Reisetagebuch 9.3: Freiheit in Lahore

Donnerstag, 26.10.2017, Sukkur- Rahim Yar Khan: 196 km

Kurz nach dem Aufstehen geht Melli an die Rezeption um bloß etwas Tee zu ordern. Sie ist weder richtig wach, noch annähernd bereit zum Aufbruch. Doch es warten dort bereits zwei Polizisten auf uns, die zum Losfahren drängen! Zuviel für Melli, der zehrende Stress der letzten Tage entlädt sich in diesem Moment in einem waschechten Nervenzusammenbruch. Es schießen Tränen in ihre Augen und sie beginnt heftig zu schluchzen. Rezeptionist und Polizisten blicken ratlos drein, ein Pakistani der ebenfalls in der Lobby steht will helfen. Im Gegensatz zu den Polizisten spricht er englisch. Er geht davon aus, dass Melli Angst hat und erklärt ihr, dass die Polizisten nur hier sind um sie zu beschützen. Auf keinen Fall soll sie den Schutz ablehnen, es wäre viel zu gefährlich! Die Polizisten sind richtig wütend, sie hätten keine Zeit und wir müssten jetzt sofort los. Ununterbrochen schimpfen sie auf pakistanisch daher und machen dadurch alles nur noch schlimmer für Melli. Soweit es geht, versucht sie das eigentliche Problem zu erklären: Am gestrigen Tag wurden wir nur gehetzt und mussten bis spät in die Nacht fahren. Bei den Eskortenwechseln mussten wir bei Temperaturen von über 35 Grad in der prallen Sonne warten. Wir hatten kaum etwas zu Trinken, es gab nichts zu Essen und keine einzige Möglichkeit mal auf die Toilette zu gehen. Der Pakistani beginnt zu verstehen, übersetzt all dies den Polizisten, schreibt seinen Namen und seine Telefonnummer auf einen Zettel und dazu den Namen der beiden Polizisten. Wann immer wir anhalten wollen, sollen wir es doch einfach den Polizisten mittteilen. Bei jedem Eskortenwechsel sollen wir uns die Namen der Polizisten notieren, auch die ihrer Vorgesetzten. Was das wohl bringen soll? Egal, er schafft es zumindest Melli etwas zu beruhigen. Der Rezeptionist fragt unterdessen ob wir denn frühstücken wollen, Melli soll sich etwas von der Karte aussuchen. Sie bestellt Toast und macht den Polizisten klar, dass wir auch erst mal packen müssen. Kurz darauf bekommen wir ein riesiges Frühstück mit allem Drum und Dran aufs Zimmer serviert. Das Beste daran: Es geht aufs Haus! Vielleicht sollte Melli öfters an Hotelrezeptionen ausrasten?;-) Wir frühstücken einigermaßen in Ruhe, machen uns fertig und beginnen unter den wachsamen Augen der Polizisten zu packen. Bald darauf sind wir startklar und fahren hinter den Polizisten her, die uns zu zweit auf einem kleinen Motorrad eskortieren. Über eine riesige Brücke geht es hier für uns zum ersten Mal über den mächtigen Indus. Die Stadt Sukkur wirkt bei Tageslicht chaotisch und in etwa so wie man sich Indien vorstellt. Die Straße ist eine staubige Buckelpiste und voll mit Mopeds, Eselkarren, Menschen, Radfahrern, Kindern, Bettlern, Kühen und Müll.Am Straßenrand spazieren ganze Herden von Wasserbüffeln entlang. Plötzlich halten wir an: das Moped der Polizisten hat einen Loch im Reifen und wird bei einem kleinem Shop am Straßenrand repariert. In der Wüste Belutschistans sahen wir keine Frauen und kaum Kinder, nur Männer in typischen pakistanischen Tuniken und Pluderhosen. Hier sehen wir zum ersten Mal auch Kinder und vereinzelt ein paar Frauen in bunten Gewändern. Melli lächelt mit ein paar pakistanischen Kindern um die Wette und hat endlich die Chance unterwegs mal ein paar Fotos zu machen.Auf der gegenüberliegenden Seite entdecken wir einen Kiosk und möchten Wasser kaufen, dazu wird Matze von einem der Polizisten begleitet. Nachdem wir das Wasser ausgetrunken haben hilft einer der Polizisten uns beim Entsorgen des Mülls: er wirft die leere Plastikflasche einfach auf den Boden. Wir können nur mit dem Kopf schütteln! Die Reparatur des Reifens kostet die Polizisten umgerechnet übrigens 25 Cent, sie bekommen 50 % Rabatt als Beamte!

Hinter der Stadt steht der erste Eskortenwechsel des heutigen Tages an und Mellis Nervenzusammenbruch zeigt Wirkung: Wir müssen nicht in der prallen Sonne warten, sondern in einem Polizeigebäude, man schaltet uns den Ventilator ein und zeigt uns wo die Toilette ist! Wir müssen allerdings auch wieder lange auf das nächste Fahrzeug warten und werden nervös. Die Stadt Multan zu der wir eskortiert werden sollen, liegt 452 km entfernt. Gestern haben wir aufgrund der Polizeieskorte für 398 km von Quetta nach Sukkur über 10 Stunden gebraucht! Für uns steht fest, dass wir solch einen Tag nicht wieder durchstehen können!

Manchmal schleichen die Eskorten mit 30 bis 50 Sachen über den Highway hinter den Trucks her,  einfach nur Nerv tötend für uns. Ohne die Polizei kämen wir viel schneller voran. Denn auch wenn der Highway stets vollgestopft mit Trucks und anderen  Fahrzeugen ist, wir kämen dran vorbei! Alle Versuche diese Polizisten zum schneller Fahren zu animieren scheitern leider! Andere Eskorten brausen dagegen mit ohrenbetäubender Sirene und so schnell wie es nur geht durch die Städte. So kommen wir relativ gut durchs das Wirrwarr von Trucks, Mopeds, Fußgängern und Tieren. Doch oft kommt es hierbei für uns dann auch zu brenzligen Situationen. Dadurch dass die Eskortfahrzeuge sehr hoch sind, bleibt die Sicht nach vorne versperrt. So ist ein vorausschauendes Fahren schlecht machbar. Daher kommt es öfter zu starken Bremsvorgängen die häufig nur sehr knapp vor dem Polizeifahrzeug enden.

Unser Sprit geht zur Neige und wir weisen die Polizisten beim nächsten Eskortenwechsel daraufhin, interessiert sie anscheinend überhaupt nicht! Sie düsen an jeder Tankstelle vorbei. Nachdem auch die darauf folgende Eskorte unseren Hinweis ignoriert, machen wir einfach an der nächsten Tankstelle halt und tanken. Da wir hinter der Eskorte fahren bekommt diese es nicht mit… An der Tankstelle sind alle super nett und freundlich zu uns. Doch die Polizei macht kehrt und kommt wütend zurück, verscheucht jeden in unserer Nähe und hetzt uns schnell weiter.

Heute hält dann auch eine der Eskorten zum Lunch an. Nur dummerweise an einem verlassenen Burgerladen, der alles andere als einladen ausschaut.  Also fahren wir lieber weiter. Da wir nicht möchten, dass sich das Drama von gestern wiederholt, versuchen wir von nun an die Polizisten dazu zu bringen uns zu einem Hotel zu eskortieren.  Die meisten Eskorten entgegnen uns bloß „Multan“, Dienst nach Vorschrift.  Aber Matze schafft es dann schließlich einem Polizisten klar zu machen, dass er heute nicht bis Multan fährt. Zu weit, zu anstrengend und dadurch auch zu gefährlich und außerdem keine Lust! Die Kommunikation mit den Eskorten hat sich mittlerweile nur noch aufs Nötigste beschränkt und ist zu dem nicht mehr auf Höflichkeit gestimmt. Wir nennen ihnen den Namen eines Hotels, welches wir online rausgesucht haben und die Polizisten beginnen zu telefonieren. Vielleicht mit dem Hotel? Sie sagen uns den Namen eines anderen Hotels von dem wir bereits wissen, dass es das Teuerste in der Umgebung ist. Wir sagen ihnen dass wir dort nicht übernachten werden und in das andere Hotel wollen. Sie scheinen es zu verstehen und wir fahren weiter. Wir werden der nächsten Eskorte übergeben. Sicherheitshalber sagen wir ihnen wieder den Namen des Hotels in dem wir übernachten wollen. Und wieder fragt uns der Polizist nach dem anderen Hotel!? Ratlos versuchen wir der neuen Eskorte das Problem mit dem Preis zu erklären. Zu guter Letzt bringen sie uns dann zu dem ultraschicken Hotel… Es wäre sicher und wir sollen doch bitte hier übernachten. Der Zimmerpreis von 80 USD die Nacht lässt uns jedoch auf dem Absatz der Motorradschuhe kehrtmachen. Jetzt geht die Streiterei mit den Polizisten los, sie verstehen nicht warum wir nicht hier bleiben wollen. Wir erklären, dass wir ein Hotel für 20 Dollar die Nacht rausgesucht haben und auch partout nicht mehr ausgeben werden! Laut Eskorte wäre dies das einzige sichere Hotel. Sie wissen anscheinend nicht mehr weiter mit uns und eskortieren uns nun zur Polizeistation. Dort müssen wir Gregor parken und absteigen. Man bringt uns zum ansässigen Polizeichef, dieser kontrolliert unsere Pässe, schaut argwöhnisch drein und telefoniert. Wir vermuten bereits, dass wir die Nacht hier verbringen dürfen. Doch nach einer Weile sollen wir wieder aufsatteln und werden zu einem Hotel gegenüber der Polizeistation gebracht. Dieses schaut nicht nach Luxusbunker aus! Alle Wertsachen sollen wir vom Motorrad entfernen, aber ansonsten wäre der Parkplatz sicher. Die Übernachtung soll 5.000 Rupie (45 USD) kosten, wir handeln es immerhin noch auf 4.000 Rupie (36 USD) runter. Das Zimmer ist sauber und geräumig, es gibt WiFi und heißes Wasser!Während Matze mit seiner Mama skyped, klopft ein älterer Pakistani an die Tür und drängt sich rein. Er spricht kaum englisch, trägt keine Uniform aber gibt uns zu verstehen dass er Polizist sei.  So ganz verstehen wir nicht was dieser Besuch soll. Er will Fotos von Matze und Melli, dann nur von Melli, dann Selfies mit Melli machen und unsere Handynummern (Geheimdienstfuzzy?). Matze kann sich etwas aus der Affäre ziehen, telefoniert einfach lauter und wendet sich etwas von ihm ab. Als er dann endlich weg ist,  sind wir froh, können mal etwas relaxen und in Ruhe nachhause telefonieren. Rausgehen dürfen wir nicht, aber wir können Essen und Getränke von einem Restaurant nebenan bestellen. Wir entscheiden uns für typisches pakistanisches Essen: DalGemüsecurry und dazu Naan-Brot!Es klopft und der „Fuzzy“ steht wieder an der Türschwelle. Er will mit uns raus gehen, uns die Gegend zeigen und mit uns etwas Essen gehen. Aus verschiedensten Gründen lehnen wir mehr oder weniger höflich ab.

In der Hoffnung nun endlich Ruhe zu finden und morgen ohne Eskorte fahren zu können gehen wir schlafen.

Es klopft, nicht mehr!

 

Freitag, 27.10.2017, Rahim Yar Khan-Multan: 289 km

Der heutige Tag verläuft ähnlich wie der Gestrige! Die Eskorten schleichen mit uns über den pakistanischen Highway, der Verkehr in den Städten raubt uns den letzten Nerv. Bei einem der Eskortenwechsel dann eine komische Frage von den Polizisten: „Wie schnell könnt ihr fahren?“ Wir sind verwundert, doch hoffen nun vielleicht schneller voran zu kommen: „So schnell ihr wollt!“ Sie scheinen nicht überzeugt zu sein und fragen noch mehrere Male wie schnell das Motorrad denn fahren könnte. Wir versichern ihnen, dass 180 km/h für uns in Ordnung gehen und warten gespannt was nun passiert. (Anmerkung: Mit Gepäck fahren wir für gewöhnlich höchstens 120 km/h!)

Nach einer Weile kommt eine Limousine an, sie hat anstelle eines Kennzeichens ein Waage Symbol. Demnach wird hier wohl jemand aus dem pakistanischen Justizapparat kutschiert. Man gibt uns zu verstehen, dass wir hinter der Limousine fahren sollen und schon geht’s los. Die Polizei fährt voran, nein, sie fährt nicht voran, sie braust mit einem Affenzahn und heulenden Sirenen durch den dichten Verkehr. Wir erleben die gefährlichsten Überholmanöver seit Beginn unserer Reise. Wir rauschen an Trucks, anderen Autos, Tieren und alles was sich sonst noch so auf den Straßen tummelt in Sekundenschnelle vorbei. Es ist wie in einem Actionfilm! Nur der Spaßfaktor bleibt bei der ganzen Aktion komplett auf der Strecke, denn wir rasen von einer haarsträubenden gefährlichen Situation in die Nächste!  Matze schafft es dran zu bleiben und nach ungefähr 30 km hat der Spuk zum Glück ein Ende. Wir gelangen in den Zuständigkeitsbereich eines anderen Polizeirevieres und Wechseln daher die Eskorte. Die Limousine setzt ihr Rennen ohne Motorrad im Nacken fort.

Wir hoffen heute endlich von den Polizeieskorten frei zu kommen,  doch auch in Multan angekommen werden wir mal wieder zu einem schicken Hotel eskortiert und von den Polizisten stolz durch die schöne Lobby an die Rezeption begleitet. Das günstigste Zimmer soll 6.000 Rupiah kosten. Wieder einmal weit über unserem Budget und wir sind es so leid! Daher greifen wir auf unsere erfolgreiche Taktik von gestern zurück und sagen, dass wir Maximal 3.000 Rupiah zahlen werden (Heute versuchen wir unser Glück also mit einem noch niedrigeren Preis). Die Polizisten verstehen unser Anliegen zuerst nicht, sie sprechen so gut wie kein Englisch. Wir erklären sowohl ihnen als auch dem Rezeptionist, dass wir nicht mehr als 3.000 Rupiah zahlen werden. Nun beginnen Polizei und Rezeption eine heftige Diskussion. Ein Polizist wird richtig wütend und äfft Melli nach. Matze fragt ihn dann ob er ein Problem hätte.  Er verneint… Sie diskutieren untereinander, mit dem Rezeptionisten, sie telefonieren…es fällt immer wieder das Wort „Embassy“. Wir fragen den Rezeptionisten ob wir bitte mal das WiFi Passwort kriegen könnten? Nein, kein W-Lan hier. Und nein, es gäbe auch kein günstigeres Zimmer. Uns egal, dann sollen die Polizisten uns doch bitte in ein Hotel mit angemessenen Zimmerpreisen bringen. Nein, das würde nicht gehen, dieses hier ist das Einzige das Ausländer aufnehmen kann! Wir könnten nur in diesem Hotel schlafen, da wir nur ein „NOC“ zum Reisen haben, und keins für Hotels. Nun wird ihre Argumentation also auch noch ziemlich lächerlich. Uns auch egal, wir haben ein Zelt, dann sollen sie uns halt irgendwo günstig zelten lassen, von uns aus gerne in der Polizeistation. Darauf wollen sie sich nicht einlassen. Sie sind total genervt und wir haben das Gefühl sie würden uns am Liebsten einfach alleine lassen, nur dummerweise scheinen sie das partout nicht zu dürfen. Wir haben mittlerweile auf den Sesseln in der Lobby Platz genommen, Polizei und Rezeption streiten nach über einer Stunde noch immer, es wird wieder telefoniert. In der Zwischenzeit ist wieder einer vom Geheimdienst vorbeigekommen um die gewohnten Fragen zu stellen. Alles wie gehabt. Matze fragt dann ob es möglich ist raus zu gehen und auf eigene Faust durch Multan zu laufen. Er schaut auf die Uhr und sagt, dass es nach 18:00 Uhr nicht möglich ist. Matze fragt ob es davor möglich gewesen wäre und er sagt ganz trocken: „Nein.“ Beide fangen an zu lachen und geben sich die Hand.

Einer der Polizisten meint dann irgendwann wir können jetzt einchecken. Wir sind kurz vorm Ausrasten, hat er es denn immer noch nicht verstanden? Doch der Rezeptionist reicht uns den Schlüssel: „Roomrate 3.000 Rupees Mister“. Geht doch…

Gregor stellen wir auf dem nahegelegen Hotelparkplatz ab, beim Gepäck holen weicht uns der Sicherheitsmann des Hotels bewaffnet mit einer Schrotflinte nicht von der Seite.  Man bringt uns zu unserem Zimmer, welches tatsächlich im sogenannten „Ausländer-Flügel“ liegt. Wie auch bei den anderen Hotels ist dieses Zimmer seinen ursprünglichen Preis nicht Wert. Nach einer Dusche wollen wir versuchen raus zum Abendessen zu gehen, doch wie erwartet: man lässt uns nicht. Wir essen daher im hoteleigenen Restaurant eine große Portion „Vegetable Biryani“ und Dal bevor wir schlafen gehen. Kaum hingelegt klingelt das Telefon auf unserem Nachttisch, es ist die Rezeption die wissen will wann wir morgen früh fahren werden. Wir entgegen 10 Uhr und versuchen zu schlafen. Nachdem wir schon längst eingeschlafen sind klingelt das Telefon erneut! Es wäre wieder Polizei für uns in der Lobby und wir sollen sofort kommen, na super! Wir ziehen uns wieder an, Melli sucht was mit langen Armen und ein Tuch für ihr Haar. Verschlafen schlendern wir zur Rezeption und hoffen schnell wieder zurück ins Bett zu kommen. Doch es begrüßen uns wiedermal zwei junge Herren des Inter-Services-„Intelligence“ (Militärnachrichtendienst des Streitkräfte Pakistans). Mit diesem durften wir bereits in Dalbandin Bekanntschaft schließen, daher sind wir auf das Schlimmste gefasst. Einer der Agenten beginnt mit den typischen Standardfragen á la Visumsantrag nach Namen, Geburtsdatum, Familienstand, Anschrift, Beruf, Telefonnummern und will alles auch fein säuberlich notieren. Sein Kollege  scheint total genervt von dem Quatsch zu sein, unterbricht ihn und kommt lieber gleich zur Sache. Wo wir hinwollen, was für eine Art Reise wir unternehmen, wie wir unsere Reise finanzieren, welche Route wir hier in Pakistan fahren wollen…. Wir antworten eher langsam und mit Bedacht, werden dadurch direkt dumm angemacht und herablassend behandelt. Ob wir sie denn nicht verstehen würden, ob wir denn kein Englisch sprechen könnten. Wir entgegnen ihnen, dass wir bereits geschlafen haben, noch nicht wieder richtig wach und müde sind. Sie werden wieder ein wenig freundlicher. Wir beantworten alles und stellen im Anschluss auch selbst viele Fragen. So viele Dinge ergeben einfach keinen Sinn für uns und wir würden so gerne verstehen was das alles soll! Manche Overlander dürfen sobald sie die Provinz Beluchistan verlassen haben alleine fahren, andere hier ab Multan, andere erst ab der Grenzstadt Lahore. Wir wollen wissen wann die Eskorten für uns enden werden. Denn wir spielen schon länger mit dem Gedanken auf den berühmten Karakorum Highway im Norden Pakistans zu verzichten, wenn das mit den Eskorten so weitergeht. Wir fragen, ob denn die Chance besteht irgendwann ohne Eskorten fahren zu können. Die Agenten antworten gleichzeitig und ohne zu zögern blitzschnell: Der eine mit einem Ja, der andere im selben Moment mit einem Nein! Wir müssen lachen, auch wenn uns eigentlich nicht zum Lachen zu Mute ist. Das ganze wird lächerlich und es macht keinen Sinn mehr. Der ungeduldige Agent scheint ebenfalls die Schnauze voll zu haben, während sein Kollege weiter auf uns einredet. Wir haben bereits viele Beamte gefragt, warum wir denn eskortiert werden. Jedes Mal lautete die Antwort: „Security Reason.“ Diese Frage stellen wir dann den Geheimdienstfuzzies auch noch. Der überkorrekte Agent entgegnet uns: „Because you are men and woman“, während der Ungeduldige ihn anweist die Klappe zu halten. Was sollen wir jetzt von all dem halten? Höflich verabschieden wir uns von den Geheimdienstagenten und sind froh nun endlich schlafen gehen zu können!

Unser ursprünglicher Plan war es den Karakorum Highway im Norden Pakistan zu bereisen. Dieser führt bis zur chinesischen Grenze und soll wunderschön sein. Aber wir haben so langsam keinen Bock mehr! Wenn wir wirklich bis nach Lahore eskortiert werden, überlegen wir ernsthaft von dort direkt nach Indien weiter zu fahren.

 

Samstag, 28.10.2017, Multan-Lahore: 370 km

Wir stehen früh auf, räumen schnell unsere Sachen aus dem Hotelzimmer zusammen und gehen in Begleitung des Sicherheitsmannes raus um das Motorrad fertig zu packen. Noch ist keine Polizei in Sicht. Da wir ausnahmsweise unsere Reisepässe schon wieder in der Tasche haben müssen wir nicht mehr an die Rezeption und auf die Polizei warten. Wir wollen schnell los fahren, in der Hoffnung ohne Eskorte weiter zu können, doch dann taucht sie in Windeseile auf. Also verlassen wir auch Multan hinter einem Eskortfahrzeug und das gleiche Spiel wie jeden Tag beginnt von Neuen. Nach manchmal längeren und manchmal kürzeren Strecken müssen wir an Checkpoints anhalten da die Eskorten wechseln. Mal geht das ruckzuck, mal dauert es elend lange. Dann halten wir Schwätzchen mit den Polizisten und posieren brav wenn sie Fotos oder Selfies mit uns wollen. Wir werden mit heulenden Sirenen durch die chaotischen Städte gehetzt und wenn wir mal wieder über den Highway schleichen versuchen wir mit Gesten die Polizistin zum schneller fahren zu animieren. Einmal klappt das und die Eskorte deutet uns an sie zu überholen und Gas zu geben. Das lässt sich Matze nicht zweimal sagen und wird düsen davon. Endlich kommen wir mal voran, können die lahmen Trucks überholen und haben unser geliebtes Freiheitsgefühl zurück. Doch zu früh gefreut, irgendwann will uns am Straßenrand wieder eine Polizeieskorte abfangen! Allerdings steht diese auf der anderen Seite des 3-spurigen Highways und dadurch können wir leider nicht richtig anhalten und fahren ohne zu zögern zügig weiter. Beim nächsten Mal stehen sie auf der richtigen Seite und fangen uns dann doch ab. Dieses Spiel geht noch eine Weile so weiter doch irgendwann schaffen wir es wirklich der Eskorte zu entkommen und wir werden auch nicht mehr abgefangen. Nachdem wir erstmal viele Kilometer „Sicherheitsabstand“ zwischen uns und der letzten Eskorten rausgefahren haben, gönnen wir uns die erste Pause in Pakistan am Straßenrand ohne Polizei.

Bis zu unserem heutigen Tagesziel Lahore sind es noch einige Stunden Fahrt. Die Zeit vergeht wie im Flug, denn wir können in unserem Tempo fahren und pausieren wann und wo wir wollen.

Bisher hatten die Polizisten immer jeden der uns zu nahe kam verscheucht. Jetzt genießen wir einen Tee an einem kleinen Straßenstand und werden sehr freundlich behandelt. Bei unserer nächsten Pause an einer Tankstellte bekommen wir von den Einheimischen Stühle gebracht, man lädt uns zum Tee ein. Alle sind sehr höflich zu uns, reichen auch immer Melli die Hand. Einige sprechen gutes Englisch und viele Pakistanis wirken fast schüchtern uns gegenüber. Bevor sie ein Foto oder Selfies machen, fragen sie stets höflich ob dies denn in Ordnung wäre.

Am Nachmittag erreichen wir Lahore, die Stadt versinkt im Smog, wirkt auf uns wie ein riesiger Moloch und der Verkehr ist abartig. Manche Straßen sind nicht asphaltiert, Tuktuks, Autos und Mopeds fahren kreuz- und quer durcheinander wie es ihnen gerade passt. Das Navi führt uns durch einige Seitenstraßen durch die wir uns zu Fuß eher nicht durchtrauen würden. In einer davon gibt es ausschließlich Fleischwaren, links und rechts hängen sämtliche Tierkörperteile und Innereien entlang der Straße aufgereiht. Unser angepeiltes Hotel können wir nicht finden, die Adresse scheint wohl falsch markiert zu sein. Hotelpreise sind online meist nicht angegeben, also machen wir uns auf spontane Hotelsuche. Wichtig ist uns ein sicherer Parkplatz und nach einigem Suchen finden wir ein riesiges Hotel mit Schranke und Sicherheitspersonal. Melli geht in die Lobby nach dem Preis fragen und fühlt sich in ihrer dreckigen Motorradkombi hier total deplatziert, denn wir sind in einem 5 Sterne Haus gelandet in dem selbst das günstigste Zimmer 140 € kostet. (Da gerade die Deutsche Bank hier tagt sind außerdem alle günstigen Zimmer ausgebucht und nur noch Executive Zimmer ab 260 € verfügbar.) Alle Hotels in dieser sicheren Gegend scheinen außerhalb unseres Overlander-Budget zu liegen und wir müssen weiter durch Lahore fahren, was gerade sehr an unseren Nerven zerrt. Im dritten Anlauf werden wir dann mit dem Panoramic View Hotel fündig. Es liegt in einer Seitenstraße der Mall Road, auf der es viele „Geschäfte“ gibt und abends reges Treiben herrscht. Für umgerechnet 36 € bekommen wir hier ein ordentliches Zimmer. Gregor dürfen wir in einer schmalen und düsteren Seitengasse direkt neben dem Hotel parken.Wir freunden uns gleich mal mit dem Sicherheitsmann des Hotels an, er versichert uns ein Auge auf Gregor zu haben. Der Housekeeper unseres Stockwerkes ist super nett, wir seien seine „Specialguests“. Er begleitet uns sogar zu einem Geldautomaten, bietet uns an ihn per Whatsapp zu kontaktieren wenn wir etwas brauchen und er wäre außerdem Masseur, falls Matze eine Fußmassage bräuchte?? Ähm, nein danke. Wir fragen stattdessen ob er uns denn ein Restaurant empfehlen könnte und landen so zum Abendessen im Salt`n Pepper. Dieses liegt einen kurzen Fußmarsch entfernt auf der Mall Road, auf der wir uns sicher fühlen und übertrifft unsere Erwartungen. Unser Kellner ist super nett, das Essen verdammt lecker. Das Salt´n Pepper ist eine Restaurantkette die auch Filialen in Islamabad, Karachi und sogar London hat. Das Ambiente wirkt für unsere Verhältnisse mittelmäßig, die Preise günstig. Um uns herum sitzen viele pakistanische Familien  die eher wohlhabend wirken. Auch hier gibt es bewaffnetes Sicherheitspersonal vor der Tür! Wir essen eine Kombination aus typischen pakistanischen Gerichten: pikantes Boneless Chicken Handy, Vegetabel Biryani, Raita und Kachumar Salat. Dazu gibt es leckeres Knoblauch-Nanbrot. Ein schönes Gefühl das Hotel verlassen zu dürfen, und ein noch schöneres Gefühl in ein Restaurant essen gehen zu können!

Nach dem ganzen Stress mit den Eskorten durch Südpakistan die letzten Tage können wir morgen nicht weiterfahren. Wir brauchen dringend eine Pause und überlegen uns in aller Ruhe die weitere Route! Auch wenn Lahore ein Drecksloch sein mag, wir haben hier immerhin ein anständiges Zimmer und dürfen uns endlich frei bewegen!

 

Sonntag, 29.10.2017, Lahore: 0 km

Wir schlafen heute erstmal aus und gehen dann zum Frühstückbuffet. Es gibt Toast mit Ananasmarmelade, ein scharfes Kartoffelgericht, Reis und Pfannkuchen. Als Getränk wird der für  Pakistan typische Chai serviert, leider viel zu süß! Kaffee gibt es schon seit dem Iran nicht mehr. Es gibt höchstens ekligen Instant-Nescafédreck, wir vermissen wirklich richtig guten Kaffee sehr.

Gegenüber von unserem Hotel befindet sich ein kleiner Teestand, hier wird der Chai noch traditionell zubereitet.Er schmeckt uns viel besser als im Hotel und der Preis von 25 Cent lässt sich auch verschmerzen. Da wir uns endlich frei bewegen können steht uns der Sinn nach ein wenig Sightseeing. Um uns den stressigen Verkehr zu ersparen, lassen wir uns mit einem Tuktuk durch die Stadt fahren. In der Nähe der Badschahi Mosche werden wir abgesetzt und suchen deren Eingang. Dabei kommen wir an der Food Street vorbei, die im Rotlichtbezirk neben der alten Stadtmauer eingerichtet wurde. Leider sind die Restaurants in den jahrhundertealten, restaurierten Häusern aber gerade geschlossen.  Wir schlendern weiter durch ein paar ruhige Straßen und wundern uns was hier alles so auf der Straße liegt?Irgendwann finden wir dann auch den Eingang zur Moschee, bevor wir reindürfen müssen wir noch unsere Schuhe abgeben und Melli ihre Haare bedecken.Die Moschee ist wirklich sehr schön, doch es dauert nicht lange und schon sind wir die Hauptattraktion! Während Matze aus dem Hintergrund das Treiben vor der Moschee beobachtet, schaut sich Melli ein wenig alleine um. Direkt ist sie von Pakistanis umringt, die Fotos und vor allem Selfies mit ihr machen wollen. Alle Fragen immer zuerst ganz höflich ob es denn in Ordnung sei. Wo wir herkommen wollen sie wissen, wie wir Pakistan finden, wo wir schon überall waren und noch hinwollen…Es werden immer mehr und es ist kein Ende in Sicht. Irgendwann wird es Melli dann zu viel und sie macht sich aus dem Staub. Auch Matze muss für Selfies mit den Mädels posieren. Jetzt wissen wir wie sich Hollywood-Stars fühlen 😉 In einem Seitengang machen wir noch ein paar Fotos, da kommt ein Pakistani auf uns zu: „Meine Frau möchte Sie gerne kennenlernen, ist dies okay für Sie“? „Klar, warum nicht!“ Wir reichen ihm und seiner voll verschleierten Frau die Hand. Sie redet nicht mit uns, wir wissen nicht ob sie das nicht darf oder sich nicht traut, so sprechen wir ein wenig mit ihrem Mann über ihr süßes Baby. Durch den angrenzenden Park, den wir leider aufgrund des Smogs nicht richtig genießen können, geht es zum Ausgang.Die Wachmänner am Ausgang möchten dann natürlich auch noch ein gemeinsames Bild!

Zurück am Hotel spazieren wir noch ein wenig durch die umliegenden Straßen. Die Gegend ist nicht ganz so schlimm und es gibt viele Geschäfte und Essenstände. 

Wir testen dann auch pakistanisches Street Food: Köstliches, scharfes Omelette mit leckerem Naanbrot (Preis 1 €).

Den Rest des Tages ruhen wir uns im Hotel aus und am Abend gehen wir wieder ins Salt`n Pepper essen.

Auch wenn Lahore eine sehr dreckige und chaotische Stadt ist, uns hat es hier irgendwie doch gefallen! Nun, da wir wieder „frei“ sind, haben wir uns dazu entschieden den viel gelobten Karakorum Highway in Nordpakistan zu bereisen. Schließlich werden wir wohl nie wieder mit dem eigenen Motorrad nach Pakistan fahren!  Jetzt heißt es 1000 km rauf und danach wieder runter, sofern es nicht bereits zu kalt für uns dort oben ist!

1 Kommentar

  1. Blaes Gabriele

    April 22, 2018 at 9:17 pm

    Ich bin total begeistert von Euren Berichten und ich denke ganz oft an Euch! Kommt gesund zurück und genießt jeden Augenblick. Herziche Grüße und alle guten Wünsche Gabi

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