Sonntag, 15.10.2017 Yazd- Shenoshaden Desert Camp: 120 km

Auf unserer heutigen Fahrt von Yazd bis in nach Bafg geht es durch karge Landschaft. Die Sonne brennt und es ist so gut wie unmöglich ein schattiges Plätzchen zum Rasten zu finden. Gegen Mittag gibt es einen Grund zum Stoppen und Jubeln, denn wir haben gerade die 10.000 km Marke geknackt! Unfassbar wie viele Kilometer wir bereits hinter uns haben und wie weit wir mittlerweile von zuhause entfernt sind. Wir fahren an unzähligen „Achtung Kamel“ Schildern vorbei, sehen allerdings kein einziges. Hinter Bafq entdecken wir außerdem ein Schild mit der Aufschrift „Desert Camp“. Das klingt interessant für uns und wir versuchen unser Glück. Das Camp können wir gerade so erreichen, dann wird die Piste zu sandig für uns. Von hier aus sehen wir auch schon die ersten Sanddünen. Im Camp spricht niemand englisch und wir erklären mit Händen und Füßen dass wir hier schlafen wollen. Gregor dürfen wir im Inneren parken und in einem Lehmhaus bekommenwir Matratzen auf den Boden gelegt.

Einen Preis kann uns niemand sagen, aber wir gehen davon aus, dass es nicht sehr teuer sein wird. Nachdem die Sonne gesunken und die Hitze etwas abgeschwächt ist, starten wir Barfuß unsere Erkundungstour durch die Dünen. Stellenweise ist es ganz schön anstrengend die Sanddünen zu erklimmen, aber es macht uns gleichzeitig auch unheimlichen Spaß! Der Sand unter unseren Füßen ist weich und warm, und auf jeder bestiegenen Düne bieten sich uns neue herrliche Ausblicke über die Wüste. Auch der Sonnenuntergang ist wunderschön.

Zurück im Camp bekommen wir Feuertee.

Es gibt hier weder Duschen noch ein Restaurant. So haben wir nichts mehr weiter zu tun als Abendessen zu kochen und den unglaublichen Sternenhimmel zu genießen. Wir sehen die Milchstraße und sogar einige Sternschnuppen, wunderschön!

Montag, 16.10.2017 Shenoshaden Desert Camp- In der Nähe von Kerman: 270 km

Am Morgen kommt der Manager des Camps vorbei, er will 50 US-Dollar von uns haben. Wir lachen und sind nicht gewillt diese zu zahlen, schließlich haben wir bloß auf dem Boden geschlafen, weder heißes Wasser noch Dusche gehabt, und auch unser Essen selber kochen müssen. Schlussendlich ist er dann mit den von uns vorgeschlagenen 15 Dollar einverstanden und wir fahren weiter. Im angrenzenden Nationalpark befahren wir eine Offroad-Piste und staunen über die schöne Natur die uns hier umgibt! Bisher sind wir hier im Iran immer über sehr gute Highways und Hauptstraßen gefahren.  Aber heute fahren wir über kleinere Nebenstraßen in Richtung Kerman. Irgendwann endet der Asphalt und wird zu einer ca. 80 km langen Schotterpiste!

Wir stoppen in einem kleinen Dorf um ein paar Sachen einzukaufen. Als der Ladenbesitzer versteht, dass wir den ganzen Weg von Deutschland bis in den Iran gefahren sind, schenkt er uns einen großen Sack voll frischer Pistazien. Es dauert keine 5 Minuten, und schon hat sich ein großer Menschenauflauf um uns und das Motorrad gebildet. Alle wollen Fotos und Selfies mit uns machen und immer mehr Dorfbewohner kommen auf ihren kleinen Motorrädern an. Als dann auch noch ein Bus anhält, suchen wir schnell das Weite.

Am Nachmittag sind wir zurück auf dem Highway und finden keinen geeigneten Zeltplatz. Wir fahren bis hinter die Stadt Kerman und werden als die Sonne bereits untergeht endlich fündig. Schnell schlagen wir unser Zelt zwischen den Büschen auf, mittlerweile sind wir geübt im Aufbau und es steht innerhalb weniger Minuten!

Dienstag, 17.10.2017 In der Nähe von Kerman – In der Nähe von Bam: 300 km

Heute Morgen frühstücken wir gemütlich Obst und kochen Kaffee bevor wir mit Packen beginnen. Auch wenn wir mittlerweile im Zelt Aufbauen schnell sind, morgens brauchen wir relativ lange bis alles fertig ist.  Es dauert seine Zeit bis alles in den Koffern und Taschen verstaut und das Motorrad beladen ist.

Bevor wir über den Highway in Richtung Zahedan düsen, schauen wir uns noch die Festung von Rayen an. Im Gegensatz zu der bekannteren Zitadelle von Bam wurde diese nicht durch Erdbeben zerstört. Vor rund 1600 Jahren wurde die Zitadelle größtenteils aus Lehm erbaut und war der militärische Vorposten der antiken Handelsmetropole.

In der Gegend rund um die Stadt Bam fahren wir kilometerweit an Dattelplantagen vorbei. Hier werden die Datteln angebaut, die wir so oft und gerne naschen!

Doch in einer solchen Plantage lässt es sich schlecht Zelten, daher suchen wir heute wieder lange nach einer Campingmöglichkeit. Durch die unwirkliche Landschaft am Wüstenrand fahren wir querfeldein bis hinter einen Hügel, und schlagen in der Dämmerung dort unser Zelt auf.

Als wir schlafen gehen wollen, hält uns allerdings ein Hund wach. Zuerst hören wir ihn nur von weitem bellen, doch er kommt immer näher und näher und bellt ununterbrochen. Schlägt er vielleicht bei einem Plantagenbesitzer Alarm? Uns ist mulmig zumute, doch nach einer gefühlten Ewigkeit ist er ruhig und sucht das Weite. Trotzdem finden wir in dieser Nacht nur wenig Schlaf.

Mittwoch, 18.10.2017 In der Nähe von Bam – Zahedan: 300 km

Gegen 4 Uhr morgens werden wir wach, denn es tobt ein Sturm mit sehr starken Böen, der uns fast das Zelt um die Ohren weht. Matze traut sich raus um die Heringe zu kontrollieren und landet in einen ausgewachsenen Sandsturm! Wir harren ca. 2 Stunden aus und hoffen, dass sich der Wind vielleicht wieder legt und unser Zelt durchhält. Doch laut Wetterapp wird der Sturm im Laufe des Vormittages noch zunehmen. Die Böen sind bis 35 km/h gemeldet. Unsere Wasservorräte neigen sich dem Ende zu, und es dringen Unmengen von Sand durch die Lüftungsschlitze ins Zelt hinein. Den Sturm aussitzen ist also keine wirkliche Option, wir müssen hier weg! Draußen rast hellbrauner Sand wie eine Wand auf uns zu, damit wir überhaupt etwas sehen und unser Zelt abbauen können, müssen wir unsere Helme mit geschlossenen Visieren tragen! Trotz des starken Windes schaffen wir es in kürzester Zeit alles irgendwie zusammenzupacken und zu verstauen.  Wir wissen allerdings jetzt schon dass alles, aber wirklich alles, voll mit Sand ist! Er dringt überall ein, nicht nur ins Gepäck sondern auch in unsere Motorradkleidung, in Ohren, Nase und Mund. Den Weg zur Straße zurück zu finden ist unter diesen Umständen auch eine Herausforderung. Melli läuft ein paar Meter vor und Matze versucht so gut es geht über die mittlerweile sehr sandige Oberfläche die sicherste Linie zu Fahren. Auf der Straße angekommen hören die Probleme nicht auf, der Wind ist so heftig dass es uns während der Fahrt stark zur Seite drückt. Beim Anhalten kippen wir fast um und selbst mit geschlossenem Visier haben wir so viel Sand in den Augen, dass wir nicht richtig sehen können. Wir halten an um die Schwimmbrille aus Mellis Koffer zu kramen, zerstören beim Schließen irgendwie das Kofferschloss und dann hält uns auch noch die Polizei an. Sie will uns nicht weiterfahren lassen, deutet uns an ihnen zu folgen und dreht dann allerdings mitten auf dem Highway um, in gegen der Fahrtrichtung!?!. Das ist uns gerade viel zu blöd und zu gefährlich! Wir fahren weiter. Dank der Schwimmbrille kann Matze die Augen aufhalten und so zumindest ein bisschen was sehen. Wir kämpfen uns in Schräglage für viele Kilometer durch den Sandsturm, fragen uns ob wir nicht besser anhalten sollten und kontrollieren ständig die Benzinanzeige, denn eine Tankstelle ist weit und breit nicht zu sehen und das Benzin reicht nicht mehr für die 150 km bis zur nächsten Stadt.

Nach über 100 km hat der Spuk ein Ende und wir lassen den Sandsturm hinter uns. Um uns herum gibt es jedoch nur noch karge Wüstenlandschaft, keine Dörfer und auch keine Tankstellen.

Wir sind mittlerweile in der Provinz Sistan und Beluchistan angekommen. Diese grenzt an Afghanistan und Pakistan und wird als  „gefährliches Pflaster“ bezeichnet. Unser Couchsurfinghost hat uns bereits davon abgeraten hierher zu fahren. Die Belutschen verdienen ihr Geld in der Region durch das Schmuggeln von Drogen, Kleidung und Rohstoffen aus Afghanistan und Pakistan. Neben afghanischen Flüchtlingen sollen auch bewaffnete Taliban-Krieger hier unterwegs sein… Nicht gerade die beste Gegend um mit leerem Tank am Straßenrand zu stehen!

Kilometer um Kilometer rechnen wir mit dem Schlimmsten, bis wie bei einer Fata Morgana plötzlich das rettende Tankstellenschild vor uns auftaucht. Erleichtert rollen wir in Richtung der vermeintlichen Tankstelle, doch weit und breit ist hier keine einzige Zapfsäule zu sehen!? Beim Wenden bleibt Matze mit dem Lenker an unserer neuen Tanktasche hängen, da wir morgens beim Packen einfach alles irgendwo reingestopft haben. Wir kippen und… fallen auf ein parkendes Auto! Mist, der Kotflügel ist demoliert und sofort sind wir von Iranern umringt. Ein besonders unsympathischer Kerl gibt uns per Zeichensprache zu verstehen, dass er sofort Geld von uns sehen will! Wir haben absolut keine Lust auf Streit mit diesen Typen, rechnen mit dem Schlimmsten und sehen uns schon auf einem iranischen Polizeirevier sitzen. Um die Situation schnellstmöglich zu deeskalieren zücken wir schnell den Geldbeutel. Iranische Rial haben wir kaum noch und US-Dollar sind im Iran sehr beliebt. Also halten wir dem aufgebrachten Autobesitzer 100 US-Dollar unter die Nase, mit denen er zunächst aber gar nichts anzufangen weiß. Ein Anderer rechnet mit seinem Handy den Gegenwert in Rial aus und es wird still. Ist es ihm viel zu wenig? Nein, er ist einverstanden! Höchstwahrscheinlich hat er gerade ein gutes Geschäft gemacht, aber uns ist das egal, wir sind froh keinen Ärger mit diesen Typen zu haben!

Doch unser Tank ist immer noch leer! Melli entdeckt einen kleinen Kiosk und fragt nach Benzin. Nach einigem Hin- und Her bekommen wir einige Liter aus einem Kanister zum Schwarzmarktpreis in den Tank gekippt. Endlich können wir hier weg!

Mit etwas gemischten Gefühlen fahren wir weiter bis nach Zahedan, die letzte größere Stadt vor der pakistanischen Grenze. Als hätten wir heute nicht schon genug durchgemacht, müssen wir jetzt auch noch lange nach einem bezahlbaren und anständigen Hotel mit sicherem Parkplatz suchen. Doch irgendwann steht Gregor in einem abgesperrten Hof und wir liegen todmüde in einigermaßen sauberen Betten!

Donnerstag, 19.10.2017 Zahedan: 0 km

Zahedan ist die erste iranische Stadt in der wir uns unwohl fühlen. Es ist dreckig, Tiere und Menschen wühlen im Müll, wir gehen sogar an einem Mann vorbei der Crack oder ähnliches auf der Straße aus seiner Glaspfeife raucht. In keiner iranischen Stadt haben wir bisher derartiges gesehen oder uns unsicher gefühlt!

Wir entscheiden uns dennoch dazu noch eine weitere Nacht hier in Zahedan zu bleiben. Nicht um uns die Stadt anzusehen sondern um die Spuren des Sandsturmes zu beseitigen. Matze versucht Mellis Kofferschloss zu reparieren, Gregor bekommt eine Wäsche und neues Öl.

Außerdem versuchen wir uns auf die kommende Etappe in Pakistan durch die Provinz Belutchistan vorzubereiten. Diese grenzt an Afghanistan und hat immer wieder Schlagzeilen durch Entführungsfälle gemacht. Vom sogenannten Belutchistankonflikt bekommt man in unseren Medien allerdings eher wenig mit: Er exisitiert bereits seit der Entstehung Pakistans. Immer wieder kommt es zu Aufständen, Anschlägen und kriegerischen Auseinandersetzungen, mit denen die Belutschenstämme ihren eigenen Staat und die Unabhängigkeit von Pakistan erkämpfen wollen.

Wir wissen bereits dass wir bis in die Stadt Quetta eskortiert werden und recherchieren darüber wie dies genau laufen soll: Im Iran ist am Donnerstag und Freitag Wochenende, in Pakistan am Samstag und Sonntag. Haben die Grenzen auch am jeweiligen Wochenende geöffnet? Man soll es vermeiden freitags oder samstags in Quetta anzukommen, denn hier muss man am Folgetag der Ankunft bei einer Behörde ein Dokument beantragen. Ohne dieses Dokument kann man nicht weiterfahren! Kommt man am falschen Tag an, sitzt man im berüchtigten Quetta fest, denn freitagsnachmittags bis sonntags hat die Behörde geschlossen. Bis man Quetta erreicht ist man normalerweise zwei Tage unterwegs, manchmal auch nur einen. Die Eskorten von der Grenzstation in Taftan nach Quetta starten in der Regel täglich und zwar ganz früh morgens. Kommt man zu spät an, muss man eine Nacht an der Grenzstation  verbringen. Dort wären wir vielleicht sogar sicherer als in einem Hotel in der Nähe der Grenze? Falls es dort überhaupt so etwas gibt?

Wir halten es für sinnvoll vertrauenswürdigen Kontakten in Deutschland über unsere kommende Reiseroute zu informieren. Aber unseren Familien wollen wir damit keine Angst machen. Beim Auswärtigen Amt können sich Deutsche die zum Beispiel auf eigene Faust in gefährliche Länder oder entlegene Gebiete reisen, in eine Krisenvorsogeliste eintragen lassen. Und wir teilen zwei Freunden unser geplante Route und den geschätzten Zeitplan mit. Im Fall der Fälle könnten sie Alarm schlagen!

Abends gehen wir noch in ein Restaurant neben unserem Hotel und essen leckeres für den Iran typisches Chicken Kebab mit Reis.

Freitag, 20.10.2017 Zahedan-Mirjaveh: 118 km

Morgens arbeiten wir noch an Reiseberichten und checken erst gegen Mittag aus dem Hotel aus. Auf dem Weg weiter in Richtung pakistanischer Grenze passieren wir mehrere iranische Militärcheckpoints. Jedes Mal müssen wir unsere Reisepässe vorzeigen und Fragen nach dem woher und wohin beantworten. Je dichter wir an die Grenze kommen, umso größer wird das Militäraufgebot. Zu unserer linken Seite stehen alle paar Meter bewaffnete Wachtürme und Schilder mit Totenköpfen drauf. Am letzten Checkpoint vorm Grenzübergang müssen wir ewig warten, um dann zu erfahren, dass wir heute nicht mehr weiter fahren dürfen. Wir können entweder wieder über 100 km zurück bis ins Hotel nach Zahedan fahren, oder hier in der nahgelegenen Grenzstadt Mirjaveh ein Hotel beziehen und morgen ganz früh über die Grenze. Wir entscheiden uns für Letzteres und werden von der iranischen Polizei zum einzigen Hotel in der Gegend eskortiert. Gregor dürfen wir in der Lobby parken, ansonsten ist das Hotel ziemlich mies. Im April wurden hier in Mirjaveh 10 iranische Grenzsoldaten von sunnitischen Militanten umgebracht.

Wir verbringen den restlichen Abend also lieber im miesen Hotel und versüßen uns diesen mit einem letzten persischen Granatapfel.