Samstag, 30.09.2017 Agarak-Tabriz:  270 km

Früh stehen wir auf und machen uns startklar für den Grenzübergang in den Iran. Während Melli gerade überlegt wie sich das obligatorische Kopftuch mit dem Helm tragen lässt, rollt ein Panzer nach dem Anderen vorüber. Hier in Agarak grenzen Armenien, Iran und Aserbaidschan aneinander und es gibt zudem noch russisches Militär!

Wir sind aufgeregt, nicht nur wegen dem Grenzübergang sondern auch weil wir gespannt auf den Iran sind. Persien, für uns der Inbegriff des Orients!

Auf der armenischen Seite müssen wir eine gefühlte Ewigkeit warten. Der Grenzbeamte im ersten Grenzhäuschen ist dermaßen begeistert von unseren deutschen Reisepässen, dass er sich jedes winzige Detail mehrmals mit der Lupe anschauen muss. Am nächsten Schlagbaum wird unser Pass ein zweites Mal kontrolliert und wir dürfen passieren. An der iranischen Grenze angelangt müssen wir erstmal absteigen und in der „Passenger Hall“  unsere Reisepässe stempeln lassen. Dies geschieht nicht ohne „Welcome to Iran“ vom Grenzbeamten! Im Anschluss dürfen wir hineinfahren bis zur nächsten Schranke. Dort wird zum ersten Mal unser Carnet de Passage verlangt und wir müssen wieder eine Weile warten, bis auch diese Formalität erledigt ist. Es folgt eine letzte Passkontrolle und wir haben es endlich geschafft! Direkt hinter der Grenze wechselt Matze US-Dollar in iranische Rial und wir sind Millionäre!

Die folgende Strecke ist wunderschön,  führt vorbei an Bergen und entlang eines ruhigen Flusses. Wir erreichen die Stadt Jolfa und brauchen dringend etwas zu essen und zu trinken. Doch im Iran ist heute „Tassoua“, ein wichtiger Feiertag und alles scheint geschlossen! Wir finden zum Glück einen kleinen Shop bei dem wir uns mit Getränken, Chips und köstlichen iranischen Walnussküchlein eindecken können. Ein Iraner spricht Matze an, wo wir herkommen, wo wir hinwollen und ob wir ihn und seine Familie zu ihrem Feiertagsausflug begleiten wollen. Melli würdigt er keines Blickes. Wir lehnen dankend ab. Gerade als wir losfahren wollen kommt seine verschleierte Frau auf Melli zu, deutet ihr an die Hände zu öffnen und gibt ihr so viele frische Erdnüsse wie sie nur tragen. Uns wird bewusst dass wir uns nun in einem Kulturkreis befinden, der schon sehr unterschiedlich zu allem uns bekannten ist.

Unser Tagesziel, die Stadt Tabriz erreichen wir am Nachmittag.  Da unser Navi nicht funktioniert, irren wir Stunden durch die riesige Stadt, um den uns empfohlenen Park zu finden.  Endlich angekommen werden wir von unseren iranischen Fahrradfreunden begrüßt.  Im Park, der mitten in der Stadt liegt, darf man umsonst kampieren und es gibt herrlich weichen grünen Rasen, Toiletten und Duschen. Morgen sollen wegen einem weiteren Feiertag auch alle Geschäfte in der Stadt geschlossen sein, also gehen wir noch einkaufen. Große Supermärkte gibt es hier keine, dafür aber kleine Geschäfte wo wir alles Nötige finden können. Müde von dem anstrengenden Tag und den vielen neuen Eindrücken gehen wir früh schlafen.

 

Sonntag, 01.10.2017 Tabriz: 0 km

Heute ist der Nationalfeiertag  Aschura: Der zehnte Tag des Trauermonats Muharram ist im Hidschri-Kalender der Arschura Tag. Die Schiiten gedenken an den Enkel des Propheten, Imam Hussain, der als Märtyrer verehrt wird. Es gibt öffentliche Trauer- und Bußrituale die heute mit den Aschura-Prozessionen enden.

Wir ruhen uns heute erstmal mal ausgiebig aus. Melli erstellt eine Excel-Tabelle über unsere bisherigen Ausgaben und Matze checkt u.a. Öl und Luftdruck an Gregor. Abends laufen wir etwas durch die Stadt und erleben ein wenig die Feierlichkeiten.

Montag, 02.10.2017 Tabriz

Die Geschäfte sind heute wieder geöffnet, und wir stürzen uns ins Getümmel der iranischen Großstadt um eine Simkarte und Öl für Gregor zu kaufen. Die Simkarte  ist schnell besorgt, doch das Öl stellt sich als kompliziertere Sache heraus. Nach einer Weile scheinen wir im „Baumarktviertel“ der Stadt angekommen zu sein. Denn auf eine Straße mit lauter Sanitärgeschäften folgt eine Straße mit ausschließlich Lampenshops, dann eine weitere mit Werkzeugläden und endlich finden wir das Viertel mit unzähligen KfZ-Zubehör Geschäften. Wir fragen uns durch, ein Iraner der nur Farsi spricht bietet seine Hilfe an und führt uns durch das Viertel. Laden für Laden klappert er mit uns gemeinsam ab, bis wir schließlich in einer Straße landen die nur aus Motoröl-Shops zu bestehen scheint. Wir suchen 10w50 das es hier aber einfach nirgends zu geben scheint und kaufen am Ende 20w50. Auf dem Rückweg genießen wir noch frischen Granatapfelsaft und Orangen- Karottensaft,  beides köstlich und herrlich erfrischend. Wir kommen auch an einer Bäckerei vorbei und kaufen frisches Fladenbrot. Da wir warmem Brot nicht wiederstehen können probieren wir direkt und Matze beißt auf einen Stein? Wir schauen uns daraufhin die Bäckerei genauer an: Das Fladenbrot wird in einem Holzfeuerofen gebacken, der mit kleinen Steinchen ausgelegt ist. Diese geben dem Brot ein löchriges Muster und sie werden nach dem Kauf auf einem Gitter abgerieben.

 

Dienstag, 03.10.2017 Tabriz-irgendwo in der Nähe von Makh: 275 km

Wir verlassen heute unseren grünen Stadtpark in Tabriz und fahren weiter in Richtung Südosten. Sowohl in der Stadt als auch auf der gesamten Strecke wird über uns gehupt, uns gewunken und uns „Welcome to Iran“ zugerufen! Unterwegs machen wir noch einen kurzen Abstecher in die kleine Felsenstadt Kandovan.

An einem Rastplatz sind wir schnell umringt von Iranern die mit uns reden möchten, und wir bekommen Äpfel, Nektarinen und frische Walnüsse geschenkt. Die Landschaft hier im nördlichen Iran ist wirklich schön und die Straßen sind super.  An einer Art Rasthof möchten wir etwas essen, die Karte ist allerdings komplett auf Farsi. Wir bestellen einfach zweimal irgendwas und bekommen… gegrillte Hähnchenspieße (Chicken Kebab) mit Reis serviert; schmeckt lecker! Uns fröstelt es ganz schön auf der Fahrt, und bei einer weiteren Pause sehen wir bereits dunkle Wolken aufziehen. Es wird kalt hier im nördlichen Iran. 

Während wir mit 100 km/h über die Autobahn brettern,  fahren zwei Iraner im Auto permanent neben uns her und bieten uns Tee aus ihrer Thermoskanne an 😉 In der Dämmerung machen wir abseits der Straße einen Feldweg ausfindig, der zu einigen Bäumen und einem kleinen Bächlein führt, hier schlagen wir unser Zelt für die Nacht auf. Der idyllische Ort entpuppt sich in der Nacht als Schauplatz eines Horrorszenarios für Camper: Es donnert ohrenbetäubend laut, ein Gewitter ist direkt über uns, bei jedem Blitz ist es taghell im Zelt und es schüttet wie aus Eimern.  Wir erleben das Gegenteil einer erholsamen Nacht!

 

Mittwoch, 04.10.2017 In der Nähe von Makh- Zandschan: 150 km

Als wäre die Gewitternacht nicht schon schlimm genug gewesen, fängt es morgens nachdem wir das Zelt abgebaut haben auch noch an zu Hageln! Im Vorfeld dachten wir beim Iran an Wüsten und Dattelpalmen, weniger an Kälte und Hagelstürme! Unter unserer Plane harren wir aus bis es etwas besser wird und dann wollen wir uns schnell aufmachen, weiter in Richtung  Süden.

Matze fährt erstmal ohne Melli los, denn das Gelände scheint uns nach dem Regen nicht mehr so gut befahrbar. Er kommt nicht weit und kippt um! Sein Fuß steckt unterm Koffer fest und wir müssen erstmal die beiden Koffer und das ganze restliche Gepäck abbauen um ihn rauszubekommen, und Gregor wieder aufstellen zu können. Doch auf dem Weg runter vom Acker in Richtung Feldweg ohne Gepäck, der nächste Umfaller! Das Ganze auch noch am Hang und wir kriegen die Maschine nur mit Mühe und Not überhaupt wieder hoch. Und jetzt steckt Gregor richtig fest. Bei jedem Versuch weiter zu fahren gräbt er sich nur noch tiefer in den Acker, Melli drückt und schiebt von Hinten, wir sind komplett mit Erde verdreckt und kommen kein Stück weg. Wir versuchen in allen erdenklichen Varianten vorwärts zu kommen….irgendwann blockiert das Vorderrad komplett. Es ist eiskalt, nass und wir frieren. Wir legen Gregor wieder hin und versuchen ihn irgendwie auf den Feldweg zu ziehen, der etwas oberhalb gelegen ist. Blöde Idee, wir kriegen ihn nicht mal in die Nähe des Weges. Nicht verwunderlich, Gregor wiegt ja auch über 240 kg. In solch einer Situation zerreißen sogar Nerven wie Drahtseil und wir sind einfach nur fix und fertig und wissen nicht mehr weiter! Melli erkennt den Grund für das blockierte Vorderrad: Der Fender ist komplett zugestopft  mit Erde und Schlamm, also schraubt Matze ihn teilweise ab, damit wir mit Schraubenzieher und Co. irgendwie den Dreck rauspuhlen können. Danach hat Matze eine Idee: Wir legen unsere Baumarktplane vor den Vorderreifen und Matze schafft es drauf zu fahren, Melli legt die Picknickdecke vor den Vorderreifen und es klappt, die Plane rutscht nicht durch und Matze kann bis auf die Picknickdecke fahren. Mit dieser Taktik schaffen wir uns Stückchen für Stückchen voran. Nach über einer halben Stunde erreichen wir endlich den nur 20 Meter entfernten Feldweg! Mit den Nerven total am Ende und frierend müssen wir nun auch noch unser ganzes Gepäck vom Zeltplatz zum Motorrad schleppen. Im Nachhinein bereuen wir es keine Fotos von der Aktion zu haben. Aber in diesem Moment der puren Verzweiflung, Gregor im Acker steckend, schlammbedeckt im Regen stehend und ausnahmsweise nicht gerade ein harmonisches Paar abgebend, dachten wir nicht daran die Kamera zu zücken.

In der Hoffnung auf einen ähnlichen guten Zeltplatz wie in Tabriz, machen wir uns nix wie weg von dem „Scheißacker“, dem „Scheißwetter“, der „Scheißstimmung“ und der „Scheißkälte“; ab in die nächste größere Stadt Zandschan. Nach ca. 100 km erreichen wir endlich den ersehnten Sonnenschein und tanken erstmal Wärme, Energie und Benzin an einer Raststätte.

Laut Navi gibt es einen Park mit Campingmöglichkeit, und da bereits Iraner dort zu campen scheinen, schlagen auch wir unser Zelt auf. Es kommen unzählige Jugendlich mit ihren kleinen Motorrädern vorbei und wir machen wie schon so oft im Iran hunderte Selfies mit ihnen. Motorräder über 200 ccm sind hier verboten und dadurch ist Gregor immer ein richtiges Highlight für die Iraner, es gibt oft einen richtigen Rummel um uns, daran haben wir uns schon gewöhnt.  Doch dieses Mal sind die Jugendlich unglaublich interessiert, auch an allen Bauteilen, an dem Kardanantrieb und sie fassen auch alles an, das kennen wir bisher so nicht. Ganz geheuer ist uns die Situation auch nicht. Gegen Abend werden die Toiletten abgesperrt und die Iraner bauen ihr Zelt wieder ab? Wir sind allerdings viel zu müde um heute noch weiter zu ziehen, bauen unsere Koffer und die Gepäckrolle von Gregor ab, nehmen sie mit unser Zelt und legen uns schlafen. Kurz darauf bekommen wir Besuch am Zelt: Ein iranischer Polizist auf einem kleinen Motorrad.  Mithilfe eines miesen Übersetzungsprogramm auf seinem Handy (Google Services sind genauso wie Facebook im Iran gesperrt) erklärt er uns, dass er besorgt ist um unsere Sicherheit und vor allem die Sicherheit unseres Motorrades. Er geht davon aus, dass Jugendliche sobald wir schlafen alles abschrauben würden was sie können. Wir sind eigentlich viel zu müde, und fahren normalerweis auch nicht im Dunkeln. Auch haben wir nicht so große Bedenken…  Aber der Polizist lässt einfach nicht locker und da wir heute sowieso eher ein ungutes Gefühl haben, bauen wir alles wieder ab und packen in Rekordzeit  zusammen. Wir sollen in der Nähe eines Hotels zelten, welches wir auch relativ problemlos finden. Allerdings irren wir eine Weile hin und her bis wir einen möglichen Zeltplatz finden.  In einem Freizeitpark mit Riesenrad und See schlagen wir unser Zelt auf einer Wiese im Eingangsbereich auf, in Sichtweite eines Wachmanns. Per Hand und Fuß erklären wir ihm dass er ein Auge aufs Motorrad haben soll, bauen zum zweiten Mal für heute unser Zelt auf und können endlich beruhigt schlafen.

 

Donnerstag, 05.10.2017 Zandschan-Zwischen Zandschan und Kaschan: 400 km

Wir entscheiden uns gegen einen Besuch in der iranischen Hauptstadt Teheran. Die Luftverschmutzung soll hoch sein, und wir empfinden große Städte als stressig mit unserer Maschine. Generell ist der Verkehr in iranischen Großstädten sehr nervenaufreibend für uns und nicht immer ganz ungefährlich. Als nächstes Ziel peilen wir daher die kleinere Stadt Kaschan, südlich von Teheran an. Auf unserem Weg dorthin kommen wir in Soltanyeh vorbei, bekannt für das Öldscheitü-Mausoleum. Dieses wurde im Jahr 1312 fertiggestellt und besitzt eine riesige Rundkuppel die mit türkisenen Kacheln verkleidet ist.

Bis nach Kaschan ist es uns heute zu weit. Über eine Offroad-Piste, einige Kilometer abseits des Highways, finden wir am späten Nachmittag einen super Platz zum Zelten. Wir genießen die schöne, wüstenähnliche Natur und die Ruhe.

 

Freitag, 06.10.2017 Zwischen Zandschan und Kaschan – Kaschan: 80 km

Nach einer angenehmen Fahrt erreichen wir Kashan am Nachmittag. Wir befinden uns hier am Rande der zentraliranischen Wüste und endlich wieder in warmen Gefilden. Wie sich nun herausstellt befindet sich das im Voraus rausgesuchte Hotel mitten in dem engen Gassengewirr der Altstadt. Die Häuser bestehen aus Lehm und wir fühlen uns wie in einem orientalischem Märchen.

Wir wagen uns mit dem Motorrad hinein und werden belohnt: Das „Sana Historical House“ ist ein traditionelles Gebäude mit ruhigem Innenhof, Feigenbaum und hübschem Zimmer. Gregor dürfen wir in einer Garage in der Nähe parken. Die Nacht kostet uns hier 35 €, für iranische Hotels nicht teuer!

Abends gehen wir in das Abbasie Tea House & Traditional Restaurant  und kosten Dizi und Khoresht-e Bademjan.  Beides schmeckt uns sehr gut! Auf dem Rückweg schlendern wir ein wenig durch die verwinkelten Gässchen und sehen uns die hübsche und ruhige Aqa-Bozorg-Moschee an.

Für uns war es eine gute Entscheidung nach Kashan zu fahren, uns gefällt die gemütliche kleine Altstadt sehr und wir fühlen uns hier wohler als im großen Tabriz.

 

 

Samstag, 07.10.2017 Kashan: 0 km

Der Tag beginnt mit einem Frühstück aus Fladenbrot, Gemüse, hartgekochtem Ei, köstlichen Datteln und Tee, welches uns im traditionellen Innenhof serviert wird. Im Anschluss erkunden wir den Bazar von Kashan. Es gibt hier neben viel Ramsch auch einige Schätze zu entdecken und der Besuch lohnt sich vor allem wegen der wunderschönen Architektur der Markthallen. Zufällig entdecken wir ein  Teehaus, das sich in einem ehemaligen Badehaus versteckt und genießen hier einen Tee.

Wir besichtigen außerdem das Sultan-Amir-Ahmad-Badehaus,  ein historisches Badehaus (Hamam) aus dem 16. Jahrhundert t. Im Inneren ist es mit Fliesenarbeiten, Stuck, Ziegelwerk und Malereien verziert. Das begehbare Dach besteht aus vielen Kuppeln mit Konvexlinsen die der Lichtversorgung im Inneren dienen.

Da uns die Atmosphäre des Bazars sehr gefällt, suchen wir ihn am Abend noch einmal auf. Matze entdeckt eine winzige Treppe die in ein kleines, höhlenartiges  Café hinunter führt. Dort probieren wir die köstlichste Limonade mit traditioneller Garnitur:

Es gibt nur zwei Gerichte auf der Karte, von Farsi ins Englische übersetzt als  „Omelette“ und „Eggplant“. Ohne zu wissen was uns erwartet, bestellen wir einfach mal beides und werden nicht enttäuscht. Vielmehr sind wir begeistert von der Einfachheit des Essens, das in Kombination mit unglaublich gutem Geschmack daher kommt!