Reisetagebuch Kapitel 9.2: Blütenstern

Montag, 23.10.2017 Dalbandin-Quetta: 340 km

Auch heute klingelt früh unser Wecker und wir sind froh das schäbige Hotelzimmer verlassen zu können. Als wir das Motorrad packen bekommen wir unverhofft vom Hotelier Omelette und Tee serviert. Dieses ist entgegen aller Erwartungen geschmacklich eines der besten Omelettes das wir je gegessen haben. Ob es nur an der Erwartungshaltung liegt oder ob es wirklich so gut ist können wir nicht sagen. Kurz darauf setzen wir unsere Fahrt durch Belutschistan hinter einem Eskortfahrzeug der Levies fort. In Dalbandin teilen wir uns die Straße mit Eselskarren und Ziegen.

Leider haben wir uns die letzten zwei Tage nicht wirklich getraut Bilder zu machen. Gerade an Grenzübergängen oder an militärischen Einrichtungen sind Kameras verboten.  Heute filmen wir unterwegs einfach ab und zu mit unserer Sony-Actioncam und niemand beschwert sich.

Um uns herum herrscht die pure Armut, Menschen sitzen in verdreckten Kleidern vor ihren Hütten und Häusern. Händler verkaufen Lebensmittel und allerlei andere Dinge entlang der Straße, es ist ein seltsames Gefühl hier durchzufahren.

Wir sehen keine einzige Frau in diesem Ort und auch nicht in den folgenden Siedlungen…( „Pakistan is a free country“)

Die heutige Strecke führt uns über gute und schlechte Straßen, mitten durchs Nirgendwo,  vorbei an endlosen Wüsten, Sanddünen und sogar Kamelen.

Wieder stoppen wir an unzähligen Checkpoints, wieder wechseln mehrfach die Eskortfahrzeuge. Heute läuft allerdings alles etwas schneller, denn manche Eskorten reichen in fliegendem Wechsel ein Papier ins nächste Auto auf dem alle der gefragten Daten von uns draufstehen und schon können wir weiter fahren. Dennoch müssen wir ab und zu auf das nächste Eskortfahrzeug warten und auch wieder unzählige Male sämtliche unserer Daten in dicke Bücher eintragen! Normale Tankstellen gibt es hier keine, allerdings hin und wieder Zapfsäulen mit Handbetrieb an Fässern. An einer solchen wollen unsere Levies allerdings nicht anhalten, so bekommen wir Benzin aus einem Plastikkanister am Straßenrand verkauft. Am Nachmittag fahren wir zunehmend durch kleinere Siedlungen und die Landschaft besteht nicht mehr gänzlich aus Wüste. Vor den Lehmhäusern stehen oft Brunnenanlagen und es wird vereinzelt auch Getreide oder Gemüse angebaut.

Autos begegnen uns immer noch selten.Manchmal allerdings Traktoren, Eselskarren oder Fahrräder. Die Region Belutschistan ist reich an Bodenschätzen, die Bevölkerung  gehört allerdings zu den ärmsten Pakistans. Eine Infrastruktur ist kaum vorhanden, genauso wenig wie Stromzufuhr und sauberes Trinkwasser. 88 % der Belutschen leben unterhalb der Armutsgrenze. Mit der Zeit wird die Strecke immer bergiger und abwechslungsreicher, wir scheinen die Wüstenregion zu verlassen.

Der Verkehr nimmt zu, ab und an überholen wir mehrere stark bewaffnete Soldatentruppen. Einige Kilometer vor Quetta stoppen wir für länger an einem Militärposten. Während unsere Pässe kontrolliert werden und wir auf den Eskortenwechsel warten müssen, halten auch einige pakistanische Reisebusse. Die Passagiere sitzen nicht nur im Bus, sondern sogar auch auf dem Dach! Rein in die Stadt geht es für uns dann nicht mehr hinter den Levies, sondern ab jetzt übernimmt die Polizei. Der Verkehr in Quetta ist absolut chaotisch, und die Polizei will uns hier schnellstmöglich durchschleusen. Im fliegenden Wechsel ändern sich unterwegs die Eskortfahrzeuge, zunächst der übliche Pickup, dann ein komplett gepanzertes Fahrzeug und am Ende sind es nur zwei Polizisten auf einem Moped. Sowohl der Fahrer als auch der Sozius haben die AK47 umhängen und gekonnt schlängeln sie sich durch das Chaos. Wir können mit unserer breiten und schweren Maschine nur mit Mühe und Not folgen, quetschen uns vorbei an Tuktuks, Mopeds, allerlei Tieren und Trucks.

Ein kleines Motorrad fährt gegen einen unserer Koffer, aber nichts geht zu Bruch! Die Armut am Straßenrand erschlägt uns, die Straße selbst ist zwar asphaltiert aber daneben gibt es nur Staub und Dreck. Am Straßenrand werden auf Karren Gemüse und Fische verkauft. Metzger bieten frisch geschlachtete Tiere an, daneben Mülldeponien auf denen barfüßige Kinder spielen und Ziegen nach Essbarem suchen.

Als wir endlich im Bloom Star Hotel auf den Hof rollen ist es bereits Nachmittag. Die Zimmer sind mies und teuer (45 USD pro Nacht), aber eine wirkliche Alternative haben wir nicht. Das Hotel dürfen wir nicht verlassen, wir sind uns auch nicht sicher ob wir es denn überhaupt verlassen wollen! Die Sicherheitslage in Quetta ist äußerst prekär, die Statistiken über unzählige Bombenanschläge und Attentate verdeutlichen uns dies. Letzte Woche gab es einen Bombenanschlag auf einen Polizeitruck bei dem 7 Polizisten ums Leben kamen.

Gegen 19 Uhr bekommen wir von einem Angestellten total überteuertes Abendessen serviert. Er fragt uns im Flüsterton ob wir denn ein Bier wollen. In Pakistan wäre Alkohol für Nicht-Muslime gestattet, Matze kann nach der anstrengenden Passage ein Bier vertragen und wir sagen zu. Für schlappe 10 USD bekommen wir so unterm Tresen zwei Dosen pakistanisches Bier verkauft.

Leider schmeckt es genauso wie das Abendessen nicht wirklich lecker.

An der Rezeption taucht ein Typ auf, welcher genauestens unsere Reisepässe sichtet. Wahrscheinlich wieder so ein „Geheimdienstfuzzy“…

Wir verdrängen lieber die Gedanken über alle Attentate und Anschläge hier in Quetta und gehen in unsere Schlafsäcke schlafen.

Dienstag, 24.10.2017, Quetta Hotel Bloom Star

Ohne ein sogenanntes „Non objection Certificate“ (NOC) dürfen wir nicht weiter reisen. Daher organisieren uns die Hotelmitarbeiter eine Polizeieskorte, die uns zur ausstellenden Behörde fahren. Doch wir dürfen erst los nachdem wieder der „Fuzzy“ auftaucht, den man glatt für ein Taliban Oberhaupt halten könnte. Auf der Ladefläche eines Polizeiautos werden wir neben zwei bewaffneten Polizisten durch die Stadt gefahren. Auch auf dem Fußweg bis zum Gebäude werden wir begleitet.

Im Home Department Office von Quetta geht es dann wirklich zu wie bei Asterix und Obelix auf der Suche nach dem Passierschein 38a: Wir starten in Büro A, wo wir allerlei Papierkram ausfüllen. Über einen langen Flur und einige Stockwerke höher geht es dann zu Büro B, wo wir eine Weile warten müssen, während unsere Daten von Hand in irgendwelche Bücher eingetragen werden. Wir müssen in einen anderen Teil des Gebäudes im Büro C Platz nehmen. Der Beamte dort prüft irgendwas und ruft per Telefon einen Kollegen an, der uns im Anschluss mit einigen Unterlagen quer über mehrere Flure zu Büro D bringt. Dort werden die Unterlagen geprüft, wieder Bücher ausgefüllt und ab geht es zurück zu Büro C. Es passiert nicht wirklich was, doch dann werden wir zum Büro F gebracht. Hier scheinen wir beim Hauptabteilungsleiter gelandet zu sein. Dieser hält ein Schwätzchen mit uns, unterschreibt einen Zettel, bietet uns Tee an und schickt uns zurück zu Büro B. Mal wieder müssen wir eine Zeitlang warten. Am Schluss geht es zurück ins Büro A wo wir dann endlich unser NOC bekommen. Es ist ab Morgen gültig und eine Kopie dieses Dokuments geht an alle Polizeichefs Belutschistans, damit sie wissen dass wir kommen um uns eskortieren zu können. Auf dem Rückweg bitten wir die Polizisten dann noch an einem ATM zu stoppen, damit wir pakistanische Rupees abheben können. Auch die pakistanischen Banken sind immer von bewaffneten Sicherheitsleuten bewacht. Zurück im Hotel bleibt uns nicht viel zu tun, wir relaxen etwas im Innenhof und lassen uns wieder von dem schlechten Essen bringen. Am Abend klettern wir für ein winziges Freiheitsgefühl aufs Hoteldach während die Sonne über Quetta untergeht.

In Pakistan sind wir zum ersten Mal wirklich in einer anderen, unbekannten und befremdlichen Welt angekommen. Unsere ersten Tage hier waren unglaublich stressig, anstrengend, chaotisch und teilweise beängstigend! Wir hoffen und gehen auch davon aus, dass wir bald ohne Eskorten fahren können. Uns wurde von Home Department und Hotel zugesichert, dass wir außerhalb der Provinz Belutschistan frei fahren dürfen. Allerdings haben wir von anderen Overlandern dazu unterschiedliche Aussagen gehört! Gespannt auf den morgigen Tag gehen wir früh zu Bett.

 

 

Mittwoch, 25.20.2017, Quetta- Sukkur: 398 km

Immerhin ist bei unserem überteuerten Hotelzimmer ein kleines Frühstück inkludiert und so starten wir nicht mit leerem Magen in den Tag. Unsere Eskorte ist auch schon da, allerdings dürfen wir erst los als der ominöse Typ von gestern erneut auftaucht und sein Okay gibt. Nachdem die Hotelangestellten noch ein paar Fotos von uns gemacht haben können wir los.

Hinter einem Polizeiauto brausen wir durch das dreckige, chaotische und gefährliche Quetta. Wieder  geht es zunächst durch den engen Verkehr der Innenstadt bis wir die Vororte erreichen. Es ist unglaublich heiß heute! Bei den Eskortenwechseln werden wir oft gnadenlos gehetzt um schnellstmöglich weiter zu fahren! Oder wir müssen ewig am Straßenrand in unseren Motorradklamotten schwitzend in der Hitze warten bis eine neue Eskorte aufkreuzt und wir endlich weiter dürfen. Total genervt fragen wir dann die Polizisten wann es endlich weiter geht, denn wir würden gerne ankommen, und zwar heute noch! Wir haben für uns beide gerade mal 1,5 Liter Wasser dabei und es gibt nicht ein einziges Mal eine Möglichkeit zur Pipipause. Manchmal schleichen die Eskortfahrzeuge unglaublich langsam daher, wir könnten so viel schneller vorankommen ohne sie! Angeblich sollen wir ja außerhalb der Provinz Belutschistan ohne Eskorte fahren können. Doch auch als wir nach über 6 Stunden die Provinz Sindh erreichen, haben wir immer noch ein Eskortfahrzeug vor uns. Die Landschaft und auch die Menschen die wir sehen ändern sich hier im Vergleich zum Wüstenstaat Belutschistan schnell. Wir fahren entlang grüner Baumwollplantagen, in denen bunt gekleidete Frauen und Mädchen sitzend Baumwolle pflücken.

In Wasserlöchern kühlen sich Wasserbüffel ab, und der Verkehr nimmt zu. Neben den bunten pakistanischen Trucks und vereinzelt ein paar Mopeds teilen wir die Straße mit Eselskarren, Pferden, Ochsenkutschen, Autos und ab und an ein Kamel. Einmal zieht sogar eine Karawane an uns vorbei. Als es langsam beginnt zu dämmern und wir so langsam auch nicht mehr weiter können, versuchen wir auch das den folgenden Eskorten zu erklären. Sie nicken immer, und entgegen uns „Sukkur“. Dies ist eine noch über zwei Stunden entfernte Stadt! Bei jeder neuen Eskorte erklären wir dass wir nun endlich in ein Hotel wollen, doch es ist als reden wir gegen eine Wand. Jedes Mal werden wir bloß schnellstmöglich zum nächsten Checkpoint gebracht. Es ist mittlerweile schon dunkel, wir sind stinksauer und fix und fertig. Diese zwei Stunden sind die schlimmsten Stunden auf unserer bisherigen Reise und auch darüber hinaus. Mit den Kräften am Ende, Schmerzen am ganzen Körper und einem letzten Rest Konzentration quälen sich Matze, Melli und Gregor hinter der Eskorte durch die Dunkelheit. Kurz vor der Stadt dann die erlösende Frage des nächsten Polizisten: „Which Hotel?“ Hier in Pakistan gibt es keine Hotels bei den üblichen Portalen wie Booking.com oder Expedia zu finden. Über Google findet man vereinzelt mal eins, allerdings ohne Bewertungen und Preise. In der Navigationsapp „Mapsme“ die viele Overlander benutzen, wurden aber zu Glück auch einige Hotels mit Bewertung und Preis eingetragen. Im Voraus hatten wir uns bereits Hotels in der App markiert und so halten wir ihm eins davon unter die Nase. Bereits in Quetta und Dalbandin hatten wir keine Wahl, mussten in heruntergekommenen und gleichzeitig verdammt teuren Hotels schlafen. Der Polizist nickt, wir fahren durch sehr abgelegene Viertel der Stadt und sorgen uns schon ob wir eine gute Wahl getroffen haben. Doch das „Decent Lodge Guesthouse“ liegt dann in einer Seitenstraße der Hauptstraße, auf der es Geschäfte und Restaurants gibt. Und Gregor parken wir direkt vor der Rezeption. Die Polizisten begleiten uns hinein, weichen uns nicht von der Seite. Zuerst diskutieren sie ewig mit dem Rezeptionist, wir vermuten es geht darum ob wir hier bleiben können. Endlich können wir einchecken, der Hotelangestellte ist nicht gerade freundlich zu uns. Der versiffte Hotelflur und die offenen Türen zu Gemeinschaftsstehklos lassen und schlimmes erahnen. Doch unser Zimmer für umgerechnet 26 € die Nacht ist relativ sauber und hat ein eigenes Bad. Wir sind vollkommen ausgehungert, es gab für uns keine Möglichkeit unterwegs irgendetwas zu essen, also wollen wir raus. Doch die Polizisten sitzen noch vor der Rezeption und wollen uns nicht gehen lassen. Wir sind einfach nur noch fertig. Den ganzen Tag sind wir durch die Hitze gefahren, ohne viel zu trinken, ohne Pipipausen, ohne auch nur eine kurze Erholungspause, ohne zu Essen. Und dann auch noch durch die Dunkelheit und viel länger als wir eigentlich in der Lage waren zu fahren. Melli hat heftige Migräne und Anzeichen eines Hitzestiches. Nach endloser Diskussion mit Polizei und Rezeption dürfen wir dann doch in ein Fastfood-Restaurant auf der Hauptstraße gehen. Die Restaurants haben eigene Sicherheitsleute an den Türen, vielleicht dürfen wir deshalb hierher? Pizza und Burger sind dann auch eher die Kategorie der Hunger treibst rein! Wir können nicht viel essen und nehmen uns den Rest mit. Zurück im Hotel nervt uns wieder die Polizei, denn sie will unbedingt wissen wann wir morgen losfahren wollen. Wir haben keine Lust uns jetzt auf eine Uhrzeit für morgen festlegen zu müssen. Das Einzige was wir gerade wirklich wollen ist Schlafen!

3 Kommentare

  1. Abenteuer pur, haltet durch, es kommen wieder bessere Zeiten.

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