep don`t sleep“! Im Grunde finden wir diese amüsant, aber die Strecke ist echt nicht ohne und wir können uns gut vorstellen, dass es hier des Öfteren zu schlimmen Unfällen kommt.

Mittags erreichen wir das wunderschöne Naran Tal, dieses liegt umrandet von Bergen des Himalayas auf 2400 m Höhe .Hier hat bereits der Herbst Einzug gehalten, das Blattwerk der Bäume ist bereits bunt eingefärbt. Wir stoppen am PTDC Naran, ein schöner Platz zum Übernachten doch zelten lassen will man uns hier nicht. Auch ist es uns eigentlich noch zu früh, wir könnten noch ein gutes Stück weiterfahren.

Dummerweise lässt man uns ab hier auch nicht mehr alleine weiterfahren, „sensitive Area“- wir bekommen mal wieder eine Eskorte. Die folgende Strecke ist landschaftlich ein Traum, es geht immer höher in die Berge,  die Temperaturen sinken und die Vegetation wird immer spärlicher. Dafür bieten sich uns tolle Bergpanoramen! Im Lulusar-Dudipatsar sehen wir Eisbäche am Wegesrand und fahren immer weiter hinauf. Darauf waren wir heute nicht wirklich vorbereitet, wir frieren! Auf dem höchsten Punkt angelangt halten wir an und entdecken eine Steintafel die den „Barbusar Top“ mit 4.173 m Höhe markiert! Hier hat es um diese Jahreszeit nicht mehr wie 5 Grad Celsius. Kein Wunder also das wir vor Kälte zittern! Von hier aus sieht man in der Ferne sogar den schneebedeckten Gipfel des Achttausender Nanga Parbat.

Wir haben somit gerade unseren ersten Hochgebirgspass befahren und gleichzeitig das erste Mal im Leben einen der Achttausender gesehen! Wir lassen es und trotz Eskorte nicht nehmen schnell ein Foto zu schießen.

Allerdings begleitet uns die Eskorte gar nicht mit hinunter. Die Abfahrt vom Babusar Top hat es dann auch wirklich in Sich! In unzähligen engen Kehren geht es steil bergab, wir fahren ganz vorsichtig und sind froh heil unten anzukommen. Dort ist auch direkt der nächste Checkpoint, wir müssen mal wieder unsere Pässe vorzeigen und sämtliche Daten eintragen. Wir befinden uns nach dem Überqueren des Babusar Top in der Region Giligit-Baltistan. Dies ist offiziell keine pakistanische Provinz, sondern ein pakistanisches Sonderterritorium unter Bundesverwaltung. Die nördlichste Region Pakistans für viele unbemerkt Teil des Kaschmir Konflikts. Die Menschen Gilgit- Baltistans fordern keine Abspaltung, sondern das Gegenteil. Sie wollen dass Pakistan sie endlich offiziell als Bürger des Landes anerkennt. Doch würden die Verantwortlichen Pakistans dies tun, würden sie auch Jammu Kaschmir als Teil Indiens anerkennen.

Nach weiteren 40 km stoßen wir endlich auf den Karakorum Highway und einen weiteren Checkpoint wo wir registriert werden.

Vom Checkpoint aus eskortiert man uns in die kleine Stadt Chilas, die auf uns eher wie ein Bergdorf wirkt: schlechte Straßen auf denen Trucks und Traktoren unterwegs sind, ärmliche Hütten und Häuser am Wegesrand, überall laufen Menschen rum, aber auch Ziegen und Kühe sind unterwegs.

Wir werden zum Shangrila Hotel gebracht, das Zimmer soll fast 40 € die Nacht kosten. Wir fragen ob wir zelten dürfen, der Hotelier diskutiert ewig mit einem der vielen anwesenden Polizisten. Dieser schüttelt den Kopf. Immerhin können wir aber den Zimmerpreis auf 20 € runterhandeln. Das Hotel liegt direkt am mächtigen Indus und hat einen hübschen Garten. Das Zimmer ist nicht schlecht jedoch ist das Mobiliar wie immer in die Jahre gekommen. Heißes Wasser und Internet gibt es keins für uns.

Auf dem Parkplatz steht ein Mitsubishi-Pickup mit Aufbau und österreichischem Kennzeichen! So kommt es, dass wir Remo und Olli kennenlernen. Die Beiden sind mit ihrem „Mr. Rolli“ bereits bis nach Indien und Nepal gefahren und jetzt wieder auf dem Rückweg nach Europa. Durch Belutschistan wollen sie nicht erneut, daher sind sie auf dem Weg in Richtung chinesischer Grenze im Norden. Nach China werden sie über Kirgisistan und Kasachstan ihre Rückreise fortsetzen. Wir verstehen uns auf Anhieb super. Da wir das Shangrila Hotel nicht verlassen dürfen, essen wir im Hotelrestaurant gemeinsam zu Abend und tauschen „Kriegsgeschichten“ aus. Wir möchten ebenfalls hoch in den Norden fahren, da wir gehört haben dass das Hunza Valley in Nordpakistan besonders sehenswert sein soll. Gerne würden wir auch hoch an die chinesische Grenze bis zum Khunjerab-Pass auf 4.700 m Höhe fahren. Doch es geht auf den Winter zu und die Temperaturen fallen in Bereiche, die für uns auf dem Motorrad mehr als unbequem sind! Wir werden uns einfach Tag für Tag ein Stück weit vortasten und zur Not umkehren wenn es zu kalt wird!

Nun haben wir ja auch ein Begleitfahrzeug 😉

 

Donnerstag, 02.11.2017, Chilas- Gilgit: 133 km

Der Tag könnte nicht besser beginnen: Als wir gegen 9 Uhr Gregor packen, laden uns Olli und Remo auf einen RICHTIGEN Kaffee ein, den sie gerade im Espressokocher frisch gekocht haben! Wir freuen uns unheimlich über diese Köstlichkeit, die wir schon so lange vermissen. Nachdem wir alle startklar sind verlassen wir das kleine Bergstädtchen Chilas hinter dem Eskortfahrzeug und hinter Mr. Rolli. Oft wurde uns erzählt wie wundervoll der Karakorum Highway sein soll: Er wäre eine perfekt asphaltierte Straße, die vorbei an schneebedeckten Gipfeln und Gletschern bis nach China führt. Doch von perfektem Asphalt merken wir gerade nichts, sondern wir holpern und poltern über lange Zeit über eine miese Strecke, während uns auch noch Trucks entgegen kommen oder wir hinter ihren stinkigen Abgasen festhängen. Wir überholen Olli und Remo und irgendwann auch das Eskortfahrzeug um besser fahren zu können. Links neben uns geht es steil bergab hinunter zum Indus, auf unserer rechten Seite befinden sich hohe Felswände. Nach ca. 50 km und 1 Stunde Fahrtzeit erreichen wir dann doch den vielgelobten, perfekten Asphalt. Hinter Jaglot passieren wir einen Checkpoint an dem wir mal wieder anhalten und Daten eintragen müssen. Die Strecke wird immer schöner, in der Ferne erscheinen schneebedeckte Gipfel und wir legen eine Pause ein. Als Olli und Remo vorbeikommen halten sie ebenfalls und versorgen uns mit Mangosaft und indischen Chips. Als wir fahren wollen halten zwei Pakistanis, sie unterhalten sich kurz mit uns und wollen Selfies machen. Wieder unterwegs fällt Melli auf, dass einer ihrer Motorradhandschuhe fehlt!? Wir kehren um, Melli sucht den Straßenrand ab und Matze den hinteren Teil unseres Rastplatzes, leider ohne Erfolg. Also fahren wir weiter, im Iran hatten wir ein Paar Stoffhandschuhe erstanden, diese werden nun herhalten müssen wenn es kälter wird. Wir passieren einen Punkt an dem sich die drei großen Gebirge Himalaya, Hindukusch und Karakorum treffen bevor wir am frühen Nachmittag die Stadt Gilgit erreichen. Unsere erste Anlaufstelle ist das dortige PTDC Hotel. Hier wir dürfen eine Nacht umsonst im Garten zelten und auch für Mr. Rolli gibt es einen sicheren Stellplatz. Wir schlendern ein wenig durch die Stadt, kaufen frisches Fladenbrot und kühle Getränke. Olli und Remo zaubern uns dazu einen leckeren Salat. Den Rest des Tages entspannen wir im Garten, die Sonne scheint und es ist herrlich warm. Doch als die Sonne hinter den hohen Bergen versinkt wird es dann richtig kühl. Im Hotelrestaurant essen wir Vegetable Biryani zu Abend und trinken noch ein paar Tassen Chai um uns aufzuwärmen.  In der Nacht hat es 8 Grad Celsius.

Freitag, 03.11.2017, Gilgit- Aliabad: 96 km

Schon früh am Morgen dringt die Sonne hinter den Berggipfeln hervor, trocknet unser nasses Zelt und macht uns Mut weiter nordwärts in die Berge fahren zu können. Also machen wir uns auf den Weg in das ca. 100 km entfernte Hunza Tal. Über eine schmale Hängebrücke fahren wir zuerst über den Fluss Gilgit, verlassen danach die Stadt und freuen uns über eine perfekt asphaltierte Straße. Diese führt uns durch kleine Dörfer und schroffe Berglandschaften. Die Täler sind herbstlich bunt eingefärbt und wir müssen mehrmals anhalten um zu Genießen:

Bereits am frühen Mittag erreichen wir dann das Hunza Tal. Bevor wir auch hier zum PTDC Motel fahren, geht es erst noch hoch zum „Eagles Nest View Point“. Die Fahrt dorthin ist eine kleine Herausforderung. Über eine schmale Straße geht es in vielen engen Kurven unheimlich steil bergauf. Und im Anschluss müssen wir auch noch einen kleinen Fußmarsch bewältigen, ganz schön anstrengend in unseren Motorradkombis bei dieser Höhe. Aber wir werden belohnt! Der Ausblick ist einfach traumhaft:

Zurück im PTDC Hotel erfahren wir, dass wir hier auch zelten könnten, allerdings wird es uns nachts schon viel zu kalt. Unsere Schlafsäcke konnten wir schon in Deutschland und dann später auch in Georgien bei ca 0 Grad Celsius testen. Bei dieser Temperatur ist es machbar aber schon weit außerhalb des Komfortbereichs. Zudem kostet uns das Hotel auch diesmal nur 20 € die Nacht. Tagsüber wenn die Sonne scheint ist es allerdings herrlich warm, also entscheiden wir uns dazu morgen noch ein Stück weiter nördlich nach Passu zu fahren. Wenn das Wetter so bleibt, können wir vielleicht von dort aus einen Tagesausflug bis zum Khunjerab Pass unternehmen!

Samstag, 04.11.2017, Aliabad- Passu: 47 km

Wir sind noch nicht richtig wach, da klopft es an unsere Tür. Traumatisiert von unseren bisherigen Erlebnissen befürchten wir es könnte schon wieder Polizei oder Geheimdienst oder sonst was in der Art sein. Aber stattdessen bringt uns ein Engel namens Olli eine Thermoskanne mit frischem Kaffee ans Bett. Matze ist nun verliebt 😉 Luxus pur!

Bevor wir heute unsere Fahrt über den Karakorum Highway fortsetzen, fahren wir noch einmal zum „Eagles Nest Viewpoint“. Wir kriegen einfach nicht genug von diesem Ausblick!

Bis nach Passu sind es nur knapp 50 km, trotzdem sind wir einige Zeit unterwegs. Die Straße ist perfekt und wir müssen mehrfach anhalten um Fotos zu machen weil es so unglaublich schön hier ist. In Hussaini halten Olli und Remo ebenfalls. Hier gibt es eine der längsten Hängebrücken Pakistans. Matze traut sich drauf, während Melli sich diesen Spaß lieber verkneift! Die Brücke ist nicht nur extrem hoch, sondern auch unheimlich wackelig. Es gibt bloß einzelne dünne Holzbalken als Tritte, die weit voneinander entfernt in der Luft hängen, darunter liegt der reißende Fluss.An einer kleinen Hütte am Straßenrand löffeln wir eine typische Suppe und trinken Chai. Kurz bevor wir unser Tagesziel erreichen passieren wir den Passu Gletscher. Die Straße führt ganz dicht an ihm vorbei, das haben wir so noch nirgends gesehen. In Passu gibt es bloß 3 Hotels, wir entscheiden uns für das Sarai Silk Route, da es auch jetzt am Nachmittag trotz der hohen Berge noch ein wenig Sonne abbekommt. Auch hier nehmen wir uns lieber ein Zimmer anstelle das Zelt aufzubauen. Denn hier wird es nachts schon unter 0 Grad. Das Zimmer hat einen schönen Bergblick, doch es gibt kein heißes Wasser und wie immer auch keine Heizung. Als dann die Sonne verschwindet wird es richtig kalt. Die Zeit bis zum Abendessen wollen wir mit Kartenspielen in unserem Zimmer überbrücken. Doch wir verquatschen uns mit Olli und Remo, die Karten bleiben unberührt und die Zeit vergeht auch so wie im Flug. Wir verstehen uns einfach super mit den Beiden und haben tierischen Spaß zusammen. Schade dass sich unsere Wege schon bald trennen werden.

Im Hotelrestaurant lernen wir abends den Besitzer kennen und erfahren einiges über das harte Leben hier in den Bergen. Wir freunden uns außerdem mit einem jungen Pakistani an, der super englisch spricht und uns viel über Pakistan erzählt. Er ist Fotograf und hier um bedrohte Tierarten vor die Linse zu bekommen. Eigentlich lebt er in Karachi, eine der gefährlichsten Städte der Welt. Als wir ins Bett gehen ist es schon spät. In langer Unterwäsche kriechen wir in unsere Schlafsäcke, legen noch zusätzliche 3 Decken darüber und hoffen so nicht zu frieren!

Sonntag, 05.11.2017, Passu- Khunjerab- Passu: 248km

Jetzt da wir schon so weit gekommen sind wollen wir es heute wagen und ohne Gepäck hoch bis zur chinesischen Grenze und wieder zurück fahren. Ein Weg hat ca. 122 km, daher starten wir früh am Morgen. Wir ziehen alles an was wir dabei haben, bzw. was noch irgendwie zusätzlich unter unsere Motorradkombis passt! Doch wir frieren trotzdem! Mellis Füße schmerzen vor Kälte und Matze ist heilfroh über die beheizbaren Griffe unserer BMW. Melli muss sich auf ihre Hände setzen damit sie ihr nicht abfrieren!

Wir passieren das letzte Dorf vor der Grenze, Sost. Hier stehen viele LKWs rum, es ist Sonntag und daher kommen sie heute nicht über die Grenze. Super für uns, so haben wir null Verkehr auf der  Strecke!

 

Irgendwann kommen wir zur Schranke des Khunjerab Nationalparks, hier müssen wir absteigen und eine Gebühr entrichten. Wenige Kilometer später erreichen wir endlich einen sonnigen Straßenabschnitt. Wir rasten und versuchen uns aufzuwärmen, hüpfen auf und ab und genießen die wärmenden Sonnenstrahlen.

Dank der Sonne wird die Fahrt nun vorerst angenehmer!

Durch enge Felsschluchten und vorbei an einem wilden Flusslauf windet sich der Karakorum Highway immer höher und höher durch die Berge. Schneebedeckte Gipfel glitzern in der Sonne. Wir kommen aus dem Staunen gar nicht mehr heraus.

Wir passieren den letzten pakistanischen Checkpoint Foto und von nun an geht die Straße in unzähligen engen Kehren den Khunjerab Pass hinauf. Gregor muss ganz schön kämpfen, wir spüren einen deutlichen Leistungsverlust in dieser Höhe.

Oben angekommen sichten wir unsere ersten Yaks und sind umgeben von weißen Bergen und Gletschern, die Szenerie ist unbeschreiblich schön.

Und wir mussten dafür nicht einmal eine anstrengende Trekkingtour unternehmen oder schwierige Offroadstrecken fahren. Eine perfekte Asphaltstraße hat uns hierher geführt! Kurz vor der chinesischen Grenze dürfen wir dann nicht mehr weiterfahren. Um in China mit dem eigenen Fahrzeug einreisen zu können, braucht man neben viel Papierkram auch einen Guide. Doch wir lassen es uns nicht nehmen abzusteigen und zu Fuß bis zur chinesischen Grenze zu gehen. Uns ist richtig schwindelig, Melli hat Kopfschmerzen, das Gehen fällt uns schwer: Wir sind höhenkrank! Kein Wunder, wir befinden uns hier auf 4.700 m Höhe. Der Khunjerab-Pass ist einer der höchsten befestigten Pässe der Welt. Es fühlt sich großartig an mit dem eigenen Motorrad hier hergefahren zu sein!Der höchstgelegenste ATM der Welt ist leider gerade außer Betrieb.Trotz strahlendem Sonnenschein und mehreren Kleidungsschichten ist uns eisig kalt. Um die Null Grad. Da kommt es uns gerade recht, dass es hier einen Teestand gibt. Der Chai schmeckt lecker und tut uns in dieser Situation richtig gut. Der Betreiber erzählt uns, dass er nur noch zwei oder drei Tage hier sein wird, es ist Schnee gemeldet und somit ist die diesjährige Saison für ihn beendet. Doch wer kommt überhaupt hierher zum Teetrinken? Neben LKW-Fahrern und ein paar wenigen Overlandern, kommen ab und an noch pakistanische Touristen. Auch heute ist eine kleine Gruppe Pakistanis zur Grenze gefahren um Selfies zu schießen. Schnell werden wir zur Hauptattraktion ihres Ausfluges und sie machen lieber Bilder mit uns und dem Motorrad, anstelle vor der chinesischen Grenze. Zum Dank laden sie uns auf den Tee ein.

Uns wird immer kälter und die Höhenkrankheit wird immer unangenehmer, also treten wir den Rückweg an. Bevor es wieder die engen Kurven hinuntergeht genießen wir noch ein wenig die atemberaubende Landschaft hier auf 4.700 m Höhe.

Während wir umgeben sind von den immer wieder aufragenden majestätischen Gipfeln der Siebentausender des Karakorum Gebirges, können wir es uns nicht verkneifen noch einige Fotostopps einzulegen.

Als wir durch die hohen Felsschluchten den Rückweg antreten beginnt die Sonne bereits zu sinken. Zurück in dem Grenzstädtchen Sost suchen wir Olli und Remo um uns endgültig von ihnen zu verabschieden. Hier müssen sie noch die restlichen Formalitäten erledigen, bevor sie sich morgen auf den Weg nach China machen können. Der Abschied fällt uns schwer, wir haben die Beiden sehr lieb gewonnen und hoffen auf ein Wiedersehen!

Auf unserem weiteren Rückweg herrscht bereits Abendstimmung. In den kleinen Bergdörfern begegnen wir Hirten die ihr Vieh zurücktreiben und es beginnt zu dämmern.

Wir lassen den Abend gemütlich auf der Terrasse unseres Hotels ausklingen und sind uns sicher: der Umweg hier hoch hat sich mehr als nur gelohnt. Der Norden Pakistans ist wunderschön. Gerne würden wir ihn wieder bereisen, im Frühjahr oder Sommer, mit Wanderschuhen und mehr Zeit im Gepäck!