Samstag, 21.10.2017 Mirjaveh-Taftan: 14 km

Pünktlich um 7 Uhr kommt die iranische Militäreskorte uns auf das Hotelgelände abholen. Während der Fahrt sitzen mehrere bewaffneten Soldaten auf der Ladefläche des Pickups. Ein besonders Junger und Pummeliger spielt Luftgitarre mit seiner Kalaschnikow und trällert dazu ein Liedchen vor sich hin. Diese Eskorte bringt uns bis zum wenige Kilometer entferntem Militärcheckposten, an dem es gestern für uns nicht mehr weiter ging. Hier warten bereits Dutzende LKW und vollbeladene Transporter darauf die Grenze passieren zu dürfen. Bevor wir weiterfahren können, wandern unsere Reisepässe  noch durch die Hände mehrerer iranischer Soldaten. Mit einem flauen Gefühl im Magen erreichen wir den pakistanischen Grenzposten. Doch wir werden freundlich begrüßt, direkt bietet uns ein Pakistani seine Hilfe beim Ausfüllen der Papiere an und bringt uns ins richtige Büro.  Dort werden unsere Pässe kontrolliert, Fotos aufgenommen und nach einer Weile heißt es für Matze „Welcome to Pakistan“. Er verlässt das Gebäude und wechselt Geld, während Melli vom Grenzbeamten: „you are not allowed to enter Pakistan“ zu hören bekommt.  Was für ein Schock! Allerdings wollte er sich bloß einen Spaß erlauben und alle lachen sich kaputt.  Wir dürfen danach bei den pakistanischen Soldaten im Schatten sitzen und bekommen Wasser von ihnen. In große Bücher müssen wir sämtliche unserer Daten wie Passnummern usw. von Hand eintragen.  Als auch die Formalitäten für Gregor erledigt sind werden wir zur Grenzstation der Levies eskortiert. Die Levies sind eine paramilitäre Einheit, die jeden ausländischen Reisenden bei seiner Fahrt durch die Provinz Belutschistan eskortiert. Die Frage ist jetzt nur ob dies noch heute geschieht!

Als wir gestern Nachmittag zur Grenze kamen hatten wir darauf gehofft die Nacht bei den pakistanischen Levies verbringen zu können, um am Morgen rechtzeitig los zu kommen. Und heute Morgen waren wir um 7 Uhr an der iranischen Seite der Grenze, früher ist sie nicht geöffnet. Aufgrund der unterschiedlichen Zeitzonen ist dann in Pakistan bereits 8:30 Uhr! Wir erfahren dass bereits heute Morgen gegen 8 Uhr (pakistanischer Zeit) eine Eskorte gestartet ist und wir sollen abwarten. Ein freundlicher Levie will für uns abklären ob wir heute noch weiter können. In der Zwischenzeit kommen immer wieder pakistanische Beamte zu uns und machen Fotos von uns und unseren Pässen mit ihren Smartphones. Wir haben keine Ahnung was das soll! Melli fühlt sich hier mit Kopftuch wohler, doch wird vom Stationschef daraufhin gewiesen dass sie es abnehmen kann, denn „Pakistan is a free country“.

Gegen Mittag erfahren wir dann, dass wir erst morgen unsere Eskorte bekommen.  Alles Planen hat uns also wenig gebracht! Eine wichtige Lektion unserer Reise: Selten läuft alles wie geplant und wir haben gelernt uns mit den entsprechenden Situationen zu arrangieren. Was bleibt uns auch anderes übrig? Das schwer bewaffnete Paramilitär entscheidet wann es weitergeht, wir sind dankbar für ihren Schutz und wollen uns auch lieber nicht mit den Jungs anlegen 😉 Die Grenzstation der Levies dürfen wir aus Sicherheitsgründen nicht verlassen! Sie besteht aus einigen Büros  und weiteren schäbigen Räumen ohne richtiges Mobiliar, mehreren Gefängniszellen und hat einem Innenhof auf dem einige Fahrzeuge parken. Es gibt auch nur ein einziges „Stehklo“ mit einem Eimer zum Spülen.

Der Chef lässt uns in einem Büro ausruhen, denn mittags um diese Zeit geht er auch immer schlafen!

Wir verbringen den Tag mit Hörbuch hören und es kommen immer weitere Pakistanis für Fotos von uns und den Pässen, manche steckten sich auch lieber gleich eine Passkopie ein… Die Levies bringen uns sogar Essen vorbei: Mittags Fladenbrot und Dal (eine Art Linseneintopf) und abends bekommen wir sogar ein wenig Rindfleisch dazu! Es ist sehr simples aber gleichzeitig auch schmackhaftes Essen und wir sind dankbar für ihre Gastfreundschaft.

Am Abend ist der Innenhof plötzlich voll mit jungen Männern und platzt aus allen Nähten.  Vielleicht ist es eine ganze LKW-Ladung afghanischer Flüchtlinge? Melli ist die einzige Frau weit und breit und traut sich gar nicht raus! Einige Stunden später sind die Typen aber wieder verschwunden. Wir stellen den Wecker bevor wir schlafen gehen, denn morgen soll es früh losgehen.

Das flaue Gefühl im Magen bleibt…

 

 

Sonntag, 22.20.2017 Taftan-Dalbandin: 291 km                    

Der Wecker klingelt und ruckzuck sind wir startklar zum Aufbruch.  Für gewöhnlich braucht Melli morgens etwas länger, aber die bewaffnete Eskorte will sie lieber nicht warten lassen.  Die Levies bitten uns zum Frühstück in ihren Raum. Hier gibt es bloß einen winzigen Gasherd, ein paar Waffenkisten und einen alten Fernsehapparat. Wir nehmen neben den Pakistanis auf dem Boden Platz.

Es gibt Fladenbrot und Chai. Wir steuern noch etwas vom süßen, iranischen Halva bei. Der Chai schmeckt köstlich, er wird vom Dienstältestem aus Tee, Milch, Reis und Allerlei Gewürzen auf der Gasflamme zubereitet.  Nach dem Frühstück schauen alle in die Glotze, es wird durchgezappt und auf dem Bildschirm erscheint Bear Grylls. Alle freuen sich und scheinen ihn sehr zu mögen. Doch dann gibt es einen Szenenwechsel, Bear Grylls schüttelt einem Afroamerikaner die Hand. Als dieser von den Levies als Obama identifiziert wird schalten sie direkt um. Eine Sendung über Affen sagt ihnen dann doch mehr zu 😉 Für uns eine komische Situation, die Levies unterhalten sich nicht wirklich mit uns. Als wir untereinander reden vermeiden wir es Wörter wie Taliban oder Operation Enduring Freedom in den Mund zu nehmen. Für Taliban benutzen wir daher das Deckwort „Ducktales“. Schließlich hat sich unsere Bundeswehr jahrelang an dem amerikanischen Krieg „gegen den Terror“ beteiligt.  Schätzungen zu Folge wurden dadurch mehr als 176.000 Zivilisten in Afghanistan, Irak und hier in Pakistan getötet.

Die Medien haben uns in den Kopf gepflanzt dass jeder der aussieht wie ein Pakistani (Afghane etc.) ein Terrorist sein muss. Wir sind erst seit einem Tag im Land, aber wurden hier herzlichst aufgenommen. Menschen die weitaus ärmer sind als wir haben ihre Mahlzeiten mit uns geteilt! Und nun werden sie uns auf unserer Reise begleiten um uns zu beschützen.

Doch der alte Pickup der Levies will nicht anspringen. Matze hilft mit beim Anschieben. Nach zwei Fehlversuchen sagt er dem Fahrer er solle statt den ersten den zweiten Gang benutzen und schon springt er an. Kurz darauf verlassen wir die Grenzstation hinter dem alten Wagen. Unsere Eskorte besteht in diesem Moment aus Fahrer und Beifahrer, der mit einer Kalaschnikow bewaffnet ist. Die Straße durch Taftan ist in einem relativ guten Zustand, aber abseits der Straße gibt es nur Dreck, Sand und Armut. Bisher fanden wir alle Grenzstädte nicht sehr ansehnlich, aber Taftan ist ein besonders mieses Exemplar. Das Einzig schöne sind die bunten und liebevoll verzierten pakistanischen Trucks, die hier zu Hunderten rumstehen bzw. fahren.

Ungewohnt für uns: Das erste Mal Linksverkehr!

Nachdem wir Taftan hinter uns gelassen haben, geht es immer weiter über die N40, die einzige Straße. Sie führt von der iranischen Grenze bis zur Stadt Quetta. Um uns herum gibt es nur karge Wüstenlandschaft. Zu unserer Linken liegt die afghanische Grenze und am Straßenrand gibt es höchstens mal ein paar Lehmhäuschen, ganz selten kommt uns mal ein Auto entgegen. Wir müssen ständig an Checkpoints anhalten, unser Pässe vorzeigen und folgende Daten in Büchern eintragen: Name, Passnummer, Visanummer, Kennzeichen, Datum, Uhrzeit, Name des Vaters, woher wir kommen und wohin wir wollen. Sobald der letzte Buchstabe eingetragen ist heißt es „Go! Go! Go!“ und wir werden weitergehetzt. Immerhin bekommen wir an manchen Checkpoints  Wasserbecher angeboten. Das Wasser kommt aus großen Behältern und wir überlegen ob wir es trinken sollen. In dieser Situation wäre eine Durchfallerkrankung wohl das „Worst Case Szenario“, aber es ist brütend heiß und wir trinken zumindest ein wenig.  Ab und an wechseln auch die Eskortfahrzeuge und die Levies.  Auf manchen Streckenabschnitten gibt es nur Fahrer mit bewaffnetem Beifahrer, aber oft sitzen auch zusätzliche zwei bis drei Levies mit AK47 im Anschlag auf der Ladefläche. Nach 126 km und vielen Checkpoints erreichen wir eine erste Siedlung, Nok Kundi, welche nur aus Militärgebäuden zu bestehen scheint. Hier müssen wir sogar innerhalb von 800 Metern zweimal stoppen um alle unsere Daten in Büchern einzutragen! An einem folgendem Checkpoint mitten im Nirgendwo müssen wir einen längeren Stopp einlegen, denn es steht gerade kein Fahrzeug zur Verfügung. In einem winzigen Steinhäuschen direkt an der Straße nehmen wir mit den Levies auf dem Boden Platz, so sind wir wenigstens vor der Sonne geschützt. Wir werden zum Chai eingeladen und unterhalten uns so gut wie es geht mit dem Paramilitär. Stets werden wir nach dem Namen unseres Heimatlandes gefragt, ob wir verheiratet sind und Kinder haben.  Mit einem uralten Satellitentelefon wird mit unserem nächsten Eskortfahrzeug Kontakt aufgenommen. Melli nutzt die Chance und fragt nach einer Toilette, der Levie zeigt auf einen winzigen Hügel in der Wüste auf der gegenüberliegenden Straßenseite 😉

Gegen 15 Uhr erreichen wir den kleinen Ort Yakmach, wo wir anderthalb  Stunden warten müssen. Die Wartezeit verbringen wir mit den Pistazien aus dem Iran, knabbern und unterhalten uns mit den Levies. Einer berichtet uns stolz von seinen zwei Ehefrauen und 4 Kindern (2 Jungen und 2 Mädchen)! Nach weiteren 56 km erreichen wir dann die Kleinstadt Dalbandin und stoppen an einem der vielen heruntergekommenen Gebäude. Hier sollen wir endlich unser Nachtquartier beziehen, nachdem wir nun über 9 Stunden unterwegs sind. Über eine mit Müll zugeschüttete Treppe gelangen wir zu den Zimmern. Wir dürfen zwischen dem Standardzimmer  und der „VIP-Variante“ wählen. Das VIP-Zimmer ist bloß größer, aber genauso versifft und heruntergekommen.  Ein Polizist begleitet uns zu einem Kiosk direkt neben dem Hotel, wo wir uns mit ein paar Snacks eindecken damit wir wenigstens etwas zum Abendessen haben. Der „Hotelier“ betreibt anscheinend auch ein Restaurant, aber wir lehnen dankend ab.

Dummerweise sind in dem Brot auch noch Ameisen!

Damit wir nicht auf den versifften Matratzen schlafen müssen legen wir unsere Isomatte unter und benutzen unsere Schlafsäcke. Strom gibt es gerade keinen, somit auch kein Licht im fensterlosen Bad, zum Glück haben wir eine Lampe.

Melli ist gerade im Badezimmer als es an der Tür klopft. Ein Kerl in schäbigen Klamotten zeigt Matze auf seinem Smartphone Fotos von unseren Pässen, stellt sich als Polizist vor und spaziert ins Zimmer. Auf dem Bett sitzend stellt er Matze in feinstem Englisch allerlei Fragen über unsere Reisepläne und unseren Beziehungsstatus. Da Matze noch nicht genau die Route für Pakistan im Kopf hat sucht er in Mellis Smartphone nach den markierten Punkten im Navi. Während dessen meint der „Polizeibeamte“ dauernd dass Matze ihm das Smartphone geben solle, er wisse schon wie es funktioniert und wäre Ingenieur und solche Sachen. Matze versucht ihm zu verstehen zu geben, dass wenn er selbst nicht weiß wo die Route zu finden ist, wie er sie dann finden kann!?!?  Als Matze im Handy die geplante Route durch Pakistan gefunden hat gibt er das Handy dem gegenüber sitzenden „Beamten“. Während er am Nachschauen ist brabbelt er noch weitere Fragen vor sich hin und wirkt eher abwesend. Matze kommt es mehr und mehr seltsam vor. Als ihm dann noch einfällt das unsere Pässe unten an der Rezeption liegen, und ja eigentlich jeder ein Foto hätte machen können um sich als Polizist auszugeben, wird er misstrauisch. Er steht auf um zu schauen was der Typ tatsächlich macht und erwischt ihn beim Durchschauen von Mellis Bildern. Dieser schließt direkt das Programm und gibt Matze das Handy zurück so als wäre er fertig und nichts gewesen. Er will dann auch unbedingt Melli sehen. Matze setzt sich wieder gegenüber, legt das Handy neben sich und entsichert unauffällig das Pfefferspray, was die ganze Zeit neben ihm nicht sichtbar für den Kerl auf dem Boden steht. Er bittet ihn das Zimmer zu verlassen, da er nicht weiß ob Melli angezogen ist oder was auch immer. Doch dieser Witzbold dreht sich einfach um, hält sich nur die Hand vor die Augen und meint dass das schon ginge…. Erneut bittet Matze ihn nur kurz aus dem Zimmer zu gehen und der vermeintliche Polizist dreht sich wieder um und versichert dass es kein Problem sei… Nun wird Matze ernst und sein Adrenalinpegel steigt. Er bittet jetzt nicht mehr sondern fordert wenn er nicht das Zimmer verlässt kann er Melli auch nicht sehen. Das findet dieser kuriose Mensch gar nicht gut springt auf, sagt: „That´s not good“ und geht dann auf den Flur. Kaum ist Melli bekleidet aus dem Bad platzt der Kerl schon rein. Die Fragerei geht wieder von vorne los. Er will nun auch wissen was wir in Indien wollen, wie lange wir dort bleiben wollen, wie unsere dortige Route aussieht. Diese Fragen können wir nur schlecht beantworten,  da wir dies noch nicht geplant haben. Er erwähnt dann die Hauptstadt Neu-Dehli, ja da müssen wir wohl hin um das nächste Visum zu beantragen. Melli erklärt dass sie gerne das Taj Mahal sehen würde. Ob wir nicht wissen dass Indien der Feind Pakistans sei? Ja wissen wir, aber ist ja nicht unser Problem! Wir kommen uns  vor wie bei einem Verhör des Nachrichtendienstes. Er wechselt das Thema, will nun wissen wie wir unsere Reise finanzieren, wieviel Geld wir generell besitzen und ob wir alles Geld was wir benötigen mit uns führen. Wir behaupten dass wir monatlich eine kleine Summe auf unsere Kreditkarte gebucht bekommen.  Matze will nun den Ausweis sehen der uns versichern kann das er tatsächlich Polizist ist.  Seinen Ausweis hätte er unten und die Situation wird immer unangenehmer für uns! Matze ist nicht mehr bereit weitere dämliche und sich immer wiederholende Fragen zu beantworten und unterbricht ihn ständig. Wir wollen erst weiter reden wenn er sich ausweisen kann! Er bemerkt unsere Actioncam im Raum, dreht sie weg. Matze versichert ihm dass sie aus ist und legt sie zur Seite. Da Matze immer aufgebrachter und auch frecher wird versucht dieser Mensch die Situation zu entschärfen. Er versichert uns seinen Ausweis nach dem Gespräch zu holen und uns direkt zu zeigen. Er verstehe, dass wir uns versichern möchten dass er ein Beamter ist, und wir sollen uns etwas beruhigen. Nach weiteren, gezielten Fragen erklären wir ihm, dass wir von anderen Motorradfahrern den Karakorum Highway im Norden des Landes empfohlen bekommen haben, und daher gerne diese Gegend bereisen möchten.  Irgendwann scheint er alle Informationen die er braucht zu haben und verabschiedet sich höflich. Matze zieht sich die Schuhe an und will ihn nach unten begleiten um den erwähnten Ausweis sichten zu können. Doch das geht nicht, wir dürfen das Hotel nicht verlassen und so warten wir bis er wieder kommt um uns seinen Ausweis zu zeigen. Matze bekommt ganz kurz einen Militärausweis unter die Nase gehalten…. Jetzt wird uns einiges klar. Der pakistanische Geheimdienst „Inter-Services Intelligence“ (kurz ISI) ist dem Militär unterstellt! Wer die Anfangszene von Inglourious Basterds kennt, weiß wie sich Matze heute gefühlt hat!

Völlig erschöpft und gleichzeitig auch völlig aufgewühlt sitzen wir in unserem versifftem Zimmer. Auch die Tatsache, dass für uns ein Polizist die ganze Nacht vor dem Hotel wacht beruhigt uns wenig! Schließlich sieht dadurch ja JEDER (z.B. auch die Ducktales), dass gerade Touristen in der Stadt sind! Doch ehrlich gesagt gehen wir davon aus, dass diese eh schon längst über uns Bescheid wissen.